# taz.de -- Israelische Doku „Naza“: Sie sind Helden
> In Israel ist eine Film-Doku über das brutale Vorgehen des
> Militärgeheimdienstes im Gazastreifen verboten. Eine offene Debatte wird
> unterdrückt.
(IMG) Bild: San Sebastian, Spanien, 26. September: Solidarität mit Rachel Szor und Yuval Abraham beim Filmfestival SSIFF
Von „menschlichen Tieren“ sprach der israelische Verteidigungsminister Joav
Galant nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023. Wer nur einige
Bilder aus dem Kibbuz Be'eri, wo ein Zehntel der Bevölkerung innerhalb
weniger Stunden ermordet wurde, gesehen hat, wird zustimmen, dass hier
blutrünstige Monster am Werk waren. Ohne die Schrecken vom 7. Oktober hätte
es keinen Krieg im Gazastreifen gegeben.
Mit dem einen Unrecht lässt sich ein anderes allerdings nicht zu Recht
machen. Schließlich hatte auch der 7. Oktober eine Vorgeschichte von
Vertreibung, Besatzung, Menschenrechtsverletzungen und Blutvergießen. Doch
nichts davon kann die Gräueltaten der Terroristen rechtfertigen.
Mit den grauenhaften Szenen aus den Kibbuzim und vom Nova-Musikfestival vor
Augen, in Trauer um Freunde und Sorge um die Geiseln, ziehen die 24
Soldaten, die in dem [1][Dokumentarfilm „Naza“] zu Wort kommen, hasserfüllt
und auf Rache sinnend in den Krieg. Nicht ins Schlachtfeld, sondern an die
Rechner, mit denen sie die tödlichen Drohnen in den Gazastreifen schicken.
Allesamt sind sie Angehörige der [2][Eliteeinheit 8200 des
Militärgeheimdienstes.]
Es sind Computerfreaks, die zum Teil selbst die Software der
Todesmaschinerie mitentwickelten und für die die Jagd auf Terroristen „wie
ein Spiel“ war, so sagt einer der befragten Männer in dem Film. An die
Opfer unter Zivilisten, die bei den Angriffen in Kauf genommen werden, habe
er keinen Gedanken verschwendet: „Es war ein großer Spaß.“
Kaum einer der überwiegend noch sehr jungen Soldaten scheint wirklich
verinnerlicht zu haben, welches Leid er so unfassbar vielen Familien
zugefügt hat. Mit augenscheinlicher Gleichgültigkeit berichten die Männer,
wie „völlig normal es war“, ganze Häuser dem Erdboden gleichzumachen und
„Naza“ (hebräisches Initialwort für Kollateralschaden), den Tod von bis zu
mehreren hundert Unschuldigen, einzukalkulieren. „Wir hatten eine Mission
zu erfüllen“, heißt es an einer Stelle, und: „Wenn ich es nicht getan
hätte, wäre es ein anderer gewesen.“
Bis kurz vor Ende der Dokumentation verzichten die zwei RegisseurInnen
Rachel Szor und Yuval Abraham auf Bilder aus dem Gazastreifen. „Ein übles
Stück Propaganda“, so kommentierte die [3][Jüdische Allgemeine].
Tatsächlich aber bleibt der Film völlig unspektakulär, sachlich, er geht
auf die Nerven; man hat das Gefühl, sehr schnell kapiert zu haben, worum es
geht, und will gar nicht noch mehr hören. Doch Abraham, der die Interviews
führt, stellt unnachgiebig immer wieder die unbequemen Fragen nach den
Ungeheuerlichkeiten, die sich im Gazastreifen abgespielt haben und bis
heute abspielen.
Von „nützlichen Idioten der Hamas“, die ihr „von Lügen und Blut getränktes
Narrativ übernehmen“, schreibt die Jüdische Allgemeine. Naza sei seit
langer Zeit „der manipulativste Film“, der in den Kinos läuft. Damit
übernimmt das Blatt nahezu wörtlich die Pressemitteilung aus dem Büro des
israelischen Militärsprechers. Der Film liefere „substanziell falsche
Fakten“, heißt es dort. Man kann nur mit dem Kopf schütteln.
