# taz.de -- Kontroverse um Konzert in Mexiko: Sie singen Loblieder auf schicke SUVs und Knarren
> In Mexiko erfreuen sich Drogenballaden großer Beliebtheit. Gegen ein
> Konzert eines Stars der „Corridos tumbados“ will die Stadt Morelia jetzt
> vorgehen.
(IMG) Bild: Der mexikanische „Corrido Tumbado“-Künstler Natanael Cano bei einem Auftritt in Mexiko-Stadt am 28. August 2026
Ob er wohl auftreten darf? Natanael Canos Fans zweifeln jedenfalls nicht
daran. Die günstigsten Tickets sind schon fast ausverkauft. Wer den Musiker
also im November in Baseball-Stadion Francisco Villa der mexikanischen
Stadt Morelia sehen will, muss sich beeilen. Noch sind Karten für 1.500
Pesos, etwa 76 Euro, zu haben, die teureren kosten das Dreifache. Viel
Geld, aber Cano zählt ja auch zu den großen Stars der „Corridos tumbados“,
jener Mischung aus Reggaeton, Hiphop und mexikanischen Balladen, die in
Mexiko, in den USA und darüber hinaus äußerst gut ankommt.
Aber ob der Musiker tatsächlich in der Landeshauptstadt des Bundesstaates
Michoacán singen wird, steht noch in den Sternen. Dem Gesetz zufolge dürfen
dort in Konzertsälen, Stadien und ähnlichen Orten keine Songs gespielt
werden, die als Anstiftung zu Verbrechen interpretiert werden könnten. Und
einige von Natanael Canos „Corridos tumbados“ dürften zweifellos in diese
Kategorie fallen. Gewissermaßen sind sie die modernisierte Variante der
[1][„Narcocorridos“, in denen traditionelle Balladensänger die Mafia und
das kriminelle Macho-Leben lobpreisen].
[2][Im Gegensatz zu seinem Sängerkollegen Peso Pluma räumt Cano zwar nicht
ein, gelegentlich für das Sinaloa-Kartell zu arbeiten], aber auch er kann
dem Lebensstil der Narcos einiges abgewinnen und huldigt deren Anführer.
„Es lebe die Firma“, singt er etwa und lässt durchscheinen, dass er damit
ein kriminelles Kartell meint. Mit seiner Glock-Pistole schickt er in
seinen Songs auch gerne mal jemand auf den Friedhof: „Das ist das Leben,
das mir gefällt, und ich genieße es.“
Solche Songs Canos hören monatlich über 25 Millionen Zuhörer*innen auf
dem Streaming-Anbieter Spotify. Auch für den offiziellen Soundtrack der
Männer-Fußball-WM 2026 wurde er nominiert. Moderne Volkskultur also – at
its best. Da fallen mir Kinder ein, die mir in umkämpften Regionen vom
Terror des Sinaloa-Kartells berichteten und von ihren Mitschüler*innen
erzählten, die Mafiakiller als Helden feiern. Oder ich denke an die
Jugendlichen, die sich im Glauben an ein schickes Leben der Mafia
anschlossen und mittlerweile tot oder verschwunden sind.
## Stadtverwaltung von Morelia will Setlist prüfen
Michoacán zählt zu den Bundesstaaten, in denen große Gebiete von
kriminellen Organisationen kontrolliert werden. Hier explodieren Bomben,
hier müssen Bauern für jede verkaufte Limone „Steuer“ an die Verbrecher
zahlen, junge Menschen werden zwangsrekrutiert. So gesehen ist es
nachvollziehbar, dass die Stadtverwaltung von Morelia die Setlist von
Natalean Cano prüfen und dann entscheiden will, ob er auftreten darf. Der
Künstler ist das gewohnt und kann damit leben. Eventuell müsse er eben das
eine oder andere Stück von seiner Liste streichen, sagt er. Trotzdem
kritisiert er die Zensur und betont: „Es wird nichts ändern, wenn die
Corridos verboten werden.“
Womit er natürlich recht hat. Verbote verändern nicht die Verhältnisse, aus
denen die kriminellen Strukturen erwachsen: Armut, Korruption, patriarchale
Strukturen und nicht zuletzt die Macht der Gewehrläufe. Dennoch wäre es
naiv, die Bedeutung (sozio-)kultureller Aspekte für die Attraktivität des
Narco zu unterschätzen. Da spielt der schicke SUV ebenso eine Rolle wie die
offen getragene Knarre oder eben die passenden Corridos, die in jeder
einschlägigen Bar dröhnen.
Die Drogenballaden sind schon lange umstritten, bereits 2010 wollte die
damalige konservative Regierung sie verbieten. Natürlich vergeblich. Heute
setzt die linke Präsidentin Claudia Sheinbaum auf Erziehung und
Bewusstseinsbildung, wie sie jüngst wieder sagte. Und das nicht nur bei
gewaltverherrlichenden, sondern auch bei frauenverachtenden Texten. Darüber
hinaus überlässt sie die Entscheidung den regionalen Behörden.
Immerhin haben 10 von 32 Bundesstaaten die Verherrlichung von Straftaten
verboten. Auch das Parlament von Mexiko-Stadt hat sich mit 44:0 Stimmen für
Sanktionen entschieden. Was man nicht so eng sehen muss. Das erste Konzert
in der Hauptstadt am kommenden Freitag ist bereits ausverkauft, aber für
das zweite gibt es noch Tickets.
16 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Wolf-Dieter Vogel
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