# taz.de -- Humanitäre Krise in Jemen: „In Europa erst eine Nachricht, wenn der Ölpreis steigt“
       
       > Itta Helland-Hansen ist mit Ärzte ohne Grenzen in Jemen aktiv. Sie
       > erzählt von unterernährten Schwangeren, Cholerapatienten und
       > Hoffnungsschimmern.
       
 (IMG) Bild: Eine vertriebene jemenitische Familie sitzt am 11. Oktober 2026 neben einer provisorischen Unterkunft am Straßenrand in Aden
       
       taz: Seit die Kämpfe zwischen jemenitischen Regierungstruppen und den Huthi
       eskaliert sind, sind Zehntausende von Menschen auf der Flucht. Sie sind
       derzeit mit Ärzte ohne Grenzen in der Hafenstadt Aden aktiv, der
       De-facto-Hauptstadt von Jemen, und betreuen dort mobile Kliniken. Was sehen
       Sie, wenn Sie morgens zur Arbeit gehen? 
       
       Itta Helland-Hansen: Aufgrund [1][der jüngsten Eskalation] sind mehr als
       200.000 Menschen innerhalb des Landes neu vertrieben worden, zusätzlich zu
       den 5,2 Millionen Menschen, die bereits vertrieben waren. Das heißt, es
       gibt Lager für Binnenflüchtlinge, die schon seit Jahren bestehen und
       vergleichsweise strukturiert aufgebaut sind. Und dazwischen findet man
       Ansammlungen von Menschen, die im Grunde unter freiem Himmel schlafen oder
       in Schulen, Moscheen oder anderen Einrichtungen Schutz suchen. Wieder
       andere kommen bei Verwandten unter. Man muss wissen: Schon vor der jüngsten
       Eskalation hat die UNO geschätzt, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung
       humanitäre Hilfe benötigte.
       
       taz: Wie geht es den Menschen, die gerade fliehen mussten? 
       
       Helland-Hansen: Jemen ist in keiner Weise darauf vorbereitet, eine weitere
       Krise dieser Art zu bewältigen. Die Menschen haben derzeit kein Geld, nicht
       für Grundbedürfnisse, nicht für Brennstoff. Es gibt viele Stromausfälle.
       Die Infrastruktur, um Menschen angemessen aufnehmen zu können, fehlt.
       Genauso das Personal in den Krankenhäusern. Dazu kommt: Die Reise an sich
       ist ungeheuer beschwerlich. Frauen und Kinder müssen weite Entfernungen zu
       Fuß durch die Wüste laufen. Immer wieder infizieren sich dabei Wunden. In
       unsere Entbindungsstation in Mocha kommen viele unterernährte Frauen, die
       aber auch schon vor dieser jüngsten Eskalation unterernährt waren. Hinzu
       kommen Traumaverletzungen. Und die Durchimpfungsrate ist sehr gering, was
       bedeutet, dass Kinder Krankheiten wie Masern und andere durch Impfungen
       vermeidbare Krankheiten bekommen.
       
       taz: Ihre Organisation Ärzte ohne Grenzen warnt davor, dass sich die
       Cholera derzeit in Jemen ausbreitet. 
       
       Helland-Hansen: Ja. Die Zahl der Cholerafälle hat sich in den letzten drei
       Wochen verdreifacht. Wenn Menschen auf engstem Raum zusammenleben und nur
       unzureichenden Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen haben, breiten
       sich Krankheiten leicht aus. Ich war in einem Krankenhaus, das bereits über
       ein Cholera-Behandlungszentrum verfügt. Wenn man Cholera hat, ist man stark
       dehydriert. Die Patienten benötigen also dringend Flüssigkeitszufuhr, aber
       die Patienten in dem Behandlungszentrum müssen selbst hinausgehen, um ihr
       Trinkwasser zu kaufen, da das Krankenhaus kein sauberes Trinkwasser
       bereitstellen kann. Es geht also nicht nur um einen Mangel an Medikamenten,
       sondern schlichtweg um Wassermangel – da ist entscheidend, dass wir die
       Maßnahmen im Bereich Wasser- und Sanitärversorgung ausweiten können.
       
       taz: Gab es in den letzten Tagen eine Begegnung, die ihnen ganz besonders
       im Gedächtnis geblieben ist? 
       
