# taz.de -- Hiddensee: Die Mentalität der Insel
> Die Zeit steht still, die Natur ist unberührt, die Touristen benehmen
> sich und es gibt wenig AfD. Eine Ode an Hiddensee.
Am Ortsanfang hat man Mühe, seinen Augen zu trauen: Das mit Betonsteinen
gepflasterte Sträßchen geht nun in einen zehn Meter breiten Sandweg über –
nirgendwo Autos, Parkplätze, Bürgersteige und doch die Hauptstraße der
Siedlung. Zuerst kommt uns eine junge Frau im Wickelrock
entgegengeschlendert, selbstvergessen und barfuß. Dann ein Radfahrer, der
einen verbeulten Blechanhänger hinter sich herzieht und einigen Staub
aufwirbelt. Es riecht nach den Pferdeäpfeln, die hie und da im Sand liegen.
Die aus der Zeit gefallene Dorfstraße findet sich in Kloster, dem schönsten
Ort der Ostseeinsel Hiddensee, der zur frühen Stunde noch ganz in sich
ruht.
Lauter wird es hier erst gegen Mittag, wenn die Linienschiffe aus Stralsund
und Schaprode die Tagesausflügler ausspucken. Von Overtourism kann aber
auch dann keine Rede sein – der seit 1991 bestehende Nationalparkstatus
erlaubt so gut wie keine Bautätigkeiten. So können sich selbst in der
Hauptsaison gerade einmal 3.000 Gäste auf dem schmalen, aber 17 Kilometer
langen Eiland einquartieren. Auf vielen Abschnitten des endlos wirkenden
Sandstrands liegt man nahezu allein in der Sonne.
Hiddensee besteht aus einem eiszeitlichen Moränenriegel, der westlich von
Rügen aus dem Meer ragt und lange auf seine touristische Entdeckung warten
musste. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts gab es keinen regelmäßigen
Schiffsverkehr, und man musste hoffen, dass der Fährmann nicht gerade
anderes zu tun hatte. Auf der Insel angekommen, stand man dann noch vor dem
Problem, eine Unterkunft zu finden. Das änderte sich erst nach der
vorletzten Jahrhundertwende, als sich in den Ostseebädern von Usedom und
Rügen bereits Strandkorb an Strandkorb reihte. Individualisten hatten nun
nach Orten Ausschau zu halten begonnen, die [1][noch nicht in der
Touristenflut] zu ertrinken drohten.
Hiddensee war da das perfekte Gegenmodell und Kloster um 1900 nicht einmal
ein Dorf, sondern nur ein Gutshof. Dass gerade an diesem Ende der Welt ein
Bauboom ausbrach, war nicht zuletzt Gerhart Hauptmann zu verdanken, der das
weltabgeschiedene Eiland erstmals 1885 betrat – in einer Zeit, als
Reiseschriftsteller noch von einer „elenden Insel“ sprachen. Von 1916 an
verbrachte der Literaturnobelpreisträger dann all seine Sommer in Kloster,
wo er schließlich das Haus Seedorn kaufte, das heute als musealer
Originalschauplatz zu besichtigen ist. Hauptmann liebte „den grandiosen und
furchtbaren Ernst unberührter Natur“, für den Menschen Störfaktoren waren.
Dummerweise hatten sich inzwischen auch viele andere Geistesgrößen auf der
Insel eingefunden. In den Gästebüchern der Pensionen und Hotels fanden sich
nun Namen wie Albert Einstein, Carl Zuckmayer, Thomas Mann, Sigmund Freud,
Hans Fallada, Billy Wilder, Gustav Gründgens, Paul Klee, Erich Heckel und
Max Liebermann.
Wer sich auf ihre Spuren begeben will, muss einen Spaziergang über den
bewaldeten Dornbusch machen, am besten auf dem einsamen und
aussichtsreichen Bergweg, der direkt an der Abbruchkante der Steilküste
entlangführt. Die Stille ist atemberaubend, die Betriebsamkeit der
Hafenmeile längst vergessen. Ab und zu schaut man in steilste Moränenhänge
hinab, die sich das Meer langsam, aber sicher zurückholt. Hiddensee ist am
stärksten von [2][allen Ostseeinseln] von der Erosionskraft der Fluten
bedroht.
Irgendwann taucht dann ein Fremdkörper im monochromen Grün der Baumwipfel
auf – das Ausflugslokal namens Klausner. Vor wenigen Jahren wurde es zum
Schauplatz der Literatur als Dreh- und Angelpunkt des Romans „Kruso“ von
Lutz Seiler.
Sein junger, Germanistik studierender Antiheld Edgar Bendler befindet sich
in einer Lebenskrise. Er flieht im Frühsommer 1989 ziemlich kopflos aus
Halle und heuert beim Klausner-Wirt als saisonaler Tellerwäscher an.
Schnell beginnt „Ed“ zu begreifen, dass er auf dem Eiland von
seinesgleichen umgeben ist und die Hälfte derer, die auf der Ferieninsel
der staatlichen Einheitsgewerkschaft jobben, Ausreiseanträge gestellt
haben. Sie bilden hier eine verschworene Gemeinschaft verlorener Seelen,
die sich im Arbeiter-und-Bauern-Staat nicht mehr zu Hause fühlen. „Wer hier
war, hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten“, heißt es
im Roman.
