# taz.de -- Werkstätten für Menschen mit Behinderung: Von Inklusion eine vage Spur
       
       > Hunderte demonstrieren in Hamburg für bessere Arbeitsbedingungen in den
       > Werkstätten. Der Senat zeigt Initiative, die Bundesregierung weniger.
       
 (IMG) Bild: Viele fühlen sich vergessen und wie Beschäftigte zweiter Klasse behandelt: Werkstatt für Menschen mit Handicap
       
       Hunderte Menschen stehen am Dienstagvormittag in Gruppen vor dem Hamburger
       Rathaus. Viele von ihnen sind in einer der Hamburger Werkstätten für
       Menschen mit Behinderung beschäftigt. Zu der Demonstration aufgerufen hatte
       ihre gemeinsame Interessenvertretung, die [1][Werkstatträte Hamburg]. Sie
       fordern einen besseren Lohn in den Werkstätten, einen inklusiveren
       Arbeitsmarkt sowie eine Reform des Werkstattsystems.
       
       [2][Die Teilnehmer:innen halten Schilder hoch]: „Wir sind keine
       Menschen zweiter Klasse“, „Versprochen, verschoben, vergessen“, „Ist
       Inklusion ein Märchen? Nein, es ist ein Scherz“, „Es war einmal … echte
       Inklusion? Machen wir es wahr!“ oder: „Spart nicht an unserer Würde“. Auf
       einem Banner steht: „IHR behindert uns!“
       
       Am Rande der Versammlung unterhalten sich drei Männer, einer von ihnen
       nutzt einen Rollstuhl. Alle drei arbeiten in einer Werkstatt für Menschen
       mit Behinderung und möchten nicht, dass ihre Namen in der Zeitung
       erscheinen. Auf die Frage, warum sie vor Ort sind, antwortet die Person im
       Rollstuhl: „Wir wollen gegen die Kürzungen der Regierung im sozialen
       Bereich protestieren. Für die Bundeswehr gibt’s Milliarden, für uns gibt’s
       nichts.“
       
       Der Mann neben ihm vergleicht seine Situation mit der von Arbeitslosen ohne
       Behinderung: „Wie viele sitzen zu Hause, sind faul und müssen nur die Hand
       aufhalten für mehr Geld vom Staat. Wir sind handicapped, gehen trotzdem
       arbeiten und trotzdem reicht das Geld nicht.“ Bonuszahlungen wie
       Weihnachtsgeld würden mit Sozialleistungen verrechnet, sagt er. Auf die
       seien sie wegen der niedrigen Löhne angewiesen. Am Ende bleibe kaum etwas
       übrig.
       
       ## Nicht mal ein Euro pro Stunde
       
       Der dritte Mann in der Runde verdient nach eigenen Angaben weniger als
       einen Euro pro Stunde. „Am Ende des Monats [3][habe ich 200 Euro verdient.]
       Obwohl man Vollzeit arbeitet, reicht es nicht zum Leben. Das ist unter
       aller Würde. Es ist eine Unverschämtheit.“ Dass es Werkstätten für Menschen
       mit Behinderung gibt, findet er prinzipiell gut. Sie müssten nur besser
       gefördert werden.
       
       Zwei der drei [4][arbeiten bei Alstergärtner], einer integrierten
       Betriebsstätte für Menschen mit Behinderung. Alstergärtner gehört zu
       [5][Alsterarbeit], einem Hamburger Unternehmen, das Menschen mit
       Behinderung dabei unterstützt, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Die
       Beschäftigten arbeiten in eigenen Werkstätten, Ateliers und Büros sowie in
       ausgelagerten Arbeitsgruppen bei regulären Unternehmen in der Stadt.
       
       Auf Bundesebene sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Menschen mit
       Behinderung auf dem Arbeitsmarkt unter anderem im [6][Gesetz zur Förderung
       eines inklusiven Arbeitsmarkts] festgehalten. Das Gesetz ist am 1. Januar
       2024 in Kraft getreten. Es soll mehr Menschen mit Behinderung in reguläre
       Arbeit bringen und Arbeitgeber stärker in die Pflicht nehmen.
       
       Demnach müssen Unternehmen ab 20 Mitarbeiter:innen eine Quote von fünf
       Prozent an schwerbehinderten Beschäftigten erfüllen. Wer keine
       schwerbehinderten Menschen beschäftigt, zahlt eine deutlich höhere
       Ausgleichsabgabe.
       
