# taz.de -- Dokus „Hiddensee“ und „Salz und Wasser“: Ostseestrand und Südpolgletscher
> Mit „Hiddensee“ von Annekatrin Hendel sowie „Salz und Wasser“ von Ines
> Reinisch kommen gleich zwei Dokumentarfilme mit maritimen Themen in die
> Kinos.
(IMG) Bild: Fotoshooting am Strand in „Hiddensee“
„Hauptmann oder Ballermann?“ steht an einer Hausfront auf der Ostseeinseln
Hiddensee, und mit diesem Bild bringt [1][Annekatrin Hendel] in ihrem
gleichnamigen Dokumentarfilm die beiden Pole auf den Punkt, zwischen denen
sich ihr Film bewegt. Der Dramatiker, Schriftsteller und Nobelpreisträger
Gerhart Hauptmann baute sich im Jahr 1929 auf der Insel ein Haus, oder
besser eine Residenz, und war damit einer der ersten Prominenten, die in
den nächsten Jahrzehnten dort lebten oder ihren Urlaub verbrachten. Heute
ist Hiddensee jedoch auch eine Touristenhochburg mit rund 250.000
Tagesgästen pro Jahr.
„Da oben hat der Einstein mal gewohnt!“, sagt einer der Inselbewohner und
zeigt auf ein Fenster unter dem Dach eines eher bescheidenen Häuschens.
„Zickezacke – Zickezacke!“, feuert der Schlagersänger Jürgen Drews von
einer kleinen Bühne aus sein Publikum an – doch ein wütender Inselbewohner
schreit ihm entgegen: „Dat nütscht dir nix – hier ist keen Mallorca!“
Hiddensee war und ist einer der Sehnsuchtsorte Deutschlands, und Annekatrin
Hendel konnte der Falle der permanenten Postkartenansichten nur dadurch
entkommen, dass sie ihren Film konsequent in Schwarz-Weiß drehte. Auch
sonst arbeitete sie mit ein paar interessanten Verfremdungsmitteln: Die
Inselprominenten wie Hauptmann, Asta Nielsen oder Joachim Ringelnatz treten
bei ihr als Spielpuppen auf, auf einer Landkarte der Insel spielt sie
Monopoly, um so die Besitz- und Machtverhältnisse zu verdeutlichen, und die
Filmmusik hat Flake, der Keyboarder von „Rammstein“, als eine nervöse
Mischung aus musikhistorischen Zitaten und elektronischen Klängen
eingespielt, wodurch jeder Anflug von Idylle oder gar Nostalgie gar nicht
erst aufkommen kann.
Und auch von den in Dokumentarfilmen üblichen Archivaufnahmen und Talking
Heads der Zeitzeugen ist hier nur wenig zu sehen. Stattdessen hat
Annekatrin Hendel mit der Kamera die Insel erkundet und dabei Menschen, die
dort leben, beobachtet und befragt. Selbstverständlich ist die Geschichte
der Insel ein Teil von ihnen.
## Erzählen von Hiddensee in den Zeiten der DDR
So macht die Museumsleiterin des Gerhard-Hauptmann-Hauses einen Rundgang
durch den Prachtbau. Die Tochter des DDR-Propagandisten Karl-Eduard von
Schnitzler erzählt, wie sie als Baby in ihrem Kinderwagen umgestoßen wurde,
denn ihr Vater war „der meistgehasste Mann“ des Landes. Und die Tochter der
Schauspielerin und Nationalpreisträgerin Inge Keller war damals empört
darüber, dass Honecker 1976 ihrer Mutter ein Feriendomizil auf Hiddensee
spendierte. Heute ist sie froh über die an sie vererbte Immobilie.
Viele Menschen erzählen im Film von Hiddensee in den Zeiten der DDR, denn
damals hatten die Bewohner*innen und Gäste dort eine Art
Narrenfreiheit, über die Lutz Seiler in seinem Roman „Kruso“ schrieb, der
ja auch (mit entsättigten Farben, aber trotzdem voller Postkartenaufnahmen)
verfilmt wurde. „Hiddensee“ erzählt von den Konflikten zwischen den
Alteingesessenen, Zugezogenen (also nicht dort Geborenen) und Touristen.
