# taz.de -- Machtwechsel in Serbien: Eine verwahrloste Struktur heilt nicht über Nacht
> Während in Serbien ein autokratisches Regime abgewählt wurde, zeigt sich
> im kroatischen Baška Voda, wie fragil ein demokratischer Neuanfang
> bleibt.
(IMG) Bild: An der Strandpromende von Baska Voda: Der neue Bürgermeister soll weg, sonst hätte man auch den alten behalten können
Während [1][der Herbst 2026 in Serbien] einen Frühling der Demokratie
verspricht, ist im Nachbarstaat Kroatien der Frühling des demokratischen
Wandels für die neue Regierung an der Makarska Riviera bereits im Herbst
angekommen.
Am kommenden Sonntag wird in der Adriagemeinde Baška Voda ein Referendum
zur Abwahl des neuen Bürgermeisters abgehalten.
Geneigte Leser*innen erinnern sich noch an die [2][ausführliche
Berichterstattung dieser Kolumne] über die Abwahl des 32 Jahre amtierenden
Bürgermeisters in der kleinen dalmatinischen Küstengemeinde. Vor anderthalb
Jahren schaffte das Bündnis aus Sozialdemokraten, Ex-Parteiangehörigen und
der Miniliste „Die drei Buchten“ in einem dramatischen Wahlkampf samt zwei
Wahlwiederholungen und Der-Pate-Vibes einen historischen Sieg über
millionenschwere Korruption, engstmaschige Vetternwirtschaft, bösartige
Intransparenz.
Auf mikrolokaler Ebene war es der gleiche politische Befreiungsakt, den die
Welt vergangenen Sonntag in Serbien beobachten konnte. Eine durch und durch
moralisch verlotterte, räuberische, hundeliebende und rhetorisch mit allen
Wassern gewaschene Autokratie wurde abgewählt.
Die Hoffnungen, die mit dem neuen Bürgermeister verbunden waren, sind
jedoch begraben, wenn auch nur punktuell. Im Sommer war der als
unabhängiger Kandidat von der Opposition unterstützte Vjekoslav Radić
wieder der Partei beigetreten, die er einst aus Protest gegen nepotistische
Strukturen verlassen hatte: der HDZ. Jener Partei des Staatsgründers Franjo
Tuđjman, der der alte Bürgermeister und der amtierende Ministerpräsident
Kroatiens angehört und die landesweit nicht minder hart als in Serbien die
Vučić-Regierung für Korruption und Vetternwirtschaft kritisiert wird.
Die erneute Parteimitgliedschaft wäre allein nicht entscheidend dafür, dem
neuen Bürgermeister das Vertrauen zu entziehen. Schon nach wenigen Monaten
aber war dessen politisches Verhalten von undurchsichtigen, ökonomisch und
rechtlich fragwürdigen, antidemokratischen Entscheidungen, von Gefallen an
kirchennahe Personen hier, an HDZ-nahen Personen geprägt.
Ende September war sich die Mehrheit der Gemeindevertreter einig, dass der
neue Bürgermeister nicht mehr tragbar war, sich mutmaßlich strafbar gemacht
hatte und beschloss, ein Referendum abzuhalten, in dem die Bürger darüber
entscheiden sollen, ob der neue Bürgermeister der alte bleiben soll.
Auch der Ex-Bürgermeister stimmte für das Referendum gegen seinen
Nachfolger und nahm dafür erstmals seit anderthalb Jahren an einer
Gemeinderatssitzung teil. Der Preis war, dass seine Partei ankündigte, ihn
aus der Partei auszuschließen. Unterdessen ruft der amtierende
Bürgermeister seine Gemeinde dazu auf, das Referendum zu boykottieren und
den Tag mit der Familie zu verbringen.
Wenn Sie jetzt längst durcheinandergekommen sind, welcher Bürgermeister aus
welcher Partei ausgetreten, ausgeschlossen oder wieder eingetreten ist:
macht nichts, die beiden sind austauschbar.
Anstelle der Kolumne wäre über diese Groteske der Demokratie besser ein
Kriminalroman zu schreiben. Aber so ist nun mal die Realität. Der Sieg über
eine verlotterte Regierung führt nirgends nie direkt in den Garten Eden.
Das Beispiel Baška Voda zeigt, dass eine verwahrloste Struktur weder über
Nacht heilt, noch, dass ehemalige Gegner der Korruption nicht korrupt sein
können. Es zeigt aber auch, dass ein regime change nicht verloren ist, nur
weil es Abtrünnige gibt. Es ist das Wesen der Demokratie, dass ein Sieg
immer nur etappenweise zu haben ist. In der kleinen Adriagemeinde folgt die
nächste Etappe am 6. November. Und auf diesen Herbst sicher auch ein
Frühling.
1 Nov 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nach-der-Parlamentswahl-in-Serbien/!6225647
(DIR) [2] /Neues-vom-Kroatien-Wahl-Krimi/!6091913
## AUTOREN
(DIR) Doris Akrap
## TAGS
(DIR) Demokratie
(DIR) Kroatien
(DIR) Schwerpunkt Korruption
(DIR) Westbalkan-Staaten
(DIR) Social-Auswahl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Nach der Parlamentswahl in Serbien: Gefährliches Vakuum in Belgrad
Bis zur Bildung einer Regierung in Serbien kann es dauern. Diese Zeit
könnten der Wahlverlierer Vučić und seine Gefolgsleute versuchen für sich
zu nutzen.
(DIR) Konzert von Rechtsrocker Thompson: Wo der Kampf gegen den Faschismus endet
Im Herbst will der kroatische Rechtsrocker Thompson in Frankfurt auftreten.
Die dortige CDU windet sich um eine klare Haltung. Das hat seine Gründe.
(DIR) Kommunalwahlen in Kroatien: In einem gespaltenen Land
Bei den Kommunalwahlen in Kroatien gewinnt Links-Grün in der Hauptstadt
Zagreb. Insgesamt aber liegt die Rechtspartei HDZ vorn – vor allem im
ländlichen Raum.