# taz.de -- 7. Oktober in Israel: „Wir mussten es einfach wissen“
       
       > Drei Jahre nach dem Angriff der Hamas auf Israel lasten die Ereignisse
       > schwer auf den Familien der Opfer. Sie fragen sich: Wie konnte das
       > geschehen?
       
 (IMG) Bild: Menschen gedenken am Ort des Nova-Musikfestivals nahe dem Kibbuz Re’im an die Opfer des Hamas Überfalls am 7. Oktober 2023
       
       Ein dunkler, glänzender Stein neben einer Bushaltestelle. Darauf ist ein
       Bild eingearbeitet: eine lächelnde Familie. Darunter stehen Namen und
       Daten, verschiedene Geburtstage, derselbe Todestag: 7. 10. 2023. Der Stein
       steht am Rande einer Schnellstraße, die zum Nova-Gelände führt. Hier, an
       dieser Stelle, wurde [1][am Morgen des 7. Oktober 2023] beim Angriff der
       Hamas auf Israel Bar Zohar getötet, eine junge Frau, die kurz zuvor auf dem
       Nova-Festival getanzt hatte.
       
       Heute, drei Jahre später, stehen ihre Eltern, Kati und Meir Zohar auf dem
       Gelände des Festivals. Um den Hals tragen sie identische Ketten, silbern,
       mit einem Anhänger, den das Gesicht ihrer verstorbenen Tochter ziert. Sie
       erzählen. Als am Morgen des 7. Oktobers die ersten Raketen flogen, habe
       ihre Tochter angerufen und gebeten, sie abzuholen. Die Familie, aus einer
       kleinen Ortschaft etwas weiter nördlich, sitzt da selbst schon im
       Schutzraum. Sie solle ins Auto steigen, schnell weg, sagen die Eltern ihr.
       
       Bar Zohar und einige Freunde schaffen das. Zunächst. Kurz vor dem Kibbutz
       Be'eri hält ein Polizist sie auf. Wahrscheinlich seien dort Terroristen
       habe er ihnen gesagt und sie zurückgeschickt zum [2][Nova-Festival.] Auf
       dem Weg treffen sie zwei Autos, in denen Hamas-Terroristen sitzen. Bar wird
       angeschossen. Sie schafft es, in ein anderes Auto umzusteigen, mit ihren
       Freunden zurück zum Festivalgelände zu fahren, die Polizei zu alarmieren.
       
       Bar überlebt nicht, sie erliegt später ihren Wunden. Ihr Vater Meir Zohar
       wird einer der Begründer der Gedenkstätte auf dem Parkplatz in Re'im, an
       dem das Nova-Festival überfallen wurde. Schon zu normalen Zeiten besuchen
       mehrere Tausend Menschen pro Tage die Stätte. An diesem Mittwoch noch mehr:
       Manche Menschen streifen durch die Reihen von Gedenkstehlen, andere umarmen
       sich. Am Eingang steht die ultraorthodoxe Organisation Chabad und bietet
       an, jungen Männern die Tefillin, die Gebietsriemen, um den Arm zu legen.
       
       ## Netanjahu legt einen Kranz nieder – nicht allen gefällt das
       
       Am 7. Oktober 2026, drei Jahre nach dem Hamas-Angriff, um 6.29 Uhr am
       Morgen – in der Minute, in der der Angriff begann – haben in Israel die
       Gedenkveranstaltungen begonnen. Die offizielle Veranstaltung des Staates
       fand bereits am Montag statt. Premier Benjamin Netanjahu legte einen Kranz
       am Friedhof Mount Herzl in Jerusalem nieder. Nicht alle sind einverstanden
       mit dieser Geste.
       
       Netanjahu wird heftig kritisiert, allen voran von den Familien der Geiseln
       und der am 7. Oktober Getöteten. Bis heute hat er – anders als Köpfe des
       Militärs und des Geheimdienstes – keine Verantwortung für das Versagen vor
       und am 7. Oktober übernommen. Eine unabhängige Untersuchungskommission
       blockiert der Regierungschef nach wie vor. Gerade für die Familien der
       Opfer ist es schwer zu ertragen, dass noch immer nicht genau untersucht
       wurde, was an welchen Stellen falsch gelaufen ist und wie es zu diesem
       Angriff kommen konnte.
       
