# taz.de -- Aktivisten über Menschenrechte in Mexiko: „Die indigene Bevölkerung ist überproportional betroffen“
> Wie prekär die Menschenrechtslage in Mexiko ist, berichten die Lehrerin
> Estela Hernández Jiménez und der Menschenrechtsanwalt Vico Gálvez in
> Hamburg.
(IMG) Bild: Mehr als 150.000 Menschen sind in Mexiko verschwunden: Demonstration von Angehörigen am Muttertag 2022
taz: Vor und rund um [1][die Fußball-WM in Mexiko] gab es zahlreiche
Proteste – von Lehrern und Lehrer:innen, von Müttern von Verschwundenen,
von Opfern der Kartelle. Hat sich etwas zum Positiven verändert, Frau
Hernández Jiménez?
Estela Hernández Jiménez: Wenig. Die Proteste der Lehrergewerkschaft halten
an, sie treten im ganzen Land für bessere Bildungsbedingungen und bessere
Bezahlung ein. Auch dort wo ich herkomme, im Bundesstaat Querétaro, in der
Stadt Santiago Mexquititlán, sind die Bedingungen an den Schulen alles
andere als gut. Wir kämpfen dort für den bilingualen Unterricht, für unsere
Rechte als Indigene, verteidigen Land und Wasser.
taz: Mexikos Regierung mit der Präsidentin Claudia Sheinbaum genießt in
Europa einen guten Ruf, weil sie zu den wenigen gehört, die nicht vor der
US-Politik kuschen. Wie beurteilen Sie Ihre Politik?
Hernández: Im ökonomischen Bereich gibt es Kontinuität. Frau Sheinbaum
verfolgt eine neoliberale Wachstumsagenda, die immer wieder indigene Rechte
und auch indigenes Territorium verletzte. Wir kämpfen im Indigenen Rat
Mexikos (CNI) für unsere Rechte, verteidigen unser Territorium, unsere
Ressourcen – darunter immer wichtiger das Wasser.
taz: Sie sind Pädagogin – warum sind Sie im CNI aktiv, warum gehen Sie auf
Infotour nach Europa, warum engagieren Sie sich?
Hernández: Für mich war die Kriminalisierung meiner Mutter durch die
Polizei 2006 ein Schlüsselerlebnis. Man hat sie drei Jahre inhaftiert, ohne
stichhaltigen Grund, das hat mich letztlich politisiert. 2017, nach langen
Protesten, gab es eine offizielle Entschuldigung der Regierung. Das ist
positiv. Allerdings hat es bis heute keine Entschädigung gegeben. Das ist
kein Einzelfall in Mexiko, wo es immer wieder Repression gegen soziale
Proteste gibt und wo Aktivist:innen der Zivilgesellschaft
kriminalisiert werden – oft mit fabrizierten Anschuldigungen.
taz: Wie geht die amtierende Regierung mit Protesten um – geht es
toleranter zu als früher oder wird repressiv unterdrückt, Herr Gálvez?
Vico Gálvez: Das ist unterschiedlich und hängt auch davon ab, ob es
internationale Medien und Berichterstattung gibt. Dann wird in aller Regel
toleranter agiert, als es auf lokaler Ebene oft der Fall ist. Bei den
Protesten der Lehrer:innengewerkschaft in Mexiko-Stadt gab es
mindestens eine Person, die durch ein Gummigeschoss ein Auge verlor. Das
ist Teil der prekären Realität in Mexiko.
taz: Mexiko hat die höchste Zahl an Verschwundenen in der Region. Tausende
Mütter haben sich organisiert, fordern die Behörden auf, mehr zu tun – gibt
es Erfolge?
Gálvez: Erfolge eher nicht, aber zumindest eine Regierung, die zuhört und
sich nicht wegduckt. Generell ist die Situation dramatisch: Wir haben eine
gravierende Menschenrechtskrise. Von der ist die indigene Bevölkerung
überproportional stark betroffen. Alle Indikatoren für Verletzungen der
Menschenrechte sind in Mexiko tiefrot. [2][Es gibt mehr als 150.000
Verschwundene]. Auch die Situation von Migranten ist in Mexiko prekär.
Gewalt gegen Frauen ist ein gravierendes Problem, auch die Kinderrechte
werden nicht ausreichend geschützt.
taz: Wie ist die Situation in Chiapas, dort wo Ihre Organisation arbeitet.
Gálvez: In Chiapas ist die Gewalt seit Jahren ein prägendes Problem.
[3][Die Kartelle haben ihren Einfluss und ihre Reichweite während der
Coronapandemie ausgebaut], kontrollieren ganze Regionen. Deshalb hat die
Lokalregierung eine Spezialeinheit aufgebaut, die militärisch gut
ausgestattet ist und gegen die Kartelle vorgeht, sie zurückdrängt. Aber es
ist dokumentiert, dass sie Menschenrechte verletzt hat. Die Eliteeinheit
unterscheidet sich in der Wahl ihrer Mittel nicht von den Kartellen – das
ist eine sehr ernüchternde Erkenntnis.
20 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Knut Henkel
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