# taz.de -- Kunstwoche der Kommunalen Galerien: Wo Erinnerung Form annimmt
       
       > Keramiken von Krankenschwestern und andere Migrationsgeschichten: Berlins
       > Kommunale Galerien bringen Geschichten ans Licht, die leicht übersehen
       > werden.
       
 (IMG) Bild: Es geht um Erinnerung und Begreifen: Die Ausstellung von Frank Jimin Hopp in der Galerie Wedding
       
       Auf einem Sockel in der Galerie Wedding steht ein großes braunes Onggi, ein
       traditionelles koreanisches Vorrats- und Fermentationsgefäß, das dem
       deutschen Sauerkrauttopf ähnelt. Daneben liegen Bücher aus Keramik und eine
       koreanische Trommel, eine Buk: glasiert, farbig, nicht ganz regelmäßig,
       sichtbar mit Händen gemacht.
       
       Frank Jimin Hopp hat diese Keramiken für seine Ausstellung [1][„Mae Nan Guk
       Juk 매난국죽: Diasporic Memories Formed in Clay“] in der Galerie Wedding am
       Leopoldplatz gemeinsam mit ehemaligen Krankenschwestern und einem
       Bergarbeiter aus Südkorea hergestellt, die in den 1960er und 1970er Jahren
       nach Westdeutschland kamen – sie sind [2][Teil einer Migrationsgeschichte,
       die in Deutschland wenig präsent ist].
       
       Ausgangspunkt war seine Mutter Misook Hopp-Kim, erzählt der
       deutsch-koreanische Künstler bei einer Führung durch die Galerie. Hopp
       kannte die Eckdaten ihres Wegs, stellte aber irgendwann fest, dass er ihn
       trotzdem nicht richtig begriffen hatte. Als er selbst mit einem Stipendium
       zum Kunststudium nach Korea flog, wurde ihm die Verkehrung deutlich: Er
       durfte dort studieren, konnte Koreanisch, Freunde und Familie in
       Deutschland blieben stets erreichbar. Seine Mutter hingegen war mit 21 in
       die andere Richtung geflogen, konnte kein Deutsch und musste am Tag nach
       ihrer Ankunft in einem deutschen Krankenhaus arbeiten. „Ich muss noch mal
       richtig nachfragen“, habe er damals gedacht.
       
       Keramik wurde dafür zu einer Methode des Zuhörens. Ton mag keine Hektik.
       Man knetet, rollt, drückt und glättet das Material wie die Gedanken, die
       dabei kommen, dann muss der Ton ruhen, trocknen, gebrannt und glasiert
       werden. Dazwischen sitzt man zusammen, schaut Fotos an und redet. „Keramik
       ist ganz gut, sie braucht viel Zeit und Geduld“, sagt Hopp. Manche
       Begegnungen zogen sich über Wochen; an einigen Tagen wurde nur gekocht und
       altes Bildmaterial angesehen.
       
       ## Das Interessante ist auch die Geografie
       
       Genau deshalb ist die Ausstellung ein empfehlenswerter Auftakt für die
       [3][Kunstwoche der Kommunalen Galerien Berlin]. Vom 2. bis 11. Oktober
       zeigen die insgesamt 36 Galerien in Berlin 44 Ausstellungen mit rund 150
       Künstler*innen. Dazu kommen kostenlose Workshops für Kinder und
       Jugendliche, Führungen und Touren durch die Bezirke sowie eine Opening
       Party.
       
       Das Spannende daran ist über die Zahl und die Vielfalt der Ausstellungen
       hinaus ihre Geografie: [4][Kommunale Galerien] liegen nicht gesammelt in
       einem repräsentativen Kulturquartier, sondern in Wedding, Reinickendorf,
       Lichtenberg, Marzahn. Anwohner*innen kommen an ihnen auf dem Weg zur
       Bibliothek, zum Amt, zur Schule oder zum Einkaufen vorbei. Und der Eintritt
       kostet meist nichts.
       
       Eylem Sengezer, Leiterin der kommunalen Galerien Mitte, die ebenfalls zur
       Führung durch die Ausstellung gekommen ist, nennt die kommunalen Galerien
       deshalb eine Art „dezentrale Kunsthalle“. Ihr Auftrag bestehe nicht darin,
       die Kunst selbst niedrigschwellig zu machen, sondern den Zugang zu ihr. Die
       Häuser sind Teil der städtischen Infrastruktur, ähnlich wie Bibliotheken
       oder Volkshochschulen, sollen sich mit ihrer unmittelbaren Nachbarschaft
       vernetzen und zugleich professionell arbeitenden Künstler*innen Räume
       bieten. Für manche wie Frank Jimin Hopp sind sie der Ort der ersten großen
       Einzelausstellung, bevor ihre Arbeiten später in den „großen Tankern“ der
       Berliner Kunstlandschaft auftauchen.
       
