# taz.de -- Gedenken an Deportationen am Gleis 17: Der endgültige Übergang vom Recht ins Unrecht
> Vor 85 Jahren verließ der erste Zug mit deportierten Juden den Bahnhof
> Berlin-Grunewald. In das Gedenken an die Schoah mischt sich die Furcht
> vor einem neuen Antisemitismus.
(IMG) Bild: Eine weiße Rose der Erinnerung auf dem Mahnmal am „Gleis 17“
Am [1][Gleis 17 in Berlin-Grunewald] fahren keine Züge mehr. Die von Rost
überzogenen Schienen enden an zwei Rampen ähnelnden Bahnsteigen. Die
Bahnsteige sind keine Bahnsteige mehr, so wie die Gleise nicht mehr dazu
dienen, Menschen in die Ferne zu tragen. Nach Norden hin ist auf den
Schienen ein kleines Wäldchen gewachsen.
Trotzdem haben sich am Sonntagmittag am Gleis 17 mehrere hundert Menschen
versammelt. Sie sind gekommen, um zu gedenken. Denn von diesem Gleis eines
ganz normalen Bahnhofs wurden 85 Jahre zuvor die ersten Berliner Jüdinnen
und Juden in den Tod deportiert. Der erste Berliner „Osttransport“ verließ
die Reichshauptstadt am 18. Oktober 1941 mit dem Ziel Lodz im besetzten
Polen, von den Nazis Litzmannstadt genannt, wo sie ein jüdisches Ghetto
errichtet hatten. An Bord des Zuges, gebildet aus älteren Personenwagen,
waren mehr als 1.000 Menschen, Alte und Junge, Frauen und Männer, Kinder.
Stephan Harbarth, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, ist der
Hauptredner. Er erinnert an die „Überfahrt in einen Raum, in dem Recht
nicht einmal in Spuren vorhanden war“. Die Deportationen seien der
„endgültige Übergang vom Recht ins Unrecht gewesen“, so Harbarth. Er
vermeidet jegliche Andeutung an heutige politische Bewegungen und Parteien.
Die Analogien sind dennoch unüberhörbar. „Die Zerstörung des Rechtsstaat
vollzieht sich schrittweise“, sagt er, und: „Gesetzlosigkeit und Willkür
breiten sich aus wie Geschwüre“. Denn: „Das Böse infiltriert Köpfe und
Herzen.“
In die beiden Rampen am Gleis 17 tragen an ihren zum Gleis liegenden
Absätzen in den Boden eingelassene Inschriften. Sie bestehen jeweils aus
einem Datum und einem Namen.„Theresienstadt“ steht da immer wieder, und
„Riga“, sehr häufig „Auschwitz“, aber auch „unbekannt“. Die Orte bezeichnen
die Ziele der Züge, mit denen die Jüdinnen und Juden in den Tod verschleppt
wurden. Etwa 10.000 alleine von diesem Bahnhof aus. Ungefähr 50.000,
rechnet man die anderen Berliner Deportationsorte am Güterbahnhof Moabit
und dem Anhalter Bahnhof hinzu.
## Erst die Juden, dann alle anderen
Auch der israelische Botschafter in Berlin Ron Prosor betont das
Prozesshafte der Judenvernichtung unter den Nazis. „Als dieser Zug abfuhr,
hatten die Verfolgungen längst ihr Ziel erreicht“, sagt er und: „Die
Deportationen begannen nicht auf den Schienen, sondern mitten in der
Gesellschaft.“ Heute würden Juden in Deutschland wieder angegriffen, „sie
müssen sich noch immer dafür rechtfertigen, dass sie Juden sind“. Die
Ausbreitung des Antisemitismus beginne dann, wenn der Hass unwidersprochen
bliebe. „Die Meinungsfreiheit darf nicht zur Aufhetzungsfreiheit werden“,
sagt Prosor. „Die Geschichte lehrt uns: Bei Antisemitismus muss eine rote
Linie gezogen werden. Erst trifft es die Juden und dann alle anderen.“
In früheren Jahren sind viele Überlebende zu den alljährlichen Gedenkfeiern
am 18. Oktober am Gleis 17 gekommen. Heute nicht mehr. Fast alle von ihnen
sind verstorben. Das Gedenken dient auch der Versicherung der Spitzen
dieser Stadt, dass sich die Barbarei nicht wiederholen darf. Das ist in
diesen Zeiten nicht mehr so leicht zu sagen.
Die mehr als 1.000 Verfolgten der ersten Deportation wurden zunächst in das
[2][Sammellager Levetzowstraße] eingewiesen. Nur die Gebrechlichen wurden
am 18. Oktober 1941 von der SS auf Lastwagen zum Bahnhof gebracht, alle
anderen mussten laufen – quer durch die Stadt, vor aller Augen, mit dem
„Judenstern“ auf der Brust. Der Zug war lange unterwegs. Es war kalt. Nach
ihrer Ankunft in Lodz mussten die Menschen im Ghetto Zwangsarbeit leisten.
Unzureichende Ernährung und medizinische Versorgung hatten zur Folge, dass
viele schon bald nicht mehr arbeiten konnten. Die meisten von ihnen wurden
nach Chelmno/Kulmhof gebracht und dort ermordet. Wer länger durchhielt, kam
nach Auschwitz.
Abraham Lehrer, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland
und Leiter der Kölner jüdischen Gemeinde, spricht weniger über die
Vergangenheit. Er redet von der Gegenwart, davon, dass die AfD, eine
Partei, die in Sachsen-Anhalt mehr als 40 Prozent der Stimmen erhalten hat,
plant, die Förderung von Schulfahrten zu NS-Gedenkstätten einzustellen.
„Das Interesse an einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sinkt
dramatisch“, diagnostiziert Lehrer.
Petra Pau, die langjährige Vizepräsidentin des Bundestags und Abgeordnete
von Linke und PDS, sitzt in der ersten Reihe der Ehrengäste. Sie ist auch
nach ihrem Ausscheiden aus dem Parlament eine beständige Stimme für das
Erinnern an die Nazi-Greuel geblieben Sie hört Lehrer zu, als er auf die
Berliner Linkspartei zu sprechen kommt. Er wirft der [3][Abgeordneten
Vanessa Emde] vor, sie wolle mal in den Antisemitismus rein, dann wieder
hinaus. „Aber am besten fühlt sie sich mittendrin“, sagt Lehrer über Emde,
die das Existenzrecht von Staaten – und damit auch von Israel – bezweifelt.
Israel werde zum Unrechtsstaat gemacht, klagt Lehrer. In Wahrheit, sagt er,
sei es „der alte Judenhass“, der da wieder zum Vorschein komme. Petra Pau
sagt nichts.
Am Ende der Gedenkstunde sprich Kantor Simon Zkorenblut das Kaddisch, das
jüdische Totengebet. Die vielleicht 400 Menschen legen weiße Rosen an den
beiden Rampen von Grunewald nieder und gehen.
18 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Klaus Hillenbrand
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