# taz.de -- Wahlen in Israel: Weder Held noch Bösewicht
       
       > Das deutsche Israel-Bild ist verengt, egal aus welchem Blickwinkel. Aber
       > Israel ist ein reales Land, keine Projektionsfläche.
       
 (IMG) Bild: Gadi Eisenkot oder Benjamin Netanjahu, es geht um die Zukunft Israels
       
       Nächste Woche sind die Israelis zu Parlamentswahlen aufgerufen. Gerade die
       Linken unter ihnen betonen, dass es bei dieser Wahl um die Existenz des
       Landes gehe. Nur: Diese Wahlen sind natürlich wichtig, aber sie werden sehr
       wahrscheinlich nicht über das Schicksal Israels entscheiden. Sie werden
       weder den Untergang des Landes bedeuten noch dessen sofortige Heilung
       einläuten. Selbst im besten Fall eines Sieges der Opposition wird die dann
       vermutlich nötige Mehr-Parteien-Koalition sehr heterogen sein und vor
       großen Hürden stehen, um die demokratische und soziale Krise des Landes zu
       stoppen.
       
       Die scheidende Regierung schrieb aus zwei Gründen Geschichte: Sie war die
       rechtsextremste Regierung in der Geschichte Israels, und es gelang ihr,
       eine volle Legislaturperiode zu überstehen. Die vergangenen 30 Jahre waren
       die meisten israelischen Regierungen kurzlebige Mitte-rechts-Koalitionen.
       
       Benjamin Netanjahus Regierung konnte sich nur aufgrund des Angriffs der
       Hamas vom 7. Oktober und des anschließenden Gazakriegs halten, der den
       massiven innenpolitischen Antiregierungsprotesten von 2023 die Energie
       nahm. Doch die Ursachen dieser Proteste – soziale Spannungen, hohe
       Lebenshaltungskosten, der umstrittene Status der Ultraorthodoxen, eine
       erodierende Demokratie und die Besetzung im Westjordanland mitsamt
       gewalttätigen Siedlern – haben sich nur noch verschärft.
       
       Eine neue Regierung wird keine Wunder bewirken. Eine mögliche Koalition
       unter Ex-General Gadi Eisenkot dürfte sehr fragil sein. Zu einer neuen
       Rechts-Regierung wiederum, selbst ohne Netanjahu an der Spitze, dürften
       erneut rassistische und ultrareligiöse Parteien gehören. Die neue
       Regierung, egal welcher Couleur, wird Enttäuschungen erzeugen. Das bedeutet
       aber nicht, dass Israel „am Ende“ ist oder dass gar der Zionismus
       gescheitert ist.
       
       Viele Deutsche betrachten Israel nicht als normales Land. Sie verengen
       Israel entweder zu einer brutalen Kriegsmaschinerie – oder sehen das Land
       nur als heiligen Zufluchtsort für Juden, der wegen des Holocausts und des
       weltweiten Antisemitismus geschützt werden muss. Aber Israel ist in erster
       Linie einfach nur ein Land. Wie alle Demokratien verändert es sich, macht
       Fortschritte und erleidet Rückschläge.
       
       Insgesamt ist Israel in den letzten 30 Jahren religiöser, mizrachischer
       (von Mizrachim, aus dem Orient und Nordafrika stammende Jüdinnen:Juden, d.
       Red.) und konservativer geworden. Mehr Mizrachim als früher gehen in die
       Politik. Gleichzeitig aber ist Israel, nur als Beispiel, Vorreiter bei
       künstlichen Befruchtungen für gleichgeschlechtliche Paare und
       alleinstehende Frauen, und das unter der Ägide des öffentlichen
       Gesundheitssystems.
       
       Israel treibt wichtige Entwicklungen bei grünen Technologien an,
       insbesondere mit Blick auf die Trinkwassergewinnung und den Umgang mit
       knappen Wasserressourcen; es steht weiterhin an der Spitze der
       wissenschaftlichen Forschung auf mehreren Gebieten. Und ja, es führt Kriege
       und besetzt Gebiete. Es unterstützt völkerrechtswidrige Siedlungsprojekte,
       die einen hohen moralischen und finanziellen Preis haben. Kurz gesagt:
       Israel ist ein work in progress. So wie viele andere Länder auch.
       
       Israel ist keine leere Leinwand, auf die man nationale Schuldgefühle, Angst
       oder Hass projizieren kann. Demokratische Solidarität bedeutet, Israel als
       ein reales Land zu betrachten, das nun mal mit realen Feinden und realen
       existenziellen Bedrohungen konfrontiert ist. Es bedeutet, den Zionismus
       nicht als historischen Fehler zu bezeichnen und Israel den Erfolg als
       vielfältige und liberale Demokratie zu wünschen, damit es seine Identität
       aushandeln und seine eigene Zukunft innerhalb der Grenzen des
       demokratischen Diskurses, des Völkerrechts und der Staatengemeinschaft
       gestalten kann.
       
       In ihren Memoiren erinnert sich Angela Merkel daran, wie sie als junge
       Physikstudentin Mitte der 1970er Jahre darauf angewiesen war, dass
       Gastwissenschaftler Forschungsstudien aus Israel in die DDR schmuggelten.
       Sie bewunderte israelische Forscher und hoffte, sie eines Tages persönlich
       kennenzulernen.
       
       Heute betrachten jene jungen linken Europäer, [1][die durch den Gazakrieg
       politisiert wurden], Israel ausschließlich als einen rassistischen und
       kolonialistischen Staat, von dem nichts Gutes kommen kann. Errungenschaften
       in Medizin, Agrarwissenschaften oder Physik werden ignoriert. Ignoriert
       werden Israels ethnische Vielfalt, eine immer noch funktionierende
       Demokratie, liberale Freiheiten, LGBTQI+-Rechte und eine lebendige Kultur.
       Ausgeblendet werden auch die offen ausgetragenen Debatten zwischen
       verschiedenen religiösen, ethnischen und politischen Gruppen und die
       Protestbewegungen.
       
       Es ist klar: Ohne einen Regierungswechsel wird Israel weiter an Boden
       verlieren, unter noch mehr jüdischer Auswanderung leiden und mit einer
       weiter den Bach heruntergehenden sozialen und öffentlichen Infrastruktur
       konfrontiert sein.
       
       Die alte Regierung hat Israel finanziell und diplomatisch geschwächt und
       militärisch diskreditiert. Sie hat Rassismus, Spaltung [2][und Korruption
       geschürt] und die demokratische Kultur des Landes untergraben. Eine neue
       Regierung wird vielleicht nicht sofort Lösungen oder Fortschritte liefern.
       Das bedeutet aber nicht, dass Israel aufhören wird zu existieren.
       
       Internationale Solidarität bedeutet, Israel als einen realen Ort zu
       begreifen, der Unterstützung bei Reformen benötigt, um demokratischer zu
       werden. Als einen Ort, wo es Sachen gibt, von denen man lernen kann, als
       auch Dinge, die angeprangert werden müssen. Es bedeutet, jene Gruppen zu
       unterstützen, die Israels demokratische Widerstandsfähigkeit fördern. Es
       bedeutet, zu akzeptieren, dass Israel weder komplett rassistisch noch
       komplett tugendhaft ist. Weder Held noch Bösewicht. Es ist eine Demokratie,
       die versucht zu überleben.
       
       Aus dem Englischen von Gunnar Hinck
       
       20 Oct 2026
       
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