# taz.de -- CCS-Vorstoß in Brandenburg: „Da sagen wir klar Nein“
       
       > Die rot-schwarze Koalition in Brandenburg will nun doch die
       > CO₂-Verpressung vorantreiben. Joyce-Ann Syhre vom BUND erklärt, warum das
       > keine gute Idee ist.
       
 (IMG) Bild: Kohlendioxid: Nicht nur fürs Klima schädlich, sondern auch fürs Grundwasser?
       
       taz: Frau Syhre, die rot-schwarze Koalition in Brandenburg will schon bis
       Mitte kommenden Jahres ein Gesetz für die Anwendung der sogenannten
       CCS-Technologie auf die Beine stellen – also der Verpressung von CO2 im
       Erdboden. Warum kritisiert der BUND das? 
       
       Joyce-Ann Syhre: Zunächst einmal muss man sagen, dass wir es hier mit einer
       bemerkenswerten Kehrtwende zu tun haben. In der letzten Legislaturperiode
       haben sich SPD und CDU noch gegen CCS ausgesprochen, was auch an den
       Protesten in den Jahren 2010 und 2011 lag. Damals haben sich BürgerInnen
       mit Unterstützung der Umweltverbände erfolgreich gegen einen Vorstoß der
       Landesregierung gewehrt. Den jetzigen Antrag dürfte maßgeblich die CDU
       vorangetrieben haben – aber die SPD geht mit, weil sie offenbar denkt, dass
       das Thema industriepolitisch wichtig ist. Kritisch sehen wir das aus
       verschiedenen Gründen.
       
       taz: Nämlich? 
       
       Syhre: Einmal geht es uns um die ungeklärten Sicherheitsrisiken. Bei den
       potenziellen CCS-Standorten, die schon 2009 in Brandenburg ermittelt
       wurden, handelt es sich um sogenannte salinare Aquifere, also
       Salzwasservorkommen im Untergrund, in die das CO2 verpresst werden soll.
       Dadurch würde dieses Wasser verdrängt und könnte in darüberliegende
       Süßwasserschichten gelangen, aus denen wir einen großen Teil unseres
       Trinkwassers schöpfen. Als BUND haben wir dazu auch ein Gutachten erstellen
       lassen. Wie man dem entgegenwirken möchte, ist noch völlig unklar. Ein
       weiteres Risiko ergibt sich durch die Absicht, für den CO2-Transport
       Erdgasleitungen wie Opal und Eugal zu nutzen. Laut Umweltbundesamt sind
       solche Leitungen dafür nicht wirklich ausgelegt. Es könnte zu Korrosion und
       schlimmstenfalls zu Leckagen kommen.
       
       taz: Beruhigt es Sie nicht, dass die Wirtschaftsministerin verspricht, alle
       Bedenken ernst zu nehmen und zu prüfen? 
       
       Syhre: Da würde ich erwarten, dass erst einmal Gutachten zu konkreten
       Standorten, den verbundenen Risiken und wie man diesen begegnen möchte, in
       Auftrag gegeben werden und nicht gleich ein Gesetz angekündigt wird, das
       schon in einem halben Jahr vorliegen soll. Brandenburg möchte auf einmal
       bundesweit der Vorreiter sein, und damit brüstet sich die Koalition auch.
       Das bringt viel Tempo rein und passt nicht zu dem Versprechen, die
       BürgerInnen mitzunehmen. Im Übrigen baut die Koalition gleichzeitig unter
       dem Stichwort „Bürokratieabbau“ Beteiligung ab, etwa unsere
       Beteiligungsrechte als Umweltverband. Ich habe den Eindruck, dass hier vor
       allem harte Industriepolitik gefahren wird, über Sicherheitsinteressen und
       die Interessen der Gesamtgesellschaft hinweg.
       
       taz: Ist das Sicherheitsargument das Einzige, was gegen CCS spricht? 
       
       Syhre: Nein. Wir kritisieren das Ganze auch als unverhältnismäßig. Die
       Haushalte im Land und im Bund sind extrem klamm, und CCS ist eine
       Technologie, die bisher keine Wirtschaftlichkeit bewiesen hat. Es bedarf
       dafür Unmengen an Fördergeldern und Subventionen. Immer wieder wird auf das
       Forschungsprojekt in Ketzin verwiesen, aber die Dimensionen und die
       Bedingungen dort sind keineswegs auf großindustrielle Anlagen übertragbar.
       Wir sagen: Um das vorhandene Geld im Sinne des Klimaschutzes am
       sinnvollsten einzusetzen, muss man es in den Ausbau natürlicher Senken
       stecken, also von Wäldern und Mooren. Aber da ist Brandenburg ganz hinten
       dran.
       
       taz: Nun argumentiert Rot-Schwarz, dass CCS vor allem bei Prozessen wie der
       Zementherstellung eingesetzt werden soll, wo das CO2 chemisch entsteht und
       nicht komplett vermieden werden kann. 
       
       Syhre: Wenn es darum geht, unvermeidbare Emissionen zu senken, sagen wir
       klar, dass CCS dafür auch denkbar ist. Aber wir sind noch längst nicht an
       dem Punkt, darüber zu reden, das ist völlig verfrüht. Wenn Sie sich die
       Industrie in Brandenburg ansehen, halten die an ihren fossilen
       Geschäftsmodellen fest und nutzen bei Weitem nicht alle Möglichkeiten, ihre
       Emissionen zu minimieren.
       
       taz: Aber Sie lehnen CCS nicht aus Prinzip ab? [1][Auch der Weltklimarat
       IPCC hält es ja für einen sinnvollen Baustein] zum Erreichen der
       Klimaziele. 
       
       Syhre: Man muss in der Klimaschutzdebatte irgendwann auch über CCS reden
       können. Aber wie gesagt: Jetzt ist dafür der falsche Zeitpunkt, weil wir
       technisch noch so viel zur Reduzierung von Emissionen und zum Ausbau
       natürlicher Senken tun können. Die Brandenburger Regierung verschleppt den
       Klimaplan des Landes gerade enorm. In diesem Kontext ist CCS gerade eine
       Art Steigbügel, um einer ambitionierten Klimaschutzpolitik aus dem Weg zu
       gehen. Da sagen wir klar Nein.
       
       16 Oct 2026
       
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