# taz.de -- Jurist über Diversität in Wissenschaft: „Damals waren die Hörsäle weniger bunt“
> Ganz unterschiedliche Lebenswege: Anatol Dutta und Matteo Fornasier
> versammeln in ihrem Buch 35 Migrationsgeschichten von
> Rechtswissenschaftler:innen.
(IMG) Bild: Viel hat sich in den Hörsälen verändert, aber über Diversität dort diskutieren noch immer kaum Menschen mit Migrationsbiografien
taz: Herr Dutta, wie steht es um die Diversität in der Rechtswissenschaft?
Anatol Dutta: In der Rechtswissenschaft gibt es schon länger eine
Diversitätsdebatte. Uns ist aufgefallen, dass Personen, die herkömmlich als
„mit Migrationshintergrund“ bezeichnet werden, an dieser aktiv selten
teilnehmen. Wir fanden deshalb die Vorstellung schön, dass sie einen Raum
bekommen, um ihren persönlichen Blick zu teilen, auf ihren Werdegang und
die Frage, wie die Herkunft ihre wissenschaftliche Arbeit geprägt hat.
taz: [1][In ihrem Sammelband] erzählen 35 Rechtswissenschaftler:innen
von ihren Migrationsbiografien …
Dutta: Natürlich bilden wir von ihnen nur einen kleinen Teil ab. Alle
Personen sind Professoren und Professorinnen. Mit dem Buch verfolgen wir
aber auch überhaupt keinen normativen oder empirischen Anspruch, sondern
wollen nur beschreiben und erzählen.
taz: Sie haben Ihr Jurastudium in München im Jahr 1997 begonnen, heute sind
Sie an derselben Universität Professor für Zivilrecht. Hat sich seitdem
viel geändert, was die Diversität angeht?
Dutta: Ja, sehr viel. Damals waren die Hörsäle weniger bunt. Personen, bei
denen [2][die Migrationsgeschichte sichtbar war], gab es in meinem Semester
nur wenige, etwa auch Matteo Fornaiser, der andere Herausgeber dieses
Buchs. Mit ihm habe ich schon zu Studienzeiten in einer WG gewohnt. Wenn
ich heute in den Hörsaal schaue, dann ist das anders, mittlerweile auch in
den juristischen Berufen.
taz: Woran liegt das?
Dutta: Das schriftliche Staatsexamen wird ja oft kritisiert, aber der Grad
an Gleichbehandlung, der durch die anonymen Klausuren garantiert wird, ist
auf jeden Fall ein Vorteil. Dennoch mache ich weiterhin die Erfahrung, dass
mich immer wieder [3][Studierende mit Migrationshintergrund] bei gewissen
Fragen bewusst ansprechen und es Bedarf nach gezieltem Austausch mit
Personen mit ähnlichen Erfahrungen gibt.
taz: Was ist Ihnen beim Lesen der anderen Biografien besonders aufgefallen?
Dutta: Erst einmal sind die Geschichten alle ganz unterschiedlich. Es gibt
eben nicht den einen Migrationshintergrund. Die Lebenswege sind alle
anders, genauso wie das subjektive Erleben. Ich selbst zum Beispiel mochte
es immer, wenn mich jemand gefragt hat, wo ich herkomme, und fand es
schade, wenn Leute Scheu hatten, das zu fragen. Andere wiederum finden
diese Frage ungehörig. In vielen Beiträgen wird auch gefragt, ob man sich
überhaupt als Mensch mit Migrationshintergrund fühlt, und sehr
unterschiedlich beantwortet. Was mir bei der Lektüre außerdem aufgefallen
ist, ist die Bedeutung der Familie – oder auch von einzelnen Lehrkräften
und Personen, die einen gefördert haben. Ein roter Faden ist auch dieses
Hin- und Herpendeln zwischen verschiedenen Welten.
taz: Ihr eigener Beitrag trägt den Titel „Hier zu Hause, ein fernes Land im
Herzen“.
Dutta: Ich wollte damit genau diese emotionale Verbundenheit und
Zerrissenheit zum Ausdruck bringen. Ich fühle mich hier in dieser
Gesellschaft zu Hause, genauso wie meine Familie, meine Kinder. Aber ich
habe diese andere Welt immer im Hinterkopf, der ich mich auch zugehörig
fühle. Für mich ist das vor allem eine Bereicherung. Insgesamt ist das Buch
sehr positiv, auch das ist mir bei der Lektüre aufgefallen.
taz: Wie war es für die Juraprofessor:innen, einen so persönlichen Text
aufzuschreiben?
Dutta: Das war schon eine Herausforderung, aber offenbar auch eine Freude.
So haben das eigentlich alle Mitwirkenden berichtet. Die meisten hatten
Lust auf diese Selbstreflexion. Einfach mal ein bisschen über das eigene
Leben nachdenken.
25 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.mohrsiebeck.com/buch/migrationsbiographien-in-der-deutschen-rechtswissenschaft-9783162008602/
(DIR) [2] /Kuratorin-ueber-Schicksale/!6077674
(DIR) [3] /Junge-Inder-in-Deutschland/!6094350
## AUTOREN
(DIR) Marie Dürr
## TAGS
(DIR) Diversität
(DIR) Hochschule
(DIR) Wissenschaft
(DIR) Universität
(DIR) Migration
(DIR) Biografie
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Wissenschaft unter Druck: „Wir müssen das Recht verteidigen“
Rund 200 Jurist:innen betonen in einer gemeinsamen Erklärung die
Bedeutung des Rechtsstaats. Eine Mitinitiatorin erklärt, warum.
(DIR) Berlin Science Week: Glamouröse Wissenschaft
Anfang November tagt die Berlin Science Week unter dem Motto „In Touch“.
Auch eine Vorstellung, die Drag und Wissenschaft vereint, ist geplant.
(DIR) Kunstwoche der Kommunalen Galerien: Wo Erinnerung Form annimmt
Keramiken von Krankenschwestern und andere Migrationsgeschichten: Berlins
Kommunale Galerien bringen Geschichten ans Licht, die leicht übersehen
werden.
(DIR) Migrationsforschung an der Uni Osnabrück: Wider die Verengung des Blicks
Die Debatte über Migration polarisiert. Der Sonderforschungsbereich
„Produktion von Migration“ der Uni Osnabrück legt Mechanismen der
Ausgrenzung offen.
(DIR) Kuratorin über Schicksale: „Migration ist ein ganz normaler Teil dieser Stadt“
Hamburger Geschichtswerkstätten versammeln Migrationsgeschichten in einer
Ausstellung. Die ist erst der Anfang, sagt Koordinatorin Kristina Patzelt.