# taz.de -- US-Jazztrompeter Rob Mazurek im Porträt: Galaktische Liebeswellen in wilden Farben hören
       
       > Synästhesie, Ekstase und Lebensglück: Der US-Trompeter Rob Mazurek
       > gastiert mit Drummer Chad Taylor als Chicago Underground Duo beim
       > Jazzfest Berlin
       
 (IMG) Bild: Nennen sich Chicago Underground Duo: Rob Mazurek und Chad Taylor
       
       Ein Schriftzeichen kann auf unterschiedliche Weise geschrieben und gedeutet
       werden. Als Glyphe, wie uralte ägyptische Hieroglyphen in den Grabkammern
       der Pyramiden – oder als Idee hinter dem Zeichen, als erweiterte komplexe
       Vorstellung: als „Hyperglyph“. So heißt das aktuelle Album von Chicago
       Underground Duo, einem Projekt des US-Trompeters Rob Mazurek mit dem
       Schlagzeuger und Mbira-Spieler Chad Taylor, das 2025 beim US-Label
       International Anthem veröffentlicht wurde.
       
       Als wären sie eine vielköpfige Band, kreieren die beiden Künstler scheinbar
       von leichter Hand eine Soundcollage aus freien Rhythmen, modularen
       Synthesizersounds, Feldaufnahmen und Elektronik, zu der Mazurek eine
       spezielle Dreiventil-Piccolotrompete spielt. Taylor baut darüber eine
       Architektur aus Puls und Stille – einen Klangkosmos, der jahrhundertealte
       Ahnentradition mit afrofuturistischer Zeitumkehr und Jazzraffinesse
       verbindet.
       
       Aus einem Hotelzimmer in Kroatien schaltet sich Rob Mazurek mit dunkler
       Sonnenbrille zum Zoom-Interview. Es ist früher Vormittag und die Nacht
       davor war lang. Gerade ist er mit dem Chicago Underground Duo auf Tournee
       durch Europa. Es ist eine Formation, die er bereits in den 1990ern mit
       Taylor gründete, zu der aber auch immer mal wieder weitere Künstler_innen
       als Gäste stoßen.
       
       Chad Taylor war damals bereits im Umfeld des Chicagoer Zirkels der AACM
       aktiv – der „Association of the Advancement of Creative Musicians“. Einer
       freien Gewerkschaft Schwarzer Künstler_innen, die im Zuge der
       US-Bürgerrechtsbewegung ab Mitte der 1960er abseits der Jazznormen eigene
       Musik- und Lebensphilosophien entwickelt hatte und für die Mitglieder
       juristischen, ökonomischen und sozialen Beratung leistet.
       
       ## Meditation und Achtsamkeit
       
       In den Ideen von AACM wurden Überlegungen von zeitgenössischen Komponisten
       wie Edgar Varese mit freier Improvisation, rhythmisch versetzten
       Schichtungen und polyphoner Abstraktion, Meditation und Achtsamkeit
       verbunden. Zu den bevorzugten Aufführungsorten der AACM gehörte in Chicago
       auch der Club „Velvet Lounge“ des AACM-Mitbegründers Fred Anderson. Dort
       steht Chad Taylor bereits als 15-Jähriger regelmäßig auf der Bühne und dort
       trifft der Schlagzeuger auch Mazurek erstmals bei einem Konzert.
       
       Der Albumtitel „Hyperglyph“ bedeute, „Klänge zu entschlüsseln und sie in
       etwas zu kanalisieren, das Licht wirft und hoffentlich in eine utopischere
       Zukunft führt“, erklärt Mazurek.
       
       Der Künstler, geboren 1965 in Jersey City, wächst in Chicago auf und
       studiert an der Bloom-School of Jazz. Früh beeinflusst wird er von der
       Hardbop-Ästhetik eines Lee Morgan und dem Ton eines Freddie Hubbard. Als
       Folge der intensiven Beschäftigung mit [1][Kompositionstechniken von Morton
       Feldman] und Iannis Xenakis, mit Werken des Trompeters Wadada Leo Smith und
       des New Yorker Trompeters Bill Dixon, gründet Mazurek 1997 mit Taylor das
       Chicago Underground Duo.
       
       Schon bald hat er Größeres im Sinn: 2005 formiert Mazurek das Exploding
       Star Orchestra, in dem bis zu 17 Musiker_innen aus der Chicagoer Postrock-
       und Jazzszene mitwirken, [2][darunter auch Mitglieder der AACM], auch die
       Trompeterin Jamie Branch ist mit von der Partie. Von zentraler Bedeutung
       für Mazurek ist ein Konzert des Pianisten und Bandleaders Sun Ra und dessen
       Verbindung von Farben, Formen, frei gespielten, überblasenen Instrumenten
       und traditionellen Jazzelementen.
       
       ## Zitteraale im Amazonas
       
       Wichtig ist auch ein Gemälde von Mark Rothko, das am Art Institute of
       Chicago ausgestellt ist. Dort schult Mazurek seine eigene synästhetische
       Wahrnehmung, Farben als Klänge zu hören und Klänge als Farben zu sehen.
       Seinen Horizont erweitert hat auch ein längerer Aufenthalt in Manaus, im
       brasilianischen Amazonas-Gebiet, wo seine Frau Britt, eine Biologin,
       Zitteraale erforscht hat.
       
       Wasser, Wellen, Bewegung. Zu sehen in frühen eigenen Gemälden Mazureks, die
       Cover für das Chicagoer Underground Duo zieren, etwa für das Album
       „Synesthesia“. In einer Auftragskomposition des Berliner Jazzfests kam
       Mazurek erstmals 2018 auch mit Musiker_innen aus der Berliner
       Improvisationsszene auf die Bühne.
       
       Beim aktuellen Album „Hyperglyph“ hat Mazurek eine dreiteilige „Egyptian
       Suite“ als Hommage an seinen Freund und Mentor, den Trompeter Bill Dixon
       komponiert. Die Musik sei eine „Architektur der Zeit“, erklärt Mazurek:
       „Wir arbeiten dafür mit einem abstrahierenden Ansatz: Es geht darum, ein
       Gefühl davon zu vermitteln, wie Klänge zusammenwirken.“
       
       Sich selbst bezeichnet Mazurek als „Abstraktivisten“. Es ist eine
       Verbindung von Bill Dixons Idee der Abstraktion und deren aktivistischer
       Fortführung. Rob Mazurek sagt über seinen Mentor: „Bill Dixon dachte dabei
       sowohl in Klängen als auch in visuellen Formen. Was wäre, wenn dieser
       Ansatz – das Vordringen zum Kern, zum eigentlichen Wesen einer Sache – in
       eine bewusste Haltung übergeht? Diese Frage führte mich dazu, intensiver
       über den schöpferischen Prozess nachzudenken, aber auch über Lebenskonzepte
       wie Gemeinschaft, Liebe und Glück.“
       
       Seit einigen Jahren lebt Mazurek mit seiner Frau im Künstlerort Marfa in
       Texas, wo er in einem Atelier großformatige Bilder malt. Er erforsche
       damit, die visuellen Implikationen von Liebe, Licht, Resonanz und
       Schönheit. Als „Projektionsinstrument für den Austausch galaktischer,
       ekstatischer Liebeswellen“. Auch mit dem Chicago Underground Duo kreiert
       Mazurek einzigartige, resonanzfähige Ideen.
       
       28 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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