# taz.de -- Soziologin über Kindesmissbrauch: „Menschen mit Behinderung sind stärker betroffen“
> Barbara Kavemann setzt sich für Menschen mit Behinderung ein, die
> sexuellen Missbrauch erlebt haben. Die Kampagne „Offen für deine
> Geschichte“ soll sensibilisieren und ermutigen.
(IMG) Bild: Auch gehörlose Menschen haben große Probleme, Beratung zu bekommen, vor allem, da viele Anlaufstellen nicht barrierefrei sind
Menschen mit Behinderungen sind überdurchschnittlich oft von sexuellem
Missbrauch betroffen. Unter den Menschen, die bei der Unabhängigen
Kommission des Bundes zur [1][Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs]
bisher Gehör fanden, bilden sie jedoch eine Minderheit. Das soll die
Kampagne [2][„Offen für deine Geschichte“] ändern. Barbara Kavemann ist
Mitglied der Kommission und Anhörungsbeauftragte, bei der sich mittlerweile
bereits 3.219 Menschen mit ihren Missbrauchsgeschichten gemeldet haben.
Darunter sind 131 Menschen mit Behinderung.
taz: Frau Kavemann, gerade rufen Sie Menschen mit Behinderungen auf, über
ihre Erfahrungen zu sprechen. Warum diese Kampagne?
Barbara Kavemann: Wir wissen aus der Forschung, dass Menschen mit
Behinderung von allen Formen der Gewalt, also auch von sexuellem
Missbrauch, stärker betroffen sind als der Bevölkerungsdurchschnitt. Die
Kommission konnte bisher aber nur wenige erreichen.
taz: Woher rührt diese starke Gefährdung?
Kavemann: Informationen, die Kindern und Jugendlichen heute
selbstverständlich zugänglich sind, erreichen Menschen mit Behinderungen
häufig nicht. Wenn zum Beispiel kaum jemand Gebärdensprache beherrscht und
taube Menschen nicht gut lesen können, wird etwa nicht gut vermittelt, wo
Gewalt anfängt, was in Ordnung ist und was nicht. Und wenn Menschen nicht
Bescheid wissen, haben Täter und Täterinnen es leichter.
taz: Bisher wird der sexuelle Missbrauch von Menschen mit Behinderungen
nicht ausreichend thematisiert.
Kavemann: Das hat damit zu tun, wie Menschen mit Behinderung und Sexualität
gesellschaftlich zusammengedacht werden. Da gibt es zwei Extreme:
Einerseits wird von Menschen mit Lernschwierigkeiten – wir sprechen nicht
von geistiger Behinderung – vermutet, dass sie sexuell furchtbar aufgeladen
sind, weil manche sehr körperlich werden. Dann sei es ja kein Wunder, wenn
das Verhalten missverstanden wird und es zu sexuellen Kontakten kommt. Auf
der anderen Seite wird gedacht: Wer will denn was von denen, sowas wie
Sexualität haben die doch gar nicht. Beides sind völlig verfehlte Annahmen,
die Aufklärung und Schutz stark erschweren.
taz: Mit dieser Kampagne wollen Sie also nicht nur Betroffene ansprechen,
sondern auch die breite Öffentlichkeit sensibilisieren?
Kavemann: Ja, wir brauchen Kenntnis. Das heißt auch ein gut fortgebildetes
Personal in den Einrichtungen. Zwar gibt es dort oft Schutzkonzepte, aber
das bringt nur was, wenn es Einfluss auf die alltägliche Arbeit hat: Worauf
müssen wir achten, wie müssen wir mit gefährdeten Personen sprechen und im
Kontakt sein? Dazu ein kollegial-kritischer Blick – was macht der Kollege
da, warum hat der immer das Mädchen auf dem Schoß?
taz: Bei Menschen, die auf körperliche Pflege angewiesen sind, besteht also
ein besonders hohes Risiko?