       ## Die Schwellen sind nicht hoch
       
       Das ist ein großartiges Modell in einer Stadt, in der Kunst sonst schnell
       zur Frage von Eintrittspreisen, Vorwissen und Milieuzugehörigkeit wird. Ein
       Museumsbesuch für 14 oder 24 Euro ist für die meisten in dieser Stadt keine
       kleine Ausgabe. Eine kommerzielle Galerie kostet zwar keinen Eintritt, kann
       aber mit ihren Vernissagencodes und ihrem kaufkräftigen Publikum eine
       andere Art von Schwelle aufbauen. Die kommunale Galerie, die zum jeweiligen
       Bezirksamt gehört, hat dagegen einen öffentlichen Auftrag.
       
       Diese Durchlässigkeit ist natürlich nicht kostenlos zu haben. Vor rund zehn
       Jahren erstritten die kommunalen Galerien gemeinsam mit dem Berufsverband
       Bildender Künstler*innen Ausstellungshonorare vom Senat. Dahinter steht
       ein einfacher Gedanke: Wenn Räume, Personal und Technik öffentlich
       finanziert werden, sollten nicht ausgerechnet die Künstler*innen gratis
       arbeiten.
       
       Karin Scheel, Leiterin der [5][Kommunalen Galerie Schloss Biesdorf] und
       Sprecherin des Arbeitskreises Kommunale Galerien, beschreibt die Schieflage
       drastisch: Man könne nicht „alles vom Staat“ finanzieren, „außer die, um
       die es geht“. Wenn die Senatsmittel nicht reichen, müssen die ohnehin
       knappen Bezirke einspringen oder Ausstellungen reduzieren. [6][2025 wurden
       die Mittel eingefroren, 2026 kehrten sie gekürzt zurück.]
       
       Das macht die Struktur zugleich wertvoll und fragil. Scheel beschreibt die
       kommunalen Galerien als ein über Berlin gespanntes Netz. Wenn es an einer
       Stelle „bröckelt oder reißt“, könne das Kettenreaktionen auslösen – auch
       bei der kostenlosen Kunstvermittlung für Schulklassen, Kinder und Familien.
       Gerade solche Angebote funktionieren oft nur, wenn sie in erreichbarer Nähe
       stattfinden.
       
       ## Unabhängig bleiben
       
       Hinzu kommt eine zweite Frage: Wie unabhängig bleiben öffentlich
       finanzierte Kulturorte, wenn sich politische Mehrheiten verschieben? Gerade
       in Ostberliner Randbezirken ist die AfD stark geworden. Noch ist offen, ob
       sie und wenn ja welche Ämter sie bekommen wird. Wie diese Partei mit
       pluralistischen Programmen zu Migration, Kolonialismus oder
       Erinnerungspolitik umginge, sobald sie selbst Verantwortung in einem
       Bezirksamt trägt, ist trotzdem keine ganz theoretische Frage mehr. Die
       Debatten in Sachsen-Anhalt geben davon einen Vorgeschmack.
       
       Besonders heikel wäre das in einer Stadt wie Berlin ausgerechnet beim Thema
       Migration. Sie ist hier kein Spezialthema, das sich nur manchmal in eine
       Ausstellung verirrt, sondern ein entscheidender Teil der Stadt.
       Entsprechend selbstverständlich taucht sie auch in den kommunalen Galerien
       auf: Im Kunst Raum Mitte ist während der Woche der Kommunalen Galerien zu
       besichtigen, wie [7][Mooni Perrys in „DISSOLUTIONS“] Verdrängung und
       Zukunftsversprechen im Kontext der japanischen Kolonialherrschaft in Korea
       und Mandschukuo untersucht. In Adlershof richtet [8][„Die Kids sind nicht
       alright! 2“] den Blick auf migrantische Biografien nach dem Mauerfall.
       
       Und im Schloss Biesdorf bringt „Overwrite! – On behalf of things, species
       and voices that disappear“ Künstler*innen aus Mexiko-Stadt und Berlin
       zusammen. Das „Überschreiben“ wird dort bewusst doppeldeutig verstanden:
       als Löschen und Aufzwingen, aber auch als Öffnen, Zuhören und Umschreiben
       von Vergangenheit. Die Ausstellung fragt also auch danach, wer Geschichte
       schreiben darf, was dabei verloren geht und ob eine bestehende Erzählung
       noch einmal anders lesbar werden kann.
       
       Damit führt der Weg wieder zurück nach Wedding. Denn das heimliche
       Kraftzentrum von Hopps Ausstellung ist dieselbe Frage: Welche Geschichten
       bleiben privat, und welche gelangen in Archive, Museen, Straßennamen und
       das öffentliche Gedächtnis – und wer bestimmt eigentlich darüber?
       