Hendel folgt dem ehrenamtlichen Bürgermeister, der sich „für die Hiddenseer
und nicht für Hiddensee einsetzt“, wie sein Kritiker, der Pastor der
kleinen Inselgemeinde, meint. Mit der Neugierde und der Empathie, die gute
Dokumentarfilmmacher*innen auszeichnet, hat Annekatrin Hendel einen
originellen, klugen und manchmal überraschend komischen Film über ein
deutsches Inselleben gemacht. Und ja: Nachdem sie ihn gesehen haben,
dürften viele da auch gerne mal hinfahren wollen.
## Forschungsfahrt mit der Kamera begleitet
Diese Wirkung hat der Film „Salz und Wasser“ nun überhaupt nicht. Auch
sonst ist er wie ein Gegenpol zu „Hiddensee“. Das Wortspiel bietet sich an,
denn dieser Film dokumentiert die Expedition des Forschungseisbrechers
„Polarstern“ zum massiven Eis der Ostantarktis. Die Filmemacherin Ines
Reinisch wurde eingeladen, mit ihrer Kamera diese Forschungsfahrt zu
begleiten.
Als Chronistin hat sie auch geliefert: Der Forschungsauftrag, die
Untersuchungen von Wasser, Eis und Boden vor Ort sowie die Schiffstechnik
werden präzise, fast schon pedantisch, beschrieben, und die vielen dabei
erwähnten Zahlen und Fachbegriffe können auf ein Publikum von
interessierten Laien schnell ermüdend wirken.
Das Alfred-Wegener-Institut, das die Fahrt organisierte und „Salz und
Wasser“ quasi in Auftrag gab, wird bei Repräsentationen gut mit dem Film
arbeiten können. Aber Ines Reinisch dürfte wohl selbst gemerkt haben, dass
nur mit diesem Material nicht viel mehr als ein trockener Lehrfilm zu
machen ist. Also erzählt sie parallel auch von ihren eigenen Erfahrungen
und Gefühlen auf der Reise. „Mein Herz schlug bis zum Hals“, sagt sie etwa,
wenn sie Bilder von ihrem ersten Flug mit einem Helikopter zu einem
Außenposten der Expedition auf dem Festland zeigt.
Besonders erhellend sind diese Impressionen nicht, und es hilft auch nicht,
dass die Filmemacherin sie selbst eingesprochen hat, denn die Authentizität
ihrer Stimme macht die Holprigkeit vieler der gesprochenen Sätze nicht
wett. Gelungen sind ihr dagegen einige Gespräche mit den Mitgliedern der
Schiffscrew und den Wissenschaftler*innen. So spricht etwa die
Masterstudentin Nazanin Asadi voller Begeisterung davon, welcher
persönliche Triumph es für sie ist, als junge Iranerin die Antarktis
bereisen zu können.
Auch stilistisch ist der Film uneinheitlich, und Ines Reinisch scheint
selbst nicht zu wissen, für wen sie ihn überhaupt gemacht hat. Wem glaubt
sie etwa ausführlich erklären zu müssen, dass bei einer Bodenprobe die
oberen Segmentschichten die jüngeren und die unteren die ältesten sind?
Geht da die Filmemacherin nicht etwas naiv von einer sehr naiven
Zuschauerschaft aus?
Schade, dass der Film, in dem solch ein wichtiges Thema wie die
Erderwärmung behandelt wird, nicht besser gelungen ist und darum wohl kaum
ein größeres Publikum erreichen wird. So ist er eher als Dokument und nicht
als Dokumentation wichtig. Vielleicht werden ihn Menschen in kommenden
Jahrzehnten ansehen und fragen: „Das haben sie alles damals schon gewusst?
Warum haben sie dann so wenig dagegen getan?“
20 Aug 2026
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