# taz.de -- Beobachtungen beim Bäcker: Die Kuchenthekenflüsterin
       
       > Vorsicht ist geboten beim Hantieren mit Brandteiggebäck. Genau wie beim
       > Umgang mit Insekten. Immerhin, der Gebrauch eines alten Begriffs macht
       > Freude.
       
       Sie hängt über den süßen Teilchen und bewegt sich vorsichtig. Da betritt
       Hilda den Bäcker bei uns in der Straße. Schulferien erhöhen den Verbrauch
       von Frühstücksbrötchen. Auch wenn es strenggenommen nicht mehr früh ist,
       eher Mittag. Aber die Pubertät verschiebt das Aufwachen. Das ist die eine
       Beobachtung des Tages.
       
       Die andere findet hier, in der gekühlten Anrichte, statt. Denn eine der
       Frauen hinter dem Tresen macht die Arme lang, während ihre Kollegin Kaffee
       für eine Kundin brüht. Die Maschine zischt. Die vorsichtige Verkäuferin
       hält in den spitzen Fingern einer Hand einen Kaffeebecher aus Pappe, in der
       anderen hat sie einen Tortenheber. Sie beobachtet konzentriert ein Éclair,
       einen „Liebesknochen“, wie sie sagt. Das ist ein selten gewordener Begriff,
       über den ich mich ehrlich freue, als Hilda uns die Geschichte erzählt.
       
       „Ich dachte“, sagt sie, „die wären erst später im Jahr so gierig, aber
       gut.“ Hilda sieht, mindestens ebenso konzentriert, wie die Frau mit dem
       Becher, dass eine Wespe am Schokoladenüberzug nagt, der Teile des
       Brandteiggebäcks bedeckt.
       
       Menschen, die mit besonderer Geduld ausgestattet sind, können Wespen sogar
       dabei beobachten, wie sie wespengroße Schnitze aus Wurstscheiben säbeln.
       Ungelogen. „Man muss sie machen lassen, es ist faszinierend“, erzählte uns
       eine Nachbarin am vergangenen Wochenende.
       
       Hilda bestellt und bekommt verschiedene Brötchen, während die Verkäuferin
       ihre Jagd beendet. Erfolgreich, wie sich zeigt. Behutsam trägt sie die
       Wespe unterm Becher vor die Bäckerstür und lässt sie dort frei. Hilda folgt
       ihr. Draußen erzählt die Verkäuferin: „Das gehört sich so, das vorsichtige
       Raustragen. Wenn du eine Wespe umbringen würdest, kommt nachher nämlich
       ihre ganze Familie zur Beerdigung. Und das ist nicht lustig.“
       
       Die Kinder gähnen. „Aha“, sagen sie. Und sind schneller mit dem Frühstück
       fertig, als du Liebesknochen sagen kannst.
       
       20 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Klaus Esterluss
       
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