Kavemann: Ja, dass sich diese Menschen nicht wehren können, wird oft
ausgenutzt. Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen schlechter
Pflege und [3][sexuellen Übergriffen]. Schlechte Pflege kann der
Überlastung geschuldet sein, dass man ungeduldig ist, keine Zeit hat. Ein
sexueller Übergriff ist aber immer eine geplante Tat, die im Geheimen
geschieht. Einen hundertprozentigen Schutz kann es da nicht geben. Deswegen
ist es ja auch so wichtig, Menschen mit Behinderungen aufzuklären, damit
sie Missbrauch erkennen und benennen können.
taz: Und die Kampagne wird nur über Social Media geteilt?
Kavemann: Wir haben auch Printmaterial verteilt und bieten an, im
Einzelfall vor Ort vorbeizukommen. Viele Einrichtungen zögern aber. Sie
befürchten, dass durch die Thematisierung sexueller Gewalt
psychologisch-psychiatrische Probleme aufploppen könnten, die das Personal
nicht auffangen kann. Das ist aber in den seltensten Fällen so. Außerdem
gibt es die Möglichkeit, Fachberatungsstellen mit einzubeziehen. Das machen
wir bei unseren Anhörungen auch immer.
taz: Ist es nicht problematisch, Erinnerungen an Gewalterlebnisse zu
wecken, vor allem wenn diese oft lange zurückliegen?
Kavemann: Häufig verwenden Betroffene Formulierungen wie „Ich will endlich
die Wahrheit aussprechen“, denn sie wurden in der Kindheit zum Schweigen
verpflichtet. Wenn weiter nicht darüber gesprochen wird, ist das erstens
gesundheitsschädlich, zweitens kann nicht beraten und geholfen werden.
Diese Erfahrungen belasten ja auch in der Gegenwart. Außerdem geht es um
Anerkennung, also darum, dass gesagt wird: Das war Unrecht und nicht deine
Schuld. Das zu hören, kann befreiend wirken und ist auch der Heilung
zuträglich.
taz: Über die Anhörungen sollen zudem Strukturen aufgedeckt werden, die
sexuellen Missbrauch erleichtern.
Kavemann: Ja, viele Betroffene sprechen, weil sie verhindern wollen, dass
das anderen passiert. Bei vielen Menschen mit Lernschwierigkeiten zieht
sich sexuelle Belästigung zudem wie ein roter Faden durchs Leben. Vor allem
bei Frauen, die in Einrichtungen leben, ist das oft immer noch Alltag. Um
diese Gewaltverhältnisse beenden zu können, müssen sie klar benannt werden.
taz: Welche Hilfe können Menschen mit Behinderungen erwarten? Problematisch
ist, dass viele Beratungsstellen nicht barrierefrei sind.
Kavemann: Das stimmt, auch gehörlose Menschen haben große Probleme,
Beratung zu bekommen, so wie Menschen mit Lernschwierigkeiten. Dabei ist es
gar nicht schwer, zum Beispiel einfache Sprache zu lernen. Die haben wir
uns auch angeeignet, um Anhörungen durchführen zu können. In der
Beratungspraxis gibt es da inzwischen Fortschritte. Was fehlt, sind
Therapien. Für Menschen mit Lernschwierigkeiten gibt es die kaum.
taz: Wie sieht es mit Strafverfolgung aus, wenn sich Betroffene wehren
wollen?
Kavemann: Nur wenige entscheiden sich dafür, bei sexuellem Missbrauch
stehen die Chancen generell schlecht. Vor Gericht gelten Menschen mit
Lernschwierigkeiten zudem häufig als unglaubwürdig. Wir haben in Berlin
aber eine anhörungsbeauftragte Person, die sich auf solche Fälle
spezialisiert und schon manchen Erfolg errungen hat.
taz: Wie ist bis jetzt die Resonanz auf die Kampagne?
Kavemann: Gut. Schon jetzt haben uns 200 Anfragen erreicht. Das liegt
bestimmt auch daran, dass der Entstehungsprozess der Videoclips von einer
Gruppe von Expert*innen mit unterschiedlichen Behinderungen begleitet
wurde. Das zeigt gut, wohin es gehen müsste. In vielen [4][Werkstätten]
gibt es inzwischen Frauenbeauftragte aus der Community, die aufklären und
wissen, wo es Hilfe gibt. Das müsste es in allen Einrichtungen geben.
23 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Karlotta Ehrenberg
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