       Netanjahus Blockadehaltung gegenüber einer unabhängigen Untersuchung kommt
       nicht von ungefähr. Vor vier Wochen machte die israelische Tageszeitung
       Ha’aretz bekannt, dass Netanjahu kurz vor dem 7. Oktober vom Präsidenten
       der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohamed bin Zayed, gewarnt worden sein
       soll. Ha’aretz bezieht sich auf drei hochrangige ausländische Quellen, die
       anonym blieben. Ihnen zufolge soll bin Zayed in einem Telefongespräch mit
       Netanjahu gesagt haben, dass Hamas Chef Yahia Sinwar eine große Aktion
       plane, die nicht nur zu Blutvergießen führen, sondern die gesamte Region
       destabilisieren werde.
       
       Kurz nach der Ha’aretz-Enthüllung wurde bekannt, dass Netanjahu wohl auch
       vom ägyptischen Geheimdienstchef eine Warnung erhalten habe. Netanjahu
       dementiert all dies. Stattdessen reiste er vor einer guten Woche in die
       Emirate, Medienberichten zufolge, um bin Zayed dazu zu bewegen, den Bericht
       zu dementieren.
       
       ## Für die Israelis eine Schicksalswahl
       
       Am Rand der Straße hinaus aus Tel Aviv, Richtung Süden an der Küste
       entlang, hängen gelbe Plakate. Das Gesicht Netanjahus ist darauf zu sehen,
       „schuldig“ steht daneben, das Datum „7. 10.“ Und: „Wir werden nicht
       vergessen, wir werden nicht vergeben.“ Die große Frage ist: Wie werden sich
       die Entwicklungen seit dem 7. Oktober vor drei Jahren auf die Wahlen
       auswirken? Am 27. Oktober werden die Israelis an die Urnen ziehen. Für die
       meisten Israelis – egal auf welcher Seite sie stehen – ist es eine
       Schicksalswahl.
       
       Für Netanjahu steht nicht nur seine politische Zukunft auf dem Spiel,
       sondern auch die Frage, ob er sich weiterhin in der Sicherheit seiner
       Immunität angesichts des gegen ihn laufenden Korruptionsprozesses wiegen
       kann. Für seine extrem rechten Koalitionspartner, vor allem für die
       religiösen Zionisten rund um den Minister für nationale Sicherheit, Itamar
       Ben Gvir, und Finanzminister Bezalel Smotrich geht es um die Frage, ob sie
       das Land weiterhin nach ihren Maßstäben formen können, ob sie ihre
       messianischen Pläne für ein Groß-Israel weiterverfolgen, Geld in
       Siedlungsbau pumpen, und das Land immer stärker religiös prägen werden
       können. Siedlergewalt hat in den letzten Jahren nach dem 7. Oktober noch
       einmal drastisch zugenommen.
       
       Die Regierungskritiker*innen wiederum hoffen auf einen Wandel und
       eine Spur von Stabilität. Nach dem Horror des 7. Oktobers, den Kriegen an
       so vielen Fronten und der Aushöhlung der Demokratie durch die derzeitige
       Regierung, die weiter fortschreitet.
       
       ## Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Lagern
       
       Die Umfragen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den beiden Lagern
       voraus. Bei aller Ungewissheit angesichts der uneindeutigen Prognosen steht
       aber fest: Ohne Beteiligung der arabischen Parteien wird der ehemalige
       Militärchef und Herausforderer Netanjahus, Gadi Eisenkot, keine Mehrheit
       bilden können. Der Aushandlungsprozess wird in einem solchen Fall alles
       andere als leicht sein, [3][denn der Druck auf Eisenkot, nicht mit den
       arabischen Parteien zusammenzuarbeiten, ist groß.] In einem aber wird sich
       die Opposition einig sein: Sie haben angekündigt, im Falle eines Wahlsiegs
       unverzüglich eine unabhängige Kommission einzurichten.
       
       Auf dem Nova-Gelände steht immer noch Kati Zohar, die Mutter von Bar.
       [4][Sie arbeitet im Kibbutz Be’eri.] „Immer wenn ich die Strecke dorthin
       fahre, denke ich an meine Tochter“, sagt sie: „Und daran, dass es die
       letzte Straße ist, auf der sie je fuhr.“ Einige Lücken in der Aufklärung
       über diesen furchtbaren Tag hat die Familie selbst gefüllt. Die letzten
       Stunden ihrer Tochter haben sie selbst recherchiert. „Es ist traumatisch,
       sich wieder und wieder diese Bilder ansehen zu müssen“, sagt Zohar
       schließlich: „Aber wir mussten es einfach wissen.“
       
       7 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lisa Schneider
 (DIR) Judith Poppe
       
       ## TAGS
       
 (DIR) 7. Oktober 2023
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Festival
 (DIR) Hamas
       
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