# taz.de -- Arabische Bevölkerung in Israel: Gewalt, organisierte Kriminalität und das Wegsehen
       
       > In der arabischen Community in Israel kommt es immer häufiger zu schwerer
       > Gewaltkriminalität. Die Polizei allerdings interessiert sich kaum dafür.
       
 (IMG) Bild: Der Tatort: der Friseurladen, in dem Mahmud Gawi im Januar erschossen wurde
       
       Jamil Abdulrahman Gawi sitzt auf einem weißen Plastikstuhl, die Hände im
       Schoß ineinander verschränkt. Als der Bürgermeister die Moschee betritt und
       auf ihn zutritt, steht er auf. Bürgermeister Firas Badahi reicht Gawi die
       Hand, spricht ihm abermals sein Beileid aus.
       
       Nur drei Tage zuvor ist Gawis Neffe Mahmud Gawi in der arabischen Stadt
       Kfar Qara südöstlich von Haifa in seinem Friseursalon von zwei maskierten
       Männern erschossen worden. Es ist Anfang Januar und Gawis Neffe ist in
       diesem Jahr bereits das siebte Opfer der explodierenden Gewalt und
       organisierten Kriminalität in Israels palästinensischer Bevölkerung.
       
       Bis Mitte Oktober wird die Zahl der in Israel gewaltsam ums Leben
       gekommenen Palästinenser*innen in diesem Jahr bereits auf 176
       gestiegen sein – im Schnitt bedeutet das ein Toter alle anderthalb Tage.
       Jüngst war am 13. Oktober ein 20-Jähriger in der Stadt Umm al-Fahm im
       Norden Israels erschossen worden.
       
       „Es sind sehr schwere Tage für unsere Familie“, sagt Gawi. Bürgermeister
       Badahi hat ihm gerade mitgeteilt, dass die Polizei den Leichnam seines
       Neffen freigegeben hat. Er kann nun bestattet werden. „Mahmud hatte nichts
       mit Kriminalität zu tun. Er war 30 Jahre alt und wollte sich mit dem
       Friseursalon eine Zukunft aufbauen.“ Von morgens bis abends sei er im Laden
       gewesen. „Für Kinder oder Ältere hat er Haarschnitte umsonst angeboten“,
       sagt Gawi.
       
       ## 21 Prozent der Bevölkerung, aber 75 Prozent der Mordopfer
       
       Er wisse nicht, wer seinen Neffen erschossen hat, sagt Gawi. Und er habe
       wenig Hoffnung, es je zu erfahren. „Als die Polizei kam, hat sie uns eher
       wie Schuldige als wie die Angehörigen eines Mordopfers behandelt“, sagt er.
       „Sie klären diese Fälle nicht auf.“
       
       Gawi spricht über das, was sich in der arabischen Gemeinschaft verändert
       hat in den vergangenen Jahren. „Ich fühle mich nicht mehr sicher.“ Fast
       täglich höre man in den Nachrichten von Schüssen, von Gewalt, von
       Verletzten und Toten. „Mütter haben Angst, ihre Kinder im Laden um die Ecke
       Milch holen zu schicken, oder sie im Park spielen zu lassen“, sagt Gawi.
       „Menschen trauen sich nicht, abends noch das Haus zu verlassen.“
       
       Palästinenser*innen machen in Israel etwa 21 Prozent der
       Staatsbürger*innen aus. Unter den Mordopfern lag ihr Anteil zwischen
       2021 und 2024 aber bei 75 Prozent. Und die Zahl der Morde in der arabischen
       Bevölkerung ist in den vergangenen Jahren massiv angestiegen. 2025 war das
       bisher tödlichste Jahr: 252 Menschen kamen gewaltsam ums Leben, und auch
       2026 ist geprägt von tödlichen Schüssen, Messerstechereien und Brandsätzen.
       
       Meist geht es um organisierte Kriminalität, die zunehmend alle Hemmungen
       verliert. Um gezielte Morde, aber auch um Menschen, die zur falschen Zeit
       am falschen Ort sind. Und um die israelische Politik und Polizei, die dem
       keinen Einhalt gebieten.
       
