# taz.de -- Razzia in queerem Community-Ort: Alles wegen ein paar Tabletten
       
       > Auf der Suche nach Hormonmedikamenten durchsuchen Polizisten ein Treffen
       > von trans Frauen in Kreuzberg. Betroffene sehen einen Angriff auf trans
       > Rechte.
       
 (IMG) Bild: Spontaner Protest vor dem Gesundheitszentrum Casa Kuá
       
       Wegen des Verdachts des illegalen Handels mit verschreibungspflichtigen
       Medikamenten haben am Sonntagnachmittag Polizist:innen das
       Gesundheitszentrum Casa Kuá in der Naunynstraße in Kreuzberg durchsucht.
       Das Casa Kuá ist ein Gesundheitszentrum und ein Community-Ort für queere
       Menschen, das es seit 2020 gibt.
       
       Zum Zeitpunkt der Razzia fand dort das Treffen der „Dolls“ statt, ein
       Treffen explizit für trans Frauen. Die „Dolls“ wollen ein sicherer Ort
       sein, frei von Angst vor (transmisogyner) Gewalt, mit der Möglichkeit
       Kleidung zu tauschen, an Workshops teilzunehmen, oder gemeinsam zu essen.
       Besonders für arme und nicht-weiße trans Frauen sind die „Dolls“ ein
       Zufluchtsort.
       
       Kim* war am Sonntag zum ersten Mal dort. Der taz schildert sie, wie sie die
       Situation erlebt hat: „Plötzlich traten Polizist:innen ins Gebäude ein
       und die ausgelassene Stimmung kippte augenblicklich in Anspannung.“ Zu
       diesem Zeitpunkt befanden sich 13 trans Frauen im Casa Kuá.
       
       Die Polizei hätte ihnen verboten ihre Handys zu benutzen. Ihre Hände
       mussten jederzeit für die Beamten sichtbar sein. Auch der Gang zur Toilette
       wurde streng kontrolliert, so Kim weiter. Die Polizei hatte einen
       Durchsuchungsbeschluss für das Zentrum dabei. Gesucht worden sei nach zwei
       Substanzen. Laut Kim seien die Anwesenden verwundert gewesen, weil sie
       diese nicht kannten, man sie nicht in der klassischen Hormonersatztherapie
       einsetzt.
       
       ## Angebliche Dopingmittel
       
       Eine Hormonersatztherapie ist ein grundlegender Bestandteil für viele trans
       Menschen und international seit Jahrzehnten anerkannt und praktiziert. Sie
       ist eine der wenigen Möglichkeiten Geschlechtsdysphorie, also den
       Leidensdruck, den ein Mensch empfindet, wenn seine empfundene
       Geschlechtsidentität nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen körperlichen
       Geschlecht übereinstimmt, zu beheben. Verwendet werden dabei Hormone wie
       Östrogen oder Progesteron.
       
       Die Staatsanwaltschaft sagte auf Anfrage der taz jedoch, es seien
       „mutmaßliche Dopingpräparate“ sichergestellt worden. Wie diese genau
       heißen, sagte sie nicht. Östrogen und Progesteron haben eine gegenteilige
       Wirkung, da sie den Testosteronspiegel nicht ansteigen lassen.
       
       Darüber hinaus stellt die Polizei Bargeld im vierstelligen Bereich sicher.
       Geld, das laut der Besucher:innen dafür verwendet wird, Workshops oder
       eine Lasermaschine zur Haarentfernung zu bezahlen und nichts mit illegalem
       Hormonhandel zu tun hat.
       
       ## Personalien sichergestellt
       
       Kim schildert wie die Polizist:innen die Tür zu einem Hinterraum mit
       einem Bolzenschneider öffneten. Anschließend wurden die Personalien aller
       Anwesenden aufgenommen. Laut Polizeimeldung wurden auch Datenträger
       konfisziert.
       
       Während der Razzia teilte die Polizei den Frauen mit, man prüfe, ob jemand
       in der Vergangenheit straffällig geworden sei. In der Community hat der
       Einsatz Entsetzen ausgelöst. Es handele sich um eine „der schlimmsten
       Attacken auf trans Rechte in der jüngeren Geschichte dieses Landes“, so
       Thea Etcetera, eine trans weibliche Künstlerin, auf Instagram.
       
       Betroffenneverbände kritisieren seit Jahrzehnten, dass die Behandlung von
       trans Menschen nicht niedrigschwellig genug und erniedrigend ist. Hürden
       vor allem für eine medizinische Geschlechtsangleichung blieben auch nach
       Einführung des Selbstbestimmungsgesetzes 2024. Hinzu kommt: Vor allem arme
       und nicht-weiße oder geflüchtete trans Frauen sind in Deutschland nicht
       krankenversichert oder erleben Diskriminierung im Gesundheitswesen.
       
       Bevor die Frauen nach Stunden wieder das Gebäude verlassen durften, musste
       jede einzelne sich einer Taschenkontrolle unterziehen. Kim sagt: „Eine Frau
       hatte ihre Östrogentabletten dabei. Die Polizei wurde sofort misstrauisch
       und fing an sie zu belästigen“. Sie wollten unbedingt ein Rezept sehen. Ein
       Rezept, das aber bei der Abholung in er Apotheke verbleibt.
       
       Vor dem Gebäude versammelten sich noch während des Einsatzes etwa 140
       Menschen, um ihre Solidarität zu bekundeten. Ihre Forderung: ein sofortiges
       Ende der polizeilichen Maßnahme. Eine Teilnehmerin berichtet, dass es für
       alle unverständlich war, wieso die „Dolls“ Ziel einer Razzia werden. Den
       angeblichen Besitz und die Verbreitung von Hormonen sieht sie, als Vorwand
       um gewaltvoll gegen trans Frauen vorzugehen. „Am Ende waren dort etwa zehn
       Polizeiautos. Dies ist absolut unverhältnismäßig. Weder die Anzahl der
       Anwesenden noch die Menge an angeblich illegalen Hormontabletten
       rechtfertigt diesen bedrohlichen Einsatz“, so die Augenzeugin.
       
       Als die Polizei angesichts der spontanen Versammlung ein noch größeres
       Aufgebot ankündigte, riefen Unterstützer:innen zu einer spontanen
       Kundgebung auf den Rio-Reiser-Platz. Unter Ihnen auch Stella*, die
       regelmäßig an Treffen der „Dolls“ teilnimmt. „Mit den Dolls zusammen zu
       essen oder sich zu unterhalten, bedeutet mir viel!“, so Stella zur taz. Für
       sie ist klar: „Dies war ein gezielter Angriff auf die trans Community in
       Berlin.“
       
       19 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Raweel Nasir
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Transfeindlichkeit
 (DIR) Razzia
 (DIR) GNS
 (DIR) Schwerpunkt LGBTQIA
       
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