# taz.de -- Jazzfest Berlin: „Freejazz muss swingen“
> Der Berliner Pianist Alexander von Schlippenbach über signifikante
> Schläge auf der Percussion und Dressing Down als Absage an den
> bürgerlichen Habitus.
(IMG) Bild: Pianist und Komponist Alexander von Schlippenbach
taz: Alexander von Schlippenbach, wie würden Sie Ihre Musik beschreiben?
Von Schlippenbach: Als Freejazz. Anders kann ich es nicht beschreiben. Auch
heute noch.
taz: Als frei improvisierte Musik könnten Sie sie doch auch beschreiben?
Von Schlippenbach: Es gibt diesen großen, weiten Begriff der improvisierten
Musik. Das kann alles Mögliche bedeuten, muss aber nicht [1][unbedingt vom
Jazz] herkommen. Die Haltung des Jazzmusikers ist ganz anders als die von
jemand, der ausschließlich frei improvisierte Musik macht. Freejazz muss
swingen und sich nach vorne bewegen. Freejazz hat einen bestimmten Impetus,
den es nur in dieser Musik gibt, auch aus der ganzen Tradition heraus.
taz: Sehen Sie Freejazz in der Tradition von Swing?
Von Schlippenbach: Swing ist ein fundamentales Element von Freejazz,
wodurch es sich vollkommen von anderer Musik unterscheidet. Swing ist ein
Phänomen, das beim Zuhören eine Bewegung spürbar macht. Das hat etwas
Beglückendes und geschieht durch das Zusammenkommen von Musikern, die aus
derselben Haltung spielen. Wenn es nicht funktioniert, kann Freejazz auch
eine Strafe sein.
taz: 1966 erhielten Sie beim Jazzfest Berlin den Kompositionsauftrag für
ein Streichquartett mit zwei Jazzsolisten. Wie wurde daraus die Gründung
des Globe Unity Orchestras, das bis heute besteht?
Von Schlippenbach: Mir gefiel die Idee nicht und ich schlug stattdessen
vor, Freejazz in größerer Besetzung auszuprobieren. Der Kern war eine
Doppelformation des Manfred Schoof Quintetts und des Peter Brötzmann Trios.
taz: Wie kam es zum Namen Globe Unity?
Von Schlippenbach: Der Name beruhte auf der Faszination für Bernd Alois
Zimmermanns Gedanken einer Kugelgestalt der Zeit: Es ist eine ästhetische
Vorstellung davon, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Einheit
bilden und alle Entwicklungen und alle Arten von Musiken gleichzeitig in
einem großen kreisförmigen Gebilde dargestellt werden. „Unity“ war vom
US-Jazzpianisten Cecil Taylor inspiriert, der immer von einer „Unit“
gesprochen hat, einer Vereinigung der Musiker. Der Name der Komposition hat
sich dann auch als Name für das Orchester etabliert.
taz: Wie sind sie damals an die Idee herangegangen, Freejazz für Orchester
zu komponieren?
Von Schlippenbach: Schon während meines Studiums bei Bernd Alois Zimmermann
hatte ich mich intensiv mit der Wiener Schule beschäftigt, mit Schönberg,
Berg und Webern und wie man Atonalität für den Jazz nutzen kann. Es gab
dann zwei Grundelemente: Einmal den kompositorischen Teil, basierend auf
der Zwölftonreihe als Hintergrund für einen Solisten, und andererseits ganz
freie Passagen.
taz: Wie haben Sie dirigiert?
Von Schlippenbach: Mit Handzeichen und durch bestimmte Signale. Wir hatten
damals die Percussion erweitert, ich hatte Röhrenglocken, weil ich die
interessant und schön fand. Ein großes Tamtam, das weiß ich noch, mit
Riesenbecken und Gongs. Da musste ich nicht unbedingt Dirigierzeichen
geben, manchmal genügte ein signifikanter Schlag auf eine Percussion, schon
wussten die Kollegen Bescheid.
taz: War Lautstärke wichtig?
Von Schlippenbach: Lautstärke geht vom dreifachen Fortissimo bis ins
dreifache Pianissimo und allem, was dazwischen ist. Das war bei uns
ziemlich offen. Meistens ging es eher heftig zu. Es gab auch den
sogenannten „Generalcluster“, als Tutti-Akkord für die gesamte Klaviatur
gleichzeitig. Ein Brett, das übereinandergeschichtet so konstruiert war,
dass es genau gepasst hat im Griff. Damals haben wir viel experimentiert,
auch mit Materialien.
taz: Welche Rolle spielten der Performance-Gedanke und Ihre Kleidung?
Von Schlippenbach: Gute Frage, bei unserem Konzertdebüt als Globe Unity
sollten alle noch, wie es hieß, auf der Bühne einen „Qualitätsanzug“
tragen, natürlich auch Krawatten. Das änderte sich dann aber schnell, um
auch durch die Kleidung dem bürgerlichen Habitus etwas entgegenzusetzen.
Dann hieß es plötzlich nicht mehr „dress up when you go on stage“, sondern
die Devise war „dressing down“. Wir haben also die Smokings nicht mehr
angezogen.
taz: In den 1970ern haben Sie gemeinsam mit Globe Unity und Peter Kowald
Workshop-Konzerte in Wuppertal gegeben. Es spielten europäische Musiker im
Orchester, darunter Enrico Rava, Tomasz Stanko, Han Bennink und Evan
Parker. Noch später waren auch US-Jazzavantgardisten wie Anthony Braxton
und George Lewis dabei. Wie kam es dazu?
Von Schlippenbach: Wir haben in Chicago im Club „The Empty Bottle“
gespielt, da haben wir Mitglieder der Chicagoer AACM (Association for the
Advancement of Creative Musicians) kennengelernt, der auch Anthony und
George angehören. Vor allem mit George Lewis gab es dann eine Reihe von
Konzerten und Aufnahmen.
taz: Jetzt gibt es das Globe Unity Orchestra seit 60 Jahren. Wie hat sich
die Musik seither gewandelt?
Von Schlippenbach: Eine wichtige Veränderung war, dass wir ab den 1980ern
nur noch frei improvisiert haben. Aus dem improvisatorischen Impetus
heraus, wie ich das nenne. Das ist mir auch heute ganz besonders wichtig,
dass dieser Impetus sich ungebremst entfaltet. Schon in dem Moment, wenn
man eine Verabredung trifft, konditioniert sich bereits die Improvisation
im Kopf des Spielers. Jetzt könnte man denken, alle spielen einfach, was
sie wollen. Dem ist jedoch nicht so. Es kommt auf das Zusammenspiel an, das
ist sehr wichtig.
taz: Wird das bei [2][Ihrem Auftritt beim Jazzfest] auch so sein?
Von Schlippenbach: Da möchte ich jetzt noch nicht allzu viel verraten, es
wird [3][höchstwahrscheinlich der letzte Auftritt vom Globe Unity
Orchestra]. Da wollen wir eine Art Bilanz ziehen. Von allem, was wir
gemacht haben, von unserer gesamten Erfahrung.
taz: Wie groß ist die Gefahr, bei Konzerten live zu scheitern?
Von Schlippenbach: Es war nicht immer dasselbe glückliche Resultat, aber
das ist das Risiko des freien Spielens und auch die Schönheit daran.
30 Oct 2026
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