       ## Kein Verlass auf die israelische Polizei
       
       Eine halbe Stunde, bevor Bürgermeister Badahi die Familie Gawi in der
       Moschee aufsucht, sitzt er in seinem Büro und spricht über ebendieses
       Thema. Über die eskalierende Gewalt in seiner Gemeinde und vielen anderen
       palästinensischen Gemeinden in Israel. Über organisierte Kriminalität, über
       Schutzgelderpressung, Bandenkrieg und über die Angst der Menschen, abends
       überhaupt noch auf die Straße zu gehen. Darüber, wie die Zahl der Morde in
       der palästinensischen Community sich in den vergangenen zehn Jahren in etwa
       vervierfacht hat.
       
       All das illustriert Badahi mit einer Powerpoint-Präsentation, die er eigens
       auf Englisch hat verfassen lassen, um international Aufmerksamkeit zu
       erregen. „Auf die israelische Polizei können wir uns nicht verlassen“, sagt
       Badahi. „Die tut nichts, um diese Morde zu verhindern, und auch nichts, um
       sie aufzuklären.“ In den vergangenen Jahren seien sehr wenige der Morde in
       der palästinensischen Gemeinschaft aufgeklärt worden – anders als bei
       Morden an jüdischen Israelis.
       
       Das bestätigen Zahlen der Knesset: Demnach wurden zwischen 2021 und 2024
       nur 20 Prozent der Morde an Palästinenser*innen angeklagt, im
       Gegensatz zu 65 Prozent auf der jüdischen Seite.
       
       Diese tödliche Eskalation habe eine politische Dimension – und eine lange
       Vorgeschichte, sagt auch Shahira Shalaby. Sie ist Co-Geschäftsführerin der
       Abraham Initiatives, einer israelischen jüdisch-palästinensischen
       Organisation, die sich für die Rechte der palästinensischen Bevölkerung
       einsetzt. „Vor 25 Jahren hatte der Staat mit organisierter Kriminalität und
       Gewalt innerhalb der jüdischen Bevölkerung zu kämpfen“, sagt Shalaby.
       
       ## Schutzgeld, Drogen, Waffenhandel
       
       „Diese Organisationen haben damals arabische Kriminelle für die
       Drecksarbeit benutzt“, sagt Shalaby. Die Polizei sei hart gegen diese
       Gruppen vorgegangen und hätte das Problem in den Griff bekommen. „Aber es
       entstand ein Vakuum, und die arabischen Kriminellen haben einfach
       weitergemacht – nur dass es sich jetzt gegen die arabische Bevölkerung
       richtete.“
       
       Es habe klein angefangen, mit Schutzgelderpressung in kleinen Geschäften.
       „Aber diese Gruppen wurden nicht gestoppt und bauten ihren Einfluss aus.
       Kontrolle über den Schwarzmarkt, Waffengeschäfte, Drogen, Kredite.
       Inzwischen kontrollieren sie alles, von den Geschäften vor Ort bis hinein
       in die lokalen Verwaltungen und somit auch öffentliche Gelder und
       Aufträge“, sagt Shalaby.
       
       Die prekäre Lage vieler Palästinenser*innen in Israel sei dabei von
       Vorteil für die Kriminellen. „Viele junge Menschen haben überhaupt keine
       Perspektive. Sie finden keinen Uni-Platz, keinen Job, sie werden
       strukturell diskriminiert und haben keine Aussichten, sich hier ein gutes
       Leben aufzubauen“, sagt Shalaby. „Dann kommt die Mafia und bietet ihnen
       Geld und Jobs.“
       
       Gleichzeitig verließen viele Familien das Land. „Vor allem die gut
       Ausgebildeten, die das nötige Geld dafür haben“, sagt Shalaby. „Die Mafia
       fordert Schutzgeld von ihnen – und bevor sie sich und ihre Familie dieser
       Gefahr aussetzen, machen sie lieber das Geschäft zu und fliehen vor der
       Gewalt. Aber diese Menschen fehlen uns, um die arabische Gesellschaft in
       Israel voranzubringen.“
       
       ## Programme für Entwicklung und Prävention werden gekürzt
       
       Das israelische Institute for National Security Studies (INSS) kam in einer
       Publikation im Sommer 2024 zu dem Schluss, die steigende Zahl an
       Tötungsdelikten spiegle „deutlich die Nachlässigkeit, mit der Ministerien,
       die Polizei und Strafverfolgungsbehörden“ die Probleme der arabischen
       Gesellschaft allgemein wie auch mit Blick auf die Kriminalität behandelt
       habe. Und dass sich daraus ein Problem für die nationale Sicherheit
       insgesamt entwickle.
       
