# taz.de -- Roman „Das tickende Herz“: In einer wunderlich verstrahlten Welt
       
       > Lutz Seiler geht in „Das tickende Herz“ kreative Wagnisse ein und lässt
       > das Magische realistisch erscheinen. Von Berlin bis Semipalatinsk spannt
       > sich die Handlung.
       
 (IMG) Bild: Der neue Roman knüpft an den Vorgänger „Stern 111“ an: Lutz Seiler in Berlin-Prenzlauer Berg
       
       Nur zwei Schriftsteller haben in ihrer Karriere alle vier wichtigsten
       deutschen Literaturpreise gewonnen. Neben [1][Terézia Mora] hat [2][Lutz
       Seiler] diesen Grand Slam aus Büchnerpreis, Bachmannpreis, Buchpreis und
       dem Preis der Leipziger Buchmesse vorzuweisen. Nun ist mit „Das tickende
       Herz“ sein neuer Roman erschienen – kann er das Versprechen dieser
       preisgekrönten Karriere einlösen?
       
       Der 63-Jährige knüpft in diesem Roman an Bekanntes an. Wie im Vorgänger
       [3][„Stern 111“] steht der Lyriker und Maurer Carl Bischoff im Mittelpunkt.
       Zur Erinnerung: Carl zog unmittelbar nach der Wende aus der thüringischen
       Provinz in den wilden Osten des wiedervereinigten Berlins auf der Suche
       nach Liebe und künstlerischer Selbstverwirklichung.
       
       Die Handlung setzt etwa zehn Jahre später wieder ein, wir befinden uns im
       Prenzlauer Berg kurz nach der Jahrtausendwende. Eigentlich ist alles beim
       Alten, Carl ist nach wie vor ein erfolgloser Lyriker mit großen
       romantischen Ambitionen. Allein sein Wohnsitz hat sich 100 Meter weiter
       nach Osten auf die andere Seite der Prenzlauer Allee verlagert.
       
       Dass er zwischen „Stern 111“ und „Das tickende Herz“ eine Beziehung geführt
       hat und aufs Land gezogen ist, spielt keine Rolle. Mit einer Trennung, die
       kurz vor dem Einsetzen der Handlung vollzogen wird, und der Rückkehr in die
       Hauptstadt stellt Seiler den bekannten Ausgangszustand wieder her.
       Verändert hat sich der historische Kontext; während Carl im Berlin der
       frühen Neunziger noch ein Stemmeisen und ein neues Schloss genügten, um
       eine ohnehin leerstehende Altbauwohnung zu beziehen, ist er nun auf die
       Gunst von Maklern angewiesen.
       
       „Das tickende Herz“ spannt sich von West nach Ost zwischen Amsterdam,
       Berlin, Vilnius und Semipalatinsk auf. Vorangetrieben werden die Ereignisse
       von der mysteriösen Aysha, die Carl im Auftrag einer internationalen
       Gesellschaft für Lyrik kontaktiert. Endlich scheint jemand sein Genie
       entdeckt zu haben, er tritt auf internationalen Festivals auf, und – wie
       könnte es anders sein – verliebt sich in Aysha.
       
       Kurz meint man hier einen klassischen Künstlerroman zu lesen: Eben noch war
       Carl wie auch sein Schöpfer Seiler als Maurer tätig, bevor endlich jemand
       auf sein literarisches Talent aufmerksam wird. Das ist aber nur ein
       winziger Teil dieses Romans, der schwer mit klassischen Genre-Begriffen zu
       fassen ist. Wenn man einmal glaubt, ihn gepackt zu haben, entwindet er sich
       alsbald.
       
       Die einzelnen Stationen von Carls Reise auf dem Weg nach Osten werden mit
       einer solchen Ernsthaftigkeit verhandelt, dass man jedes Mal meint, Carl
       sei angekommen, hier wird er bleiben.
       
