# taz.de -- Ukrainische Gegenoffensive im Donbass: „Operation Vivaldi“ bringt Russland aus dem Takt
       
       > Die Ukraine befreit gerade wieder mehr Territorium, als sie verliert. Ein
       > wichtiger russischer Vorstoß konnte gestoppt und zurückgedrängt werden.
       
 (IMG) Bild: Die Offensive der Ukraine wird hoffentlich den abgekämpften Soldaten in Nachbarfrontabschnitten wie hier in Saporischschja eine Atempause verschaffen
       
       Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die Ukraine in den
       vergangenen Monaten signifikante Erfolge an der Kriegsfront im Donbass
       erzielt. Die „Operation Vivaldi“, deren Details nach ihrem Ende jetzt erst
       öffentlich werden, hat [1][nach Einschätzung des US-amerikanischen
       Institute for the Study of War] das russische Kriegsziel, den gesamten
       Donbass zu erobern, vorerst vereitelt.
       
       Die Operation spielte sich nördlich der Kleinstadt Lyman ab, ein wichtiger
       Eisenbahnknotenpunkt im Norden des Gebiets Donezk mit knapp 30.000
       Einwohnern zu Friedenszeiten. Wer Lyman kontrolliert, beherrscht die
       Verkehrswege der Region. Zu Beginn der russischen Großinvasion 2022 war
       Lyman ein gutes halbes Jahr lang russisch besetzt, aber im Zuge der ersten
       großen ukrainischen Gegenoffensive im Herbst 2022 konnte die Stadt befreit
       werden. Die Front stabilisierte sich danach in diesem Bereich etwa entlang
       des Flusses Scherebez.
       
       Ab Herbst 2024 überquerten russische Einheiten den Fluss wieder, setzten
       sich am Westufer fest und drangen Ende 2025 bis an den Stadtrand von Lyman
       vor. Infiltrationen in den hügligen Wäldern ringsum drohten den
       ukrainischen [2][„Festungsring“ um die Donbass-Städte Slowjansk, Kramatorsk
       und Konstantinywka] von Norden her, also von hinten, aufzurollen.
       
       Lyman im Norden und Dobropillja im Süden sind die beiden logistisch
       wichtigsten Orte, deren Kontrolle darüber entscheidet, ob diese letzte und
       wichtigste ukrainische Verteidigungslinie im Donbass hält oder in die Zange
       genommen werden kann. Fallen Lyman und Dobropillja beide, fällt der
       Donbass.
       
       ## Immense strategische Bedeutung
       
       Der Nordteil der Zange ist nun Geschichte. Die „Operation Vivaldi“,
       begonnen im Mai, hat erst die russischen Truppen aus dem Umland von Lyman
       zurückgedrängt und dann das gesamte Gebiet westlich des Flusses Scherebez
       von russischen Truppen geräumt, mit Vorstößen von teilweise über 20
       Kilometern und präzisen Schlägen gegen die russische Logistik im
       Hinterland. Am Montag bestätigte das ukrainische Militär, auf breiter Front
       den Fluss und damit das Hauptziel der „Operation Vivaldi“ erreicht zu
       haben. Die [3][Befreiung von bis zu 300 Quadratkilometern] und zahlreicher
       weitgehend zerstörter Dörfer fällt von der Fläche her wenig ins Gewicht,
       aber das Zurückdrängen der Russen hinter den Fluss und damit der Stopp
       einer ihrer zentralen Offensivlinien ist von immenser strategischer
       Bedeutung.
       
       Offiziell bestätigt wurde die Operation erst im September – wohl auch,
       damit man in Moskau darauf nicht aufmerksam wird und keine Verstärkung
       schickt, weil russische Frontkommandeure sich oft scheuen, ihre Misserfolge
       nach oben zu melden. Frühere ukrainische Gegenoffensiven scheiterten oft
       daran, dass Russland sich rechtzeitig darauf einstellen konnte. Dieser
       Fehler wurde jetzt nicht wiederholt.
       
       Bleibt der südliche Teil der Zange um die Kleinstadt Dobropillja. Russland
       reklamiert die Kontrolle der Stadt, die Ukraine bestreitet das. Das ist
       auch ein Thema bei den laufenden Gesprächen zwischen ukrainischen und
       US-amerikanischen Unterhändlern. Die USA gehen offenbar davon aus, dass die
       zunehmend fiktiven russischen Angaben über ihre Stärke und territoriale
       Kontrolle stimmen. Die Ukraine versucht dies jetzt durch mehr
       Öffentlichkeit zu widerlegen. Inzwischen [4][konnten sich auch
       Journalisten] von den Erfolgen der „Operation Vivaldi“ vor Ort überzeugen.
       Seit September erobert die Ukraine konstant mehr Gebiete zurück, als sie an
       Russland verliert.
       
       21 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://understandingwar.org/research/russia-ukraine/ukraine-disrupts-russias-donetsk-offensive/
 (DIR) [2] https://understandingwar.org/research/russia-ukraine/the-importance-of-ukraines-fortress-belt-geospatial-intelligence-terrain-analysis/
 (DIR) [3] https://understandingwar.org/map/settlements-liberated-as-part-of-the-ukrainian-3rd-army-corps-operation-vivaldi-as-of-october-14-2026/
 (DIR) [4] https://www.welt.de/videos/video6ad6fc98199dc15f1abda05e/krieg-in-der-ukraine-wir-haben-das-dorf-zurueckerobert-operation-vivaldi-traegt-fruechte.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominic Johnson
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Ukraine
 (DIR) Front
 (DIR) Krieg
 (DIR) Donbass
 (DIR) Social-Auswahl
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Ukraine als Ziel russischer „Humanisten“: Trotz angeblicher Verhandlungsbereitschaft greift Moskau an
       
       Kaum sind die Gespräche von Trumps Sondergesandtem Steve Witkoff im
       russischen St. Petersburg vorbei, feuert der Kreml wieder Raketen auf die
       Ukraine.
       
 (DIR) Ukrainegespräche in St. Petersburg: „Momentum für die Beendigung des Krieges“
       
       Der US-Sondergesandte Witkoff sieht gute Voraussetzungen für ein Ende des
       Ukrainekrieges. Die Ukraine erklärt sich zur Anerkennung der derzeitigen
       Frontlinie bereit.
       
 (DIR) Drohnentraining in der Ukraine: Die Front hält stand – aber Ukrainer fürchten um ihre Städte
       
       Vor dem Hintergrund der Gespräche zwischen Wladimir Putin und Steve Witkoff
       befürchten Ukrainer noch heftigere Angriffe auf ihre Großstädte.
       
 (DIR) „Friedensverhandlungen“ in Oslo: Selenskyjs Abwehrkampf gegen Trump
       
       Washingtons maßlose Forderungen belasten Verhandlungen über einen möglichen
       Waffenstillstand. Kremlchef Putin lockt mit lukrativen Wirtschaftsdeals.
       
 (DIR) Deportation von Kindern nach Russland: Der Kreml will „kleine Russen“ aus ihnen machen
       
       Tausende ukrainische Kinder wurden seit 2022 in Putins Reich deportiert.
       Ein Sachbuch zeichnet das Leid von vier Familien nach, die bis heute
       hoffen.
       
 (DIR) Russische Angriffe auf Kyjiw: Kein Versteck, nirgends
       
       Die ukrainische Hauptstadt Kyjiw ist täglich russischen Angriffen
       ausgesetzt. Um Schutzräume aufzusuchen, bleibt vielen Menschen immer
       weniger Zeit.