       „Diese Vernachlässigung ist kein Zufall“, heißt es in dem Bericht. Vielmehr
       sei es eine konkrete Folge der „bewussten Entscheidung“, pauschale
       Kürzungen etwa bei Programmen vorzunehmen, die eigentlich auf die
       Entwicklung der arabischen Gesellschaft und auf die Bekämpfung von
       Kriminalität und Gewalt abzielten.
       
       Es sind Entscheidungen, die Israels Regierung getroffen hat – und weiter
       trifft. Tatsächlich hat sie gerade erst etwa eine Milliarde Shekel (etwa
       290 Millionen Euro) für den Kauf von 12 Apache-Hubschraubern umgewidmet,
       die ursprünglich zum größten Teil für ebensolche Programme eingeplant
       waren.
       
       Ende 2022 wurde die aktuelle israelische Regierung vereidigt. Ein Blick auf
       Todesopfer von Kriminalität und Gewalt in der arabischen Bevölkerung zeigt:
       Seitdem sind die Zahlen, die schon vorher leicht angestiegen sind,
       explodiert. Während es im Jahr 2022 noch 116 Fälle gab, stieg die Zahl 2023
       auf 224. Dann folgte das bisher tödlichste Jahr 2025, mit 252 Fällen. Die
       kriminellen Gruppen hätten sich auch ein inländisches Sicherheitsvakuum
       zunutze gemacht, das durch den Krieg in Gaza entstanden sei – ebenso wie
       die zunehmend angespannte Lage der arabischen Bevölkerung, so das Institute
       for National Security Studies.
       
       ## Israels Polizei weist alle Vorwürfe von sich
       
       Im Zentrum steht beim Umgang mit der Kriminalität der rechtsextreme
       Politiker [1][Itamar Ben-Gvir]. „Ein bekennender Rassist, ein Mann, der
       seine gesamte politische Laufbahn damit verbracht hat, gegen Araber zu
       hetzen, und der nun das Amt des Ministers für nationale Sicherheit
       bekleidet“, schrieb 2025 Amnon Beeri-Sulitzeanu, der andere
       Co-Geschäftsführer der Abraham Initiatives, in der Times of Israel. Es sei
       „zweifelhaft, ob er arabische Bürger überhaupt schützen will“. Ben-Gvir
       selbst wiegelte Mitte Oktober ab und erklärte, die Morde beträfen ohnehin
       „vor allem kriminelle Familien“.
       
       Die meisten Betroffenen hätten nichts mit Machenschaften der Unterwelt zu
       tun, erklärte im Juli hingegen Haim Sargaroff, Polizeichef des Bezirks Tel
       Aviv. Wie andere Polizeivertreter vor ihm sprach auch er von einem
       „nationalen Notstand“.
       
       Den Vorwurf der Vernachlässigung weist Israels Polizei von sich. Anfang des
       Jahres erklärte Israels Polizeichef Dany Levy, die Beamten seien nicht
       ausreichend ausgerüstet, um die Kriminalitätswelle zu bekämpfen. Die
       Strafverfolgungsbehörden könnten ihre Arbeit nicht erledigen, wenn „uns die
       Hände gebunden, die Ohren verstopft und die Augen verbunden sind“, sagte
       er.
       
       Im Juli entschied die Regierung, der Inlandsgeheimdienst Shin Bet solle
       sich des Problems annehmen – für jüdische organisierte Kriminalität
       hingegen sei weiterhin die Polizei zuständig. Das Forum der arabischen
       Bürgermeister kritisierte diesen Vorschlag. Nicht weil sie keine
       entschiedene Bekämpfung der Kriminalität fordern – diese sei eine nationale
       Priorität. Aber das Geld dafür, 500 Millionen Shekel (etwa 145 Millionen
       Euro), soll abermals aus ebenjenen Töpfen genommen werden, die eigentlich
       für Bildung, Soziales und Infrastruktur in der arabischen Community
       vorgesehen waren. Dieses Geld sei zentral auch in der Prävention von
       Kriminalität, so die Bürgermeister.
       