Nicht dass die rund tausend Inselbewohner über die Existenz dieser bizarren
Parallelgesellschaft erfreut gewesen wären, aber in gewisser Weise passten
beide Gruppen zusammen: Die Insulaner zeichneten sich immer schon dadurch
aus, Regeln, die sich jemand auf dem Festland ausgedacht hatte, nicht allzu
ernst zu nehmen.
Zudem hatten sie sich schon Anfang des 20. Jahrhunderts an die seltsamen
Leute gewöhnen müssen, die auf ihrer armseligen Insel Urlaub machten.
Suspekt waren ihnen die Landratten schon deshalb, weil sie im Meer zu baden
pflegten. Das wäre den Inselbewohnern niemals in den Sinn gekommen. Große
Augen machten sie auch dann, als immer mehr der Gäste, darunter auch
Gerhart Hauptmann, textilfrei in die Fluten sprangen.
## Nackt ist kein Problem
Auch heute stört sich niemand daran, wenn hier jemand nackt am Strand
liegt. Das Freiheitsgefühl, das man auf Hiddensee verspürt, verdankt man
aber auch der Abwesenheit der Autos. Ohne Zeitgenossen, die ihr Fahrzeug
immer in ihrer Nähe wissen wollen, entsteht ein wohltuendes Klima der
Zeitlosigkeit, weshalb der Anteil der Künstler und Lebenskünstler auf
Hiddensee immer schon größer war als anderswo. Wer hier seine Ferien
verbringt, weiß jedenfalls, warum er dies tut: weil er eine Alternative zu
technisch überformten Lebensräumen sucht und auch von Partygetöse verschont
bleiben will.
Ein anderer Wind scheint auf Hiddensee auch politisch zu wehen. Die AfD hat
hier bei der letzten Bundestagswahl deutlich weniger Zuspruch bekommen als
in den anderen mecklenburgischen Ostseeregionen, wo sie fast überall 30 bis
50 Prozent der Stimmen erhielt. Einheimische darüber zu befragen, erweist
sich aber als schwierig.
Eine vor Jahren zugezogene Person, die namentlich nicht genannt werden
will, wagt es dennoch, ihre Meinung kundzutun. Sie erklärt sich die Reserve
gegenüber der AfD mit der Vorherrschaft des inseltypischen „Hausverstands“.
Sollte sie recht haben, hätte ein tief verwurzelter Pragmatismus die
Einheimischen gegen ideologisches Geschwätz und große Versprechungen
widerstandsfähiger gemacht.
Ganz ähnlich denkt Bürgermeister Thomas Gens, der alles, was nach Ideologie
riecht, ablehnt und auf eine kommunalpolitische Vernunft setzt. Wenn vor
Ort eine gute und zukunftsfähige Politik gemacht werde, brauche niemand AfD
zu wählen. Gens schimpft zwar über eine Landes- und Bundespolitik, die die
Probleme lediglich verwalte, spart aber auch nicht mit abfälligen
Bemerkungen über die Kandidaten des rechtsnationalen Spektrums.
Andererseits liegen die Positionen wohl auch nicht immer ganz weit
auseinander, sichtbar auch an der äußerst geringen Wahlbeteiligung von nur
39 Prozent, die kein großes Vertrauen auf die gegenwärtige
Parteienlandschaft vermuten lässt. Und vom Bürgermeister weiß man, dass er
in jungen Jahren zu einem Weltbild neigte, das Gutmenschen aus dem Westen
nicht gerade für vorbildlich halten.
## Nicht anfällig für die AfD
Die geringere Anfälligkeit für den aggressiven Ton der AfD dürfte sich auch
der Tatsache verdanken, dass der Wirtschaftsfaktor [3][Tourismus ziemlich
reibungslos funktioniert], man sich ökonomisch betrachtet also auf einer
Insel der Seligen befindet. Die Vermieter haben beste Auslastungszahlen,
und für die Verweildauer wären andere Ostseebäder dankbar. Dass [4][der
Tagestourismus] zurückgeht, stört den Bürgermeister nicht, dieser sei
sowieso nicht nachhaltig.
Gens strebt einen „gesunden Mix“ verschiedener Gäste an, weiß aber
natürlich auch, dass die [5][Erfolgsgeschichte von Hiddensee] nicht nur der
speziellen Aura des Eilands zu verdanken ist. Sondern eher einem Publikum,
das keine austauschbaren Unterhaltungsangebote sucht, internationale
Standards für überbewertet hält und die steigenden Preise auch künftig
zahlt.
Dass Einheimische von den vielen Fremden begeistert sind, die sich in ihrem
Lebensraum breitmachen, darf man trotzdem nicht erwarten. Das große Glück
der Hiddenseer ist, dass die vielen Stammgäste, die ihr kleines Paradies
[6][gegen keinen anderen Urlaubsort] eintauschen möchten, in aller Regel
respektvoll auftreten. Sie sind klug genug, den Einheimischen die Ruhe zu
gönnen, die sie selbst suchen. Solange sich diese in ihrer
Anspruchslosigkeit recht anspruchsvolle Szene hier wohlfühlt, werden dem
wirtschaftlichen Erfolg auch in Zukunft keine Grenzen gesetzt sein.
Genau deshalb, weil sich die Insel den Charme des „gesegnet Einfachen“
bewahrt, den die Stummfilmdiva Asta Nielsen schon vor hundert Jahren
beschwor.
5 Aug 2026
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