Der Versuch, das systematisch völkerrechtswidrige Vorgehen der Armee im
Gazastreifen zu vertuschen, ist allein angesichts der Zahl von [4][über
70.000 Todesopfern], die selbst Israel einräumt, in einem Gebiet von zwei
Millionen Einwohnern völlig absurd. Die Toten, die Verletzten und die
Zerstörung – UN-Experten schätzen, dass im Gazastreifen 55 Millionen Tonnen
Trümmer liegen – sprechen für sich. „So schnell wie möglich, so viel wie
möglich zerstören“, sei sein Auftrag gewesen, sagt einer von Abrahams
Interviewpartnern. Von einer „gezielten Tötung“ auch von Kindern, spricht
ein anderer.
## In Israel verboten
Für die palästinensischen Opfer spielt es keine Rolle, ob sie
Kollateralschaden sind und ihr Tod bedauerlicherweise in Kauf genommen
wurde oder ob man sie mit voller Absicht jagte. Es sind die Täter, die der
Film meint, die israelische Bevölkerung, in deren Namen die Regierung das
Kommando zum Massenmord gab. Endlich, nach drei Jahren, eine Debatte in
Gang setzen wollte Abraham. Doch ausgerechnet in Israel darf die
Dokumentation nicht gezeigt werden. Ist ja klar – wenn man sich die
Konstellation der Koalition anschaut.
Premierminister Benjamin Netanjahu erwägt neue Gesetze gegen BürgerInnen,
die Israel verleumden. Der Entzug der Staatsbürgerschaft für die beiden
RegisseurInnen ist im Gespräch. Zudem soll die Identität der 24 Soldaten
recherchiert werden, die in der Dokumentation mit gutem Grund anonym
aussagen. Vor dem Elternhaus Szors versammeln sich Rechtsnationale, die die
FilmemacherInnen als „Verräter“ beschimpfen. Sogar Morddrohungen soll es
gegeben haben.
## Entmündigte Bevölkerung
Eine offene Debatte über das weltweit als „unproportional“ geächtete
Vorgehen der israelischen Armee im Gazastreifen darf es in Israel so wenig
geben wie eine Untersuchung zum [5][Versagen von Regierung] und Militär im
Vorfeld vom 7. Oktober, am Tag des Massakers und danach. Die Bevölkerung
soll in Unwissenheit bleiben, sie wird regelrecht entmündigt, darf nicht
selbst darüber entscheiden, ob sie „Naza“ sehen will oder nicht.
Sinnvollerweise wird der britische Guardian, der den Film produziert hat,
„Naza“ ab November kostenfrei online zur Verfügung stellen. So weit, das
Internet abzustellen, ist es dann doch noch nicht.
Szor und Abraham sind alles andere als Nestbeschmutzer, wie ihnen
vorgeworfen sind. Sie sind die echten Patrioten, die ihr Land lieben und
sich um seine Zukunft sorgen. Sie sind Helden, denn sie wussten, was auf
sie und ihre Familien zukommen würde. Schon die Reaktionen auf ihren
letzten Film „[6][No Other Land]“ ließen nichts anderes erwarten.
Zu hoffen bleibt, dass sich die Mehrheit der Israelis, wenn sie am 27.
Oktober ihren Stimmzettel für die kommende Regierung abgibt, nicht länger
für dumm verkaufen lassen will, sondern für aufrechte PolitikerInnen
entscheidet. Alles andere wäre eine Katastrophe.
15 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=YIBRLEEaueo
(DIR) [2] /IT-Nation-Israel/!5369118
(DIR) [3] https://www.juedische-allgemeine.de/meinung/ich-habe-naza-gesehen-und-es-ist-ein-uebles-stueck-propaganda/
(DIR) [4] /Zahl-der-Todesopfer-in-Gaza/!6150835
(DIR) [5] /Vorwuerfe-gegen-israelischen-Premier/!6211404
(DIR) [6] /Oscar-fuer-No-Other-Land/!6070162
## AUTOREN
(DIR) Susanne Knaul
## TAGS
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(DIR) Israelische Armee
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(DIR) Reden wir darüber
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