# taz.de -- Zweiter Tag des EU-Gipfels in Brüssel: Trügerische Harmonie
       
       > Vor dem Hintergrund wachsender Spannungen zwischen Washington und Kyjiw
       > reist Präsident Selenskyj nach Brüssel. Neue Hilfezusagen bekommt er
       > nicht.
       
 (IMG) Bild: Freundliche Worte und Körperkontakt für Wolodymyr Selenskyj in Brüssel auf dem EU-Gipfel
       
       Er wurde gefeiert wie ein Held, weil er US-Präsident Donald Trump die Stirn
       bietet. Doch neue Hilfszusagen bekam Wolodymyr Selenskyj in Brüssel nicht:
       Für den ukrainischen Staatschef war der Besuch beim EU-Gipfel am Freitag
       ein Wechselbad der Gefühle. Auch die EU muss sich nach diesem Gipfeltreffen
       fragen, wo die Reise hingeht – und ob das konfliktbeladene Verhältnis zu
       Trump noch zu heilen ist.
       
       Dabei hatte alles so harmonisch angefangen: Die 27 Staats- und
       Regierungschefs spendeten Beifall, als Selenskyj am Freitagmorgen im
       Brüsseler Gipfelgebäude eintraf. Ratspräsident António Costa und
       Kommissionschefin Ursula von der Leyen beehrten den Ukrainer mit einem
       privaten Minigipfel, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron traf ihn gleich
       zweimal. Böse Worte seien nicht gefallen, hieß es danach.
       
       „Ich spüre volle Unterstützung aus Europa“, sagte Selenskyj, niemand habe
       ihn wegen seines Streits mit Trump oder der ukrainischen Angriffe auf
       russische Raffinerien kritisiert. Trumps Diesel-Deal mit Kremlchef Wladimir
       Putin und die Lockerung der US-Sanktionen hätten ihn kalt erwischt, räumte
       Selenskyj ein. Ob Trump ihn zum Sündenbock für den gescheiterten Irankrieg
       machen wolle, fragte ein Journalist. Selenskyj grinste nur: „Das ist meine
       Antwort.“
       
       Der US-Präsident hatte am Freitag noch einmal nachgelegt und behauptet,
       Selenskyj sei „kein guter Mann“ für die USA, wenn es um
       Friedensverhandlungen mit Russland gehe. „Er sagt, er möchte eine
       Übereinkunft, aber er will keine“, kritisierte Trump im US-Sender Newsmax.
       Es sei schwieriger, mit Selenskyj zu verhandeln als mit Putin, so Trump.
       Außerdem trage die Ukraine mit ihren Angriffen auf Raffinerien zu den hohen
       Öl- und Dieselpreisen bei.
       
       ## Neue Tiraden
       
       Selenskyj ließ dies an sich abprallen, auch die Staats- und Regierungschefs
       der EU nahmen Trumps neue Tiraden gelassen. Niemand wollte Öl ins Feuer
       gießen. Doch wie es nun weitergehen soll, blieb unklar. Selenskyj betonte,
       [1][dass die Ukraine auf das US-System Starlink und amerikanische Patriots
       angewiesen sei, um russische Raketen abzuwehren. Starlink sei jedoch noch
       nicht voll wiederhergestellt], neue Patriots sind nicht in Sicht.
       
       Die EU kann die Lücken nicht schließen, für sie ist die Lage ernst. Trump
       hat nämlich auch das sogenannte Purl-System zur europäischen Beschaffung
       von US-Waffen für die Ukraine infrage gestellt – und die Lieferung von
       kriegswichtigen Aufklärungsdaten an Kyjiw. Auch wenn Frankreich behauptet,
       es könne mit wichtigen Daten aushelfen: Ohne die USA kann die Ukraine nicht
       gegen Russland bestehen, auch die EU bleibt auf Trump angewiesen.
       
       Deshalb wurde der EU-Gipfel zum diplomatischen Balanceakt. Die Europäer
       wollen Selenskyj unterstützen und Trump widerstehen – aber keine neue Krise
       im transatlantischen Verhältnis auslösen. Vergleichsweise deutlich wurde
       Ratspräsident Costa. „Jetzt ist nicht die Zeit, die Sanktionen gegen
       Russland zu lockern“ hielt er Trump entgegen.„Jetzt ist die Zeit, unsere
       Unterstützung zu verstärken und den Druck zu erhöhen.“
       
       ## Neue Finanzlücke
       
       [2][Kommissionspräsidentin von der Leyen kündigte neue EU-Sanktionen an.
       Außerdem versprach sie ein „Winterpaket“, um die Ukraine über] die nächsten
       Monate zu retten. Doch das wird nicht reichen: Obwohl die EU bereits einen
       90 Milliarden Euro schweren Kredit zugesagt hat, tut sich 2027 eine neue
       Finanzlücke von 70 Milliarden Euro auf, wie Selenskyj in Brüssel sagte.
       Kanzler Friedrich Merz stellte frisches Geld in Aussicht, Zusagen gab es
       aber nicht.
       
       Ukrainische Angriffe auf Ziele in Russland, die Trump ebenfalls kritisiert
       hatte, befürwortete Merz. Diese seien „nachvollziehbar und verständlich“,
       sagte Merz und nannte in diesem Zusammenhang Kommunikation und
       Energieversorgung. „Das sind offensichtlich die einzigen Möglichkeiten, die
       die Ukraine hat, um sich zur Wehr zu setzen“, so Merz.
       
       Die Kassen sind leer, deshalb wollen Merz und andere EU-Chefs erneut auf
       das in Belgien eingefrorene russische Vermögen zugreifen. Allerdings sagt
       der belgische Premier Bart De Wever Nein – wie vor einem Jahr, als Merz
       schon einmal abgeblitzt war. Streit gibt es auch über das künftige
       EU-Budget für 2028 bis 2034. Der EU-Gipfel hat darüber zwar diskutiert, das
       Problem aber nicht gelöst. Und wie man mit Trump umgehen soll, wurde auch
       nicht geklärt. Deshalb ist die Stimmung in Brüssel und Kyjiw gedrückt –
       auch wenn beim EU-Gipfel alles ganz harmonisch aussah.
       
       16 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eric Bonse
       
       ## TAGS
       
 (DIR) EU-Gipfel
 (DIR) Wolodymyr Selenskyj
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
       
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