# taz.de -- Eine Frage der Sichtweise: Mit Richard Wagner vorm Barbershop
       
       > An der Hobrechtstraße zwischen Berlin-Kreuzberg und -Neukölln ist oft die
       > Hölle los. Durch die rosarote Brille betrachtet, wirkt sie gleich
       > skurriler.
       
       Siehst du das auch?“, fragen wir uns gegenseitig, um sicherzugehen, dass
       keine von uns sich etwas einbildet. „Ja!“
       
       Beide sehen wir an diesem Abend vieles. Zum Beispiel, dass die T-Shirts der
       jungen Männer vom Barbershop so weiß sind, dass die Augen wehtun, wenn sie
       direkt vor uns stehen.
       
       Dann sehen wir, wie drei von ihnen peinlich berührt wegrennen, als ihnen
       ein älterer, langhaariger Mann irgendetwas wild gestikulierend erzählt. Wir
       hören nicht, um was es geht, aber zuvor hatte er versucht, mit uns über
       [1][Richard Wagner] zu reden.
       
       Wir sehen, wie die, die in der Runde geblieben sind, ihre Gesichter mit den
       Händen bedecken, den Kopf schütteln und wie kleine Kinder kichern.
       Irgendwann geht der Alte weiter, und die drei, die geflohen waren, trauen
       sich, [2][Capri-Sonne] trinkend, zu ihren Freunden zurückzukehren.
       
       Das ereignet sich an meinem neuen Lieblingsspäti, dass wir mit dem Rücken
       zum Eiskühlschrank sitzen, Feierabendbier trinken und Passanten beobachten.
       
       Was wir auch sehen: Zwei Teenager in Hoodies mit grün gefärbten Haaren, die
       plötzlich hinter uns stehen, vom Licht des Kühlschranks angeleuchtet. Wir
       glauben, dass sie uns von oben herab mustern. Eigentlich können sie sich
       nur nicht entscheiden, ob Cornetto oder Magnum. „Wie in einem Horrorfilm“,
       sage ich. Sie lächeln uns an, und wir sehen, wie ihre Zahnspangen glänzen.
       
       Ebenso sehen wir [3][einige ältere Paare], Hand in Hand hintereinander an
       uns vorbeidefilierend und uns stolze Blicke zuwerfend, als wollten sie
       sagen: „Ja, wir haben uns immer noch gern!“
       
       Diese Ecke in der Hobrechtstraße ist immer sehr lebendig. Aber woran könnte
       es liegen, dass wir heute so schöne und skurrile Menschen und Augenblicke
       erwischen?, fragen wir uns.
       
       Und in diesem Moment entdecken wir sie: mehrere vergessene Brillen. Sie
       liegen hinter uns, auf dem Kühlschrank.
       
       Wir fangen an zu lachen. Das sind bestimmt magische Brillen! Das sind die
       rosaroten Brillen dieses letzten einigermaßen warmen Abends.
       
       18 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /150-Jahre-Bayreuther-Festspiele/!6201360
 (DIR) [2] /Foodwatch-Chef-zu-Abgabe-auf-Getraenke/!6220840
 (DIR) [3] /Gemeinschaft-im-Alter/!6218159
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Luciana Ferrando
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumne Szene
 (DIR) Alltag
 (DIR) Neukölln
 (DIR) Kreuzberg
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Halt finden: Den Stein in beiden Händen
       
       Sein ganzer Körper wackelt vor Panik: Höhenangst muss nicht rational sein.
       Wer hält hier eigentlich wen?
       
 (DIR) Großes Geschäft: Wir glauben nicht an Türen
       
       Bei einer Sexparty sucht unser Autor nach dem stillen Örtchen zwischen
       Lichtgestalten und Nackedeis. Das bisschen Privatsphäre, das er sucht, wird
       gleich zum Fauxpas.
       
 (DIR) Mittel gegen Wind und Kälte: Vergesst Capri!
       
       Was tun gegen den Herbstblues? Ein warmer Pulli kann helfen oder ein Urlaub
       in der Ferne. Das Reiseziel einer Frau in der Falafelschlange überrascht
       jedoch.
       
 (DIR) Mit Goethe-Blick: Warum sich Besuche bei ÄrztInnen lohnen
       
       Sogar eine leichte Sehschwäche ist manchmal für etwas gut. Wer hätte
       gedacht, dass ein Termin zur Untersuchung dem Tag so eine schöne Wendung
       geben kann?