       ## Arabische Perspektiven müssen stärker in die Knesset!
       
       „Die Polizei muss endlich entschlossen handeln, um jene zu stoppen, die
       andere bedrohen und umbringen“, sagt Shahira Shalaby. Natürlich seien auch
       die Bürgermeister der arabischen Ortschaften in der Pflicht. „Aber ihr
       Einfluss auf die Strafverfolgung ist begrenzt. Ihre Aufgabe ist es eher,
       die Menschen zu überzeugen, überhaupt mit der Polizei zu sprechen.“ Hier
       sei in den vergangenen Jahren viel Vertrauen verloren gegangen. „Außerdem
       müssen wir es der Mafia erschweren, junge Menschen zu rekrutieren – durch
       Bildungsprogramme, die jungen Menschen echte Perspektiven eröffnen. Dafür
       muss es Finanzierung geben“, so Shalaby. „Aber von der aktuellen Regierung
       ist da nichts zu erwarten.“
       
       Umso wichtiger seien die Parlamentswahlen, die in Israel Ende Oktober
       anstehen. „Die Wahlbeteiligung der arabischen Bevölkerung ist oft sehr
       niedrig, sie liegt bei gerade mal rund 55 Prozent“, sagt Shalaby. „Wir
       versuchen, die Menschen zum Wählen zu ermutigen – damit arabische
       Perspektiven und Bedarfe in der nächsten Knesset stärker vertreten sind.“
       Im Idealfall wäre ihr Ergebnis so stark, dass die [2][arabischen Parteien]
       sich als mögliche Koalitionspartner ins Spiel bringen könnten. „Aber in den
       vergangenen Monaten hat sich der politische Diskurs in dieser Hinsicht
       massiv verschärft und verschiedene Parteien haben die Zusammenarbeit mit
       arabischen Repräsentanten explizit ausgeschlossen“, sagt Shalaby.
       
       Entmutigen lassen will sie sich nicht. „Ich nehme immer mehr Stimmen in der
       arabischen Gesellschaft wahr, die politische Verantwortung, mehr
       Mitbestimmung und eine aktive Rolle bei der Gestaltung der Zukunft dieses
       Landes einfordern“, sagt Shalaby. Trotz aller Bedenken hoffe sie, „dass
       [3][diese Wahlen der Politik der derzeitigen Regierung ein Ende bereiten]
       und dass die nächste Regierung eine sein wird, die Rassismus ablehnt, die
       Demokratie schützt und die Rechte aller Bürger achtet“, so Shalaby.
       
       19 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Entsetzen-ueber-Mordplaene/!6205224
 (DIR) [2] /Wahlen-in-Israel/!6218499
 (DIR) [3] /Israel-vor-den-Parlamentswahlen/!6196635
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dinah Riese
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Israel
 (DIR) Israelische Araber
 (DIR) Organisierte Kriminalität
 (DIR) Kriminalität
 (DIR) Polizei
 (DIR) GNS
 (DIR) Reden wir darüber
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Weniger Geld für Welternährungsprogramm: UN müssen Lebensmittelhilfe in Gaza immens streichen
       
       Im Gazastreifen verlieren Hunderttausende Menschen ihre Unterstützung durch
       das Welternährungsprogramm. Die Kürzungen erfolgen kurz vor Beginn des
       Winters.
       
 (DIR) Wahlen in Israel: Arabische Parteien zur Wahl zugelassen
       
       Der Oberste Gerichtshof in Israel hat den arabischen Parteien erlaubt, an
       der Parlamentswahl Ende Oktober teilzunehmen. Bis auf einen Kandidaten.
       
 (DIR) Israel vor der Parlamentswahl: Wer antreten darf – und wer nicht
       
       Die israelische Wahlkommission stimmt für den Ausschluss arabischer
       Parteien. Das letzte Wort hat das Oberste Gericht. Auch gegen Rechte gibt
       es Ausschlussanträge.
       
 (DIR) Vor den Wahlen in Israel: Nach Bibi
       
       Im Oktober wählt Israel einen neuen Ministerpräsidenten. Eine Mehrheit will
       Netanjahu nicht mehr. Aber was kommt danach?