       Seiler durchdringt die Phänomene literarisch, etwa, wenn Carls Tätigkeit
       als Maurer in dem Bild des „Kalkdaumens“ gefasst wird: „Wenn der Kalk die
       Haut trocken und spröde machte, schrumpften die Hände. Eine Spannung
       entstand, die den Daumen des Maurers wie von selbst auf den Handteller zog,
       erst den Daumen und dann die anderen Finger, nach und nach, die Hand
       schloss sich zur Faust. Ein Phänomen, das Menschen vom Bau den Kalkdaumen
       nannten.“
       
       Auch die nächste Etappe der Entdeckung Carls auf Lyrikfestivals wird sehr
       ernsthaft angegangen, ein Mikrokosmos von über den Dingen schwebenden
       Künstlern des Wortes eröffnet, doch dann geht die Reise wieder in eine
       vollkommen unerwartete Richtung. Diese Unsicherheit ist meisterlich, weil
       sie eine Ungewissheit über den Fortgang der Handlung erzeugt, in der kein
       Verlass auf gängige Erzählmuster ist. In einer Welt, in der schon vieles
       erzählt wurde, besitzt Seiler die Gabe, grundsätzlich Neues zu schaffen.
       
       Zugleich verliert er sich dabei nicht in postmodernen Spielereien, die
       Handlung besitzt einen Kern, der im Verlauf des Romans freigelegt wird.
       Carl wird in Wirklichkeit gar nicht wegen seines lyrischen Talents entdeckt
       (keines seiner Gedichte ist im Roman zu lesen), sondern wegen seiner
       Erfahrung mit radioaktiver Strahlung; als Kind ist er Opfer eines Unfalls
       im Uranbergbau der DDR geworden.
       
       Aysha wiederum ist Schamanin einer nomadischen „Sippe“, die auf dem
       atomaren Testgelände der UdSSR im heute kasachischen Semipalatinsk siedelt
       und mit den Spätfolgen der Verseuchung kämpft. Von Carl erhoffen sie sich
       Expertise über die Linderung ihrer Schmerzen.
       
       Verbunden werden diese scheinbar losen Enden von magischen Motiven. Carl
       bekommt bei der ersten Begegnung mit Schamanin Aysha eine Knospe in die
       Hand eingepflanzt. Bis zum Endpunkt seiner Reise in Semipalatinsk wird sie
       erblühen. Diese schamanischen Fähigkeiten erscheinen nicht als Hokuspokus.
       In der Welt des „tickenden Herz“ sind sie eine plausible Wirkung
       radioaktiver Verstrahlung. Seilers einzigartige Form lässt das Magische
       realistisch erscheinen.
       
       Allein in der Verhandlung der romantischen Beziehung gehen Seiler die Gäule
       durch. Wie schon in den Vorgängerromanen sind Männer verträumte Schwärmer,
       die auf der Suche nach Liebe nur auf unergründliche, nymphenhafte Sexwesen
       treffen. Im [4][Buchpreisgewinner „Kruso“] taucht so ein Wesen plötzlich im
       Bett des Protagonisten auf, in „Stern 111“ trifft der junge Carl auf seinen
       Schulschwarm, der sich ihm in Nullkommanix zum Akt hingibt.
       
       Seiler und der nun um zehn Jahre gealterte Carl sind sich in „Das tickende
       Herz“ treu geblieben. Die kasachische Schamanin erscheint ungeheuer
       begehrenswert, Carl verfällt ihr im ersten Augenblick, nur bleibt sie aus
       ihm unverständlichen Gründen vollkommen unempfänglich für seine Liebe.
       Okay, sie schlafen miteinander, aber dieses weibliche Wesen erscheint solch
       irdischen Interessen enthoben, ihr Innenleben bleibt ein Rätsel.
       
       Diese Fetischisierung irritiert, weil sie im Vergleich zur großen
       Originalität Seilers merkwürdig platt ist. Alles an diesem Buch ist neu,
       nur dieses Verhältnis zu Frauen ist ein alter Schuh.
       
       Bei dem kreativen Wagnis, das sein neuer Roman darstellt, kann man ihm das
       verzeihen. Formal wie inhaltlich ist die Balance zwischen Innovation und
       Verständlichkeit fein austariert. Es ist dieses Verhältnis von
       künstlerischer Ambition und Zugänglichkeit, das Seiler so preiswürdig
       macht.
       
       Seine Romane werden sowohl von der Literaturkritik als auch vom großen
       Publikum mit Genuss verzehrt. Mit „Das tickende Herz“ beweist Seiler zudem
       seine Vielseitigkeit. Nach seinen ersten beiden Romanen hätte man ihn
       vielleicht ausschließlich als Wendeautor betiteln können, hier beweist er,
       dass er vollkommen neue Welten erschließen kann.
       
       31 Oct 2026
       
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