# taz.de -- Schau in Leipzig über Schockens Gärten: Eine Gesellschaft aus Rosen und Zypressen
       
       > Mit der Ausstellung „Berlin/Jerusalem. Schockens Gärten“ fragt das
       > Dubnow-Institut in Leipzig, was sich eigentlich verpflanzen lässt
       > inmitten von Zerstörung?
       
 (IMG) Bild: Seerosenteich in Schockens Garten in Berlin-Zehlendorf, um 1931
       
       Die Erdbeere „Rügen“ ist nicht gemacht für die Hitze und Trockenheit
       Jerusalems. Doch in Salman Schockens Garten sollte es an nichts mangeln.
       
       Ende der 1920er Jahre führte der [1][jüdische Unternehmer Salman Schocken
       eine der erfolgreichsten Kaufhausketten] der Weimarer Republik. 1931
       gründete er den Schocken Verlag. In den Schaufenstern der
       Schocken-Kaufhäuser konnte man in akkurat paralleler Anordnung Werkzeuge
       für den modernen Kleingärtner bestaunen. In seinem privaten Garten an der
       Villa in Berlin waren Bäume und Blumen in ebenso exakten Reihen gepflanzt.
       Entworfen wurde der Garten Ende der 1920er Jahre von Heinrich Wiepking, der
       Schockens Begeisterung für eine moderne Verschmelzung von Form und Funktion
       teilte. Wenig später wurde Wiepking einer der bedeutendsten
       Landschaftsarchitekten des [2][Nationalsozialismus].
       
       Wegen zunehmender antisemitischer Hetze gegen seine Kaufhäuser entschieden
       Salman Schocken und seine Frau Lilli im Jahr 1933, Deutschland mit ihren
       Kindern zu verlassen. Die Familie musste die Villa in Berlin und den Garten
       aufgeben und emigrierte nach Palästina. In Jerusalem ließ Schocken ein
       neues Haus bauen und widmete sich noch einmal mit großem Interesse der
       Planung eines Gartens.
       
       Schon in Deutschland sammelte Schocken Dokumente zu seinem Unternehmen und
       der Familie – von antisemitischen Zeitungsartikeln über Korrespondenzen bis
       zu Bestellformularen. Es gelang ihm, sein Archiv nach Jerusalem zu retten
       und dort weiterzuführen. Das Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und
       Kultur – Simon Dubnow in Leipzig forscht am Schocken-Archiv und zeigt nun
       die Ausstellung „Berlin/Jerusalem. Schockens Gärten“.
       
       ## Neubeginn in Palästina
       
       Die an den Wänden der Veranstaltungsräume ausgestellten Dokumente zeigen
       den Druck, der auf der Familie lastete. Sie belegen den Verfall des
       Konzerns – Salman Schocken musste ihn 1938 weit unter Wert verkaufen. Sie
       berichten aber auch vom Versuch eines Neubeginns in Palästina.
       
       Die Darstellung von Schockens minutiöser Planung seines neuen Gartens
       verhandelt subtil auch einen Umgang mit jüdischer Flucht und Auswanderung.
       Schockens Gärtner musste ihm regelmäßig Bericht erstatten und sollte für
       jede Pflanze im Garten ein Datenblatt anlegen. Alles wurde im Archiv
       dokumentiert. Schocken ging sogar so weit, sich von seinem
       Gartenarchitekten versichern zu lassen, jede eingesetzte Pflanze werde
       angehen – was natürlich die menschliche Verfügungsgewalt über andere
       Lebewesen übersteigt.
       
       Während Schocken immer weniger Einfluss auf den Verlauf seines eigenen
       Lebens hatte, wurden die 5.000 Quadratmeter in Jerusalem, auf denen er sein
       Haus errichten und seinen großen Garten anlegen ließ, zu einem Ort, an dem
       er Kontrolle hatte. Ein Ort, an dem er sein Ideal, eine gute geordnete
       Gesellschaft, realisieren konnte – wenn auch nur mit Rosen, Tulpen und
       Zypressen.
       
       Die vielen aus Deutschland importierten und im subtropischen Klima zur
       Anpassung gezwungenen Pflanzen lassen sich im übertragenen Sinne mit Fragen
       verknüpfen, die sich in der Emigration stellen: Was kann nach Entwurzelung
       wieder anwachsen? Was ist für immer verloren?
       
       Die kleine Ausstellung im Leipziger Dubnow-Institut beantwortet diese
       Fragen nicht, sondern lässt die Dokumente aus dem Schocken-Archiv schlicht
       für sich wirken. Die in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche Geschichte der
       Schockens lässt sich nicht als [3][jüdische Erfahrung der Vertreibung
       verallgemeinern.] Dennoch erzählt sie von dem Versuch, Ordnung ins Chaos zu
       bringen und inmitten von Zerstörung etwas Schönes zu erschaffen.
       
       21 Oct 2026
       
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