       ## Hamburger Senat zeigt Initiative
       
       Eigene Landesgesetze für die Arbeitsbedingungen in Werkstätten gibt es
       nicht, da Arbeits- und Sozialrecht bundesweit geregelt sind. Zuständig für
       diese Bereiche ist [7][das Bundesministerium für Arbeit und Soziales
       (BMAS).] Der Hamburger Senat aus SPD und Grünen will sich aber auf
       Bundesebene für eine bessere Einkommenssituation der Beschäftigten
       einsetzen.
       
       [8][Einen entsprechenden Antrag] brachten beide Regierungsfraktionen bei
       der Bürgerschaftssitzung am 2. September ein. Darin wird der Senat
       aufgefordert, sich bei einer Reform der Werkstätten für Menschen mit
       Behinderungen auf Bundesebene dafür einzusetzen, dass das Einkommen der
       Beschäftigten steigt und transparenter wird.
       
       Eine Werkstattreform wurde [9][von der vorherigen Bundesregierung
       angekündigt], aber nicht umgesetzt. [10][Im aktuellen Koalitionsvertrag]
       ist eine Reform zwar geplant, konkrete Pläne zur Umsetzung gibt es bisher
       jedoch nicht.
       
       ## Keine Bewegung auf Bundesebene
       
       Außerdem soll laut dem Antrag geprüft werden, wie Hamburg die
       Beschäftigungsquote von Menschen mit Behinderung auf dem ersten
       Arbeitsmarkt erhöhen kann. Der Antrag wurde [11][einstimmig bei Enthaltung
       der CDU angenommen.]
       
       Kathrin Warnecke, Sprecherin der Grünen-Fraktion für Soziales und
       Inklusion, wird auf Anfrage der taz konkreter: „Ein sinnvoller erster
       Schritt wäre aus meiner Sicht, das Werkstattentgelt nicht mehr auf die
       Grundsicherung anzurechnen.“ So steige das Einkommen der Beschäftigten,
       gleichzeitig sinke der Verwaltungsaufwand.
       
       Ihre Bürgerschaftskollegin Regina Jäck, Sprecherin der SPD-Fraktion für
       Menschen mit Behinderung, unterstützt die Forderung nach Reformen: „Auf die
       Forderungen, die auf dem Rathausmarkt am Dienstag geäußert wurden, wollen
       wir eingehen. Wir sehen die Leute und unterstützen das.“ Sie fügt hinzu:
       „Die Betroffenen warten schon so lange auf Reformen. Aktuell gibt es hier
       auf Bundesebene leider keine Bewegung. Da muss ich auch selbstkritisch auf
       die Bundes-SPD schauen.“
       
       17 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://xn--werkstattrte-hamburg-kzb.de/
 (DIR) [2] https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/hamburg_journal/demo-werkstaetten-fuer-menschen-mit-behinderung-fordern-mehr-lohn,hamj-14628.html
 (DIR) [3] /Werkstaetten-fuer-behinderte-Menschen/!6209956
 (DIR) [4] https://www.alsterarbeit.de/betriebsstaetten-und-standorte/alstergaertner/arbeit-bildung-und-tagesfoerderung
 (DIR) [5] https://www.alsterarbeit.de/betriebsstaetten-und-standorte/ueberblick
 (DIR) [6] https://www.bmas.de/DE/Service/Gesetze-und-Gesetzesvorhaben/gesetz-zur-foerderung-eines-inklusiven-arbeitsmarktes.html
 (DIR) [7] https://www.bmas.de/DE/Ministerium/Wir-stellen-uns-vor/Aufgaben-des-BMAS/aufgaben-des-bmas.html
 (DIR) [8] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/104892/23_05023_mehr_arbeitsmarktnaehe_und_transparente_einkommensstrukturen_fuer_beschaeftigte_in_werkstaetten_fuer_behinderte_menschen_wfbm_schaffen
 (DIR) [9] https://www.spd.de/fileadmin/Dokumente/Koalitionsvertrag/Koalitionsvertrag_2021-2025.pdf
 (DIR) [10] https://www.koalitionsvertrag2025.de/sites/www.koalitionsvertrag2025.de/files/koav_2025.pdf
 (DIR) [11] https://www.hamburgische-buergerschaft.de/resource/blob/1215766/fb8b52bfc0157e279e0dfcc246909520/28-vorl-beschlussprotokoll-02-09-2026-data.pdf
       
       ## AUTOREN
       
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