# taz.de -- FAQ zur Nord-Stream-Sprengung: Der Soldat, der mit der Segelyacht kam
       
       > In Hamburg beginnt der Prozess gegen den Kopf des ukrainischen Kommandos,
       > das die Ostseepipelines gesprengt haben soll. Alles, was Sie wissen
       > müssen.
       
 (IMG) Bild: Vermummte führen Serhii K. ab: Er soll die Nord-Stream-2-Pipeline gesprengt haben
       
       Am Mittwoch beginnt in Hamburg der Prozess wegen der Sprengung der
       Nord-Stream-Gaspipelines 2022. Vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht muss
       sich der 50-jährige Ukrainer Serhii K. verantworten, der seit fast einem
       Jahr in Untersuchungshaft sitzt. Das zunächst bis Ende Februar geplante
       Verfahren wirft neben der Frage nach der individuellen Schuld eine Reihe
       übergeordneter Fragen auf: Geht die Tat auf das Konto der ukrainischen
       Streitkräfte? Hat K. auf Befehl gehandelt? War Präsident Wolodymyr
       Selenskyj über den Angriff informiert oder hat er ihn gar angeordnet? Waren
       die Pipelines ein legitimes Kriegsziel der Ukraine?
       
       ## Was ist geschehen?
       
       Am 26. September 2022 kam es zu gewaltigen Explosionen an zwei Stellen der
       Pipeline, nordöstlich und südöstlich der dänischen Insel Bornholm. Drei der
       insgesamt vier Röhren waren danach so stark beschädigt, dass sie
       unbrauchbar waren.
       
       ## Was ist der Tatvorwurf?
       
       Die Bundesanwaltschaft wirft Serhii K. vor, er habe ein Kommando angeführt,
       das die Pipelines im September 2022 gesprengt hat. Angeklagt ist er als
       „Mittäter eines Kriegsverbrechens des Angriffs gegen zivile Objekte“, des
       Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion, der Zerstörung von Bauwerken
       sowie der Störung öffentlicher Betriebe.
       
       Laut Bundesanwaltschaft soll K. als Offizier der ukrainischen Armee mit
       weiteren Militärangehörigen und „im Auftrag staatlicher Stellen“ den Plan
       gefasst haben, die Nord-Stream-Pipelines zu zerstören. Ziel sei es gewesen,
       zu verhindern, „dass Russland die Einnahmen aus dem Handel mit Erdgas zur
       Finanzierung seiner Kriegsführungsanstrengungen nutzt“.
       
       Dazu habe K. eine [1][siebenköpfige Gruppe] aus Berufstaucher:innen, einem
       Skipper und einem Sprengstoffexperten um sich geschart. Er selbst sei mit
       einem gefälschten ukrainischen Pass über Polen nach Deutschland eingereist.
       Über Mittelsmänner habe die Gruppe in Rostock-Warnemünde die 15 Meter lange
       Segelyacht „Andromeda“ gechartert. Im Sporthafen Wiek auf Rügen sollen die
       Ukrainer „größere Mengen militärisch verwendbarer
       Hochleistungssprengstoffe“ an Bord gebracht haben und in See gestochen
       sein.
       
       In der Nähe Bornholms soll die Gruppe um Serhii K. bis zum 22. September in
       über 70 Meter Tiefe sechs Sprengsätze mit Zeitzündern an zwei Stellen in
       der Nähe Bornholms angebracht haben. Eine davon liegt nur wenige hundert
       Meter außerhalb der dänischen Hoheitsgewässer. Detoniert sind die
       Sprengsätze vier Tage später, am 26. September frühmorgens und abends. Die
       „Andromeda“-Crew war zu diesem Zeitpunkt längst wieder an Land.
       
       Neben Serhii K. ist inzwischen ein weiterer Verdächtiger in Haft: der
       Taucher Wolodymyr Z. wurde [2][im kroatischen Pula festgenommen]. Er soll
       dort nach Informationen der britischen Times ein Filmteam beraten haben,
       das einen Spielfilm über die Nordstream-Sprengung dreht. Deutschland hat
       seine Auslieferung beantragt. Derselbe Mann soll vorher bereits in Polen
       festgenommen worden sein, das seine Auslieferung an Deutschland jedoch
       abgelehnt habe.
       
       ## Wie ist die Beweislage?
       
       Laut der Anklageschrift, aus der mehrere Medien zitieren, ist Serhii K. auf
       dem Foto seines gefälschten Passes, der bei der Einreise nach Polen
       gescannt wurde, zweifelsfrei zu erkennen. Ein weiteres Foto von ihm gibt es
       offenbar wegen eines Missgeschicks: Er soll zu schnell gefahren und
       geblitzt worden sein.
       
       Beim Beladen der „Andromeda“ in Wiek sollen die wortkargen Osteuropäer, die
       so spät in der Saison noch mit schwerem Gepäck auf große Segeltour gehen
       wollten, einem Urlauber so verdächtig vorgekommen sein, dass er ihren
       Transporter fotografiert hat. Und an Bord der Yacht wollen Ermittler Spuren
       des verwendeten Sprengstoffs gefunden haben.
       