       ## Angst, die Sprache zu verlieren
       
       Die Keramiken geben darauf keine einheitliche Antwort. Da ist das
       Vorratsgefäß Onggi, das bei Hopp auch zum Behälter für Erinnerung wird. Da
       sind keramische Lieblingsbücher einer Gesprächspartnerin, darunter ein
       Wörterbuch und ein Gedichtband von Rilke. Sprache spielt auch in Hopps
       Interviews eine große Rolle: die Mühe, sich als junge Krankenschwester
       Deutsch anzueignen, und später die Angst, diese Sprache im Alter durch
       Demenz wieder zu verlieren. „Wo möchte ich sterben?“, lautet irgendwann die
       Frage.
       
       Dass solche Erfahrungen im deutschen öffentlichen Gedächtnis so wenig
       vorkommen, ist umso erstaunlicher, da die rund 8.000 südkoreanische
       Bergarbeiter und etwa 11.000 Krankenschwestern inzwischen seit rund sechs
       Jahrzehnten Teil dieser Gesellschaft sind. Viele kamen aus Armut und
       Nachkriegselend, schickten Geld an ihre Familien und leisteten Arbeit, auf
       die die Bundesrepublik angewiesen war. Bei den Bergarbeitern wird die
       Unsichtbarkeit fast wörtlich: Sie blieben unter der Erde. Hopp hat mit
       einem seiner Gesprächspartner einen Stolleneingang aus Keramik gebaut;
       Kohlezeichnungen an den Wänden der Galerie nehmen dies ebenfalls auf.
       
       Doch die Ausstellung erzählt ebenfalls davon, dass die koreanischen Frauen
       dieser Unsichtbarkeit längst etwas entgegengesetzt haben. Sie mussten nicht
       erst von der jüngeren Generation mit einer politischen Stimme versehen
       werden, reflektiert Frank Jimin Hopp. Sie waren selbst laut. Eine der
       Protagonistinnen ist Choungnoh Shin-Hermeneit, ehemalige Krankenschwester
       und seit Jahrzehnten politisch engagiert. Hopp berichtet von einer
       rassistischen Erfahrung, gegen die sie sich zur Wehr setzte, und von ihrem
       späteren Engagement bei Tagungen und Demonstrationen. Bei Protesten spielte
       sie auf einer koreanischen Trommel. Daher die Buk aus Keramik, die Hopp mit
       ihr nachbaute: als Symbol dafür, „laut zu sein und mitzugestalten“.
       
       Dazu passen die keramischen Straßenschilder an der Wand der Galerie. Die
       Frauen wünschen sich eine Straße, die an ihre Arbeit und ihre Geschichte
       erinnert. Weil ein wirklicher Straßenname ein langer politischer Prozess
       ist, haben sie diesen Wunsch zunächst selbst in Ton umgesetzt. Auch das ist
       ein Weg, private Erinnerung zum Anspruch auf Öffentlichkeit zu
       transformieren.
       
       Menschen, die hier jahrzehntelang andere gepflegt, Kohle gefördert,
       demonstriert und Vereine aufgebaut haben, wollen nicht darauf warten, dass
       sich die Stadt an sie erinnert. Sie geben ihrer Geschichte selbst Klang,
       Form und Namen.
       
       2 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://galeriewedding.de/mae-nan-guk-juk-diasporic-memories-formed-in-clay/
 (DIR) [2] /Koreanische-Politisierung/!420153/
 (DIR) [3] https://kgberlin.net/kommunale-kapitale/
 (DIR) [4] https://www.berlin.de/kunst-und-kultur-mitte/kunstorte/
 (DIR) [5] https://schlossbiesdorf.de/ausstellungen
 (DIR) [6] /Kommunale-Galerie-in-Berlin/!6073744
 (DIR) [7] /Die-Kunst-der-Woche/!6201340
 (DIR) [8] /Bewaeltigungsstrategien-Modus-Ost/!6047778/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Messmer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kunststandort Berlin
 (DIR) Migration
 (DIR) Berliner KünstlerInnen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Bedrohte Kunst in Berlin: Humus für Leuchttürme
       
       Zum Auftakt der Aktionstage „Kommunale Kapitale“ diskutieren
       Kulturschaffende über den Wert der Berliner Kommunalen Galerien. Die sind
       in Gefahr.
       
 (DIR) Kommunale Galerie in Berlin: „Kunst wird immer exklusiver“
       
       Seit 2024 leiten Agnieszka Roguski und Natalie Keppler den Berliner „Kunst
       Raum Mitte“. Ein Gespräch über weiße Elefanten und Kürzungen im Kulturetat.
       
 (DIR) Kuratorin über den Weg zur Kunst: „Ohne Neugier kann man so einen Job nicht machen“
       
       Karin Scheel lebt zwischen den Welten: Arbeiten tut sie am Rand Berlins in
       der Galerie Schloss Biesdorf, und sie wohnt im Touristen-Hotspot
       Friedrichshain.