       Helland-Hansen: Kürzlich haben wir in einem Flüchtlingslager eine Gruppe
       von Menschen getroffen, die zunächst in eine nahegelegene Gegend und dann
       noch viel weiter geflohen sind. Die Männer schliefen unter freiem Himmel,
       die Frauen und Kinder unter Planen, die ihnen ein paar andere Menschen
       gegeben hatten. Sie hatten nichts, nicht einmal Decken, um sich zuzudecken.
       Und sie sagten mir, dass sie mit allen sprechen würden, in der Hoffnung,
       dass von irgendwo Hilfe kommt.
       
       taz: Sie müssen sich angesichts der Situation hilflos fühlen. 
       
       Helland-Hansen: Nein, für mich persönlich ist die Arbeit, die wir hier Tag
       für Tag leisten, sehr erfüllend. Wir versuchen, einigen der Bedürfnisse von
       Menschen gerecht zu werden, die unter extrem schwierigen Lebensbedingungen
       leiden. Mit den mobilen Kliniken können wir sie direkt erreichen und so
       Hindernisse beseitigen, denen sie beim Zugang zur medizinischen Versorgung
       gegenüberstehen.
       
       Aber natürlich stimmt auch: Wir können nicht jedem helfen und es ist
       wahnsinnig frustrierend zu sehen, wie wenig von der internationalen
       Gemeinschaft kommt. Der humanitäre Hilfsaufruf (rund 2,1 Milliarden Dollar)
       [2][ist erst zu 22 Prozent finanziert]. Das verdeutlicht, wie Jemen
       ignoriert wird, wenn es um humanitäre Hilfe geht. In Europa wird es erst
       dann zu einer Nachricht, wenn der Ölpreis steigt.
       
       taz: Was braucht Jemen von der internationalen Gemeinschaft? 
       
       Helland-Hansen: Wir brauchen unbedingt eine starke Reaktion der
       internationalen Gemeinschaft. [3][Wir brauchen Aufmerksamkeit.] Und
       Finanzmittel für die Organisationen vor Ort. Denn auf der anderen Seite
       dieser Gleichung stehen die menschlichen Kosten, wenn man es nicht tut.
       
       16 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Huthi-Angriff-auf-Flughafen-in-Riad/!6220738
 (DIR) [2] https://www.unocha.org/news/further-inaction-will-cost-lives-un-deputy-relief-chief-tells-security-council-yemen
 (DIR) [3] /Jemens-Rebellen-greifen-Saudi-Arabien-an/!6220561
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Judith Poppe
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Jemen Bürgerkrieg
 (DIR) Jemen
 (DIR) Ärzte ohne Grenzen
 (DIR) Saudi-Arabien
 (DIR) Huthi-Rebellen
 (DIR) Schwerpunkt Flucht
 (DIR) Humanitäre Hilfe
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Mehr Menschen betroffen: Blockierte Handelswege verschärfen Hungerkrise
       
       266 Millionen Menschen leiden unter akutem Hunger. Kriege, Extremwetter und
       blockierte Transportwege verschärfen die Situation, Hilfsgelder schrumpfen.
       
 (DIR) Huthi-Angriff auf Flughafen in Riad: Spiel mit dem Feuer
       
       Es wird immer schwerer, diesen Krieg zu begrenzen. Damit steigt die Gefahr,
       dass die Lage auf der Arabischen Halbinsel außer Kontrolle gerät.
       
 (DIR) Huthi-Miliz im Jemen: Jemenitische Armee nur ein Papiertiger
       
       Wie konnten die Huthi-Rebellen so schnell im Jemen vorrücken? Analysten
       gehen von Verrat aus. Und 80 Prozent der jemenitischen Armee soll nur auf
       dem Papier existieren.