       Am schwersten wiegen jedoch Indizien, die erst rund um die Verhaftung von
       Serhii K. fast drei Jahre später, im August 2025, aufgetaucht sind. Er war
       mit seiner Familie im [3][Urlaub im italienischen Rimini], als er auf
       Grundlage [4][eines europäischen Haftbefehls] festgenommen wurde. Dabei
       wurde sein Handy beschlagnahmt, auf dem Ermittler Seekarten des Gebiets
       östlich von Bornholm und technische Details der Nord-Stream-Pipelines
       gefunden haben wollen.
       
       Auch Äußerungen von K., die er in Telefonaten [5][aus der
       Auslieferungshaft] gegenüber seiner Ehefrau gemacht haben soll, sollen auf
       seine Tatbeteiligung hindeuten. Er habe darin vor allem seine Rolle als
       Militär betont. Was K. wohl nicht geahnt hat: Die Polizei hörte seine
       Gespräche ab.
       
       ## Ist die deutsche Justiz überhaupt zuständig?
       
       Die Tatorte wurden mit Bedacht ausgewählt, sie liegen in internationalen
       Gewässern und den ausschließlichen Wirtschaftszonen von Dänemark und
       Schweden, was keine hoheitlichen Rechte begründet. In beiden Ländern wurden
       deshalb die Ermittlungen bald wieder eingestellt.
       
       Der Generalbundesanwalt begründet seine Zuständigkeit über einen Umweg:
       Weil der „Taterfolg“ – die Funktionsunfähigkeit der Pipelines – auch auf
       deutschem Staatsgebiet eintrat, wo die Leitungen endeten, gelte die
       deutsche „Strafgewalt“. Dieser Sicht hat sich der Bundesgerichtshof (BGH)
       angeschlossen, als er im Januar eine Haftbeschwerde von Serhii K.
       abgewiesen hat. Die deutsche Justiz sei auch deswegen zuständig, weil die
       Tat „geeignet war, die innere Sicherheit der Bundesrepublik zu
       beeinträchtigen“, heißt es.
       
       Nebenklagen der Betreiber hat das Oberlandesgericht indes abgelehnt, unter
       anderem, weil den Gazprom-Töchtern kein „existenzieller“ Schaden entstanden
       sei. Die auf einige hundert Millionen Euro geschätzten Reparaturkosten der
       Pipelines seien im Verhältnis zu den Baukosten von fast 17 Milliarden Euro
       eher gering.
       
       ## Ist Serhii K. von der Strafverfolgung auszunehmen?
       
       Völkerrechtliche Immunität besitzt Serhii K. laut BGH nicht, diese gelte
       bei „geheimdienstlich gesteuerten Gewaltakten“ nicht. Ob der Anschlag auf
       die Pipelines das Werk von Geheimdienstlern ist, gehört allerdings zu den
       Fragen, die noch zu klären sind. Auch auf das sogenannte
       Kombattantenprivileg aus dem Kriegsvölkerrecht könne Serhii K. sich „aller
       Voraussicht nach“ nicht berufen, entschied das Gericht. Denn erstens gelte
       das nicht für verdeckte Militäroperationen und zweitens handele es sich bei
       den Pipelines um zivile Objekte. Ob daraus auch folge, dass die Sprengung
       ein Kriegsverbrechen nach dem Völkerstrafgesetzbuch sei, hatte der BGH
       ausdrücklich offengelassen.
       
       Das Hamburger Oberlandesgericht wird auch die Frage beschäftigen, ob Serhii
       K. als Soldat schlicht Befehle ausgeführt haben könnte. Es würde dann darum
       gehen, ob er möglicherweise rechtswidrige Befehle als solche hätte erkennen
       und verweigern müssen. Dieser Punkt wird schwer zu klären sein, da seine
       Verteidigung bislang mitgeteilt hat, ihr Mandant habe keine
       Aussagegenehmigung der ukrainischen Armee.
       
       ## Was bedeutet der Prozess für das Verhältnis zur Ukraine?
       
       Es ist gerade eine Woche her, dass Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) mit
       dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj eine „strategische
       Partnerschaft“ vereinbart hat. Der Ukraine hat er dabei weitere
       Hilfszahlungen in Milliardenhöhe und weitere Waffenlieferungen zugesagt,
       damit sie sich in Russlands Angriffskrieg verteidigen kann.
       
       Gleichzeitig muss sich in Hamburg ein ukrainischer Offizier dafür
       verantworten, dass er dasselbe aus ukrainischer Sicht sehr effizient und
       kostengünstig getan hat, ohne dass dabei ein Mensch zu Schaden gekommen
       wäre. Das ist für viele Ukrainer:innen schwer zu verstehen. Die
       Bürgerinitiative Vilni_De_Ua aus Hamburger Ukrainer:innen hat deswegen
       angekündigt, am Mittwoch vor dem Hamburger Strafjustizgebäude gegen die
       Bewertung der Pipeline-Sprengung als Kriegsverbrechen zu protestieren.
       
       Die ukrainische Regierung bestreitet, an dem Anschlag beteiligt gewesen zu
       sein. Sollte der Prozess anderes zutage fördern, könnte das die Beziehungen
       mit Deutschland schwer beschädigen. Die Unterstützung des bedrängten
       Landes, die hierzulande schon jetzt umstritten ist, könnte noch schwerer zu
       rechtfertigen sein.
       
       13 Oct 2026
       
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