# taz.de -- Neue Ausgabe der „Idiome“: Wo die dark tourists des Literaturbetriebs Urlaub machen
       
       > Im Wiener Literaturmagazin „Idiome“ erscheint seit 20 Jahren Abseitiges
       > und Morbides. Auch die neue Ausgabe glänzt mit schaurig-frechen Texten
       > wenig bekannter Autor:innen.
       
 (IMG) Bild: Heft Nr. 19, erschienen im Klever Verlag
       
       Ist es nicht das gleiche leise Schicksal jedes Literaturmagazins, das sich
       als Gegengründung inszeniert, im Limbus zu landen, oder im Establishment?
       Wer wüsste noch zu sagen, was „Lichtwolf“ war oder „Delirium“ oder
       „Gegenstrophe“? Das unvermeidliche „Schreibheft“ ging, tief in den
       Siebzigern, als Stadtrevue mit Antiattitüde und im Kollektiv an den Start.
       Auch die „Idiome. Hefte für neue Prosa“ haben sich eine defensiv wirkende
       Ausrichtung erhalten.
       
       Seit 19 Jahren sperrt man sich „gegen marktgängige Romanschreiberei“ und
       gegen „narrative Clichés“. Begründet hat sie der Essayist und
       Kulturjournalist [1][Florian Neuner]. Seit ein paar Jahren wird Neuner
       durch Ralph Klever, den Inhaber des gleichnamigen Verlages, verstärkt. Im
       aktuellen Heft hat Klever ein knappes, aber bewegendes Dossier zum jüngst
       verstorbenen Meister der Kürzestprosa Gerhard Ochs, zusammengestellt.
       
       In Deutschland war Ochs fast völlig in Vergessenheit geraten, man darf ihn
       in einem Atemzug mit Lettaus Meisterschüler Jan Peter Bremer nennen: „Mit
       Sicherheit ist der Erdkern schön. Das Herumlaufen im Diesseits ist schön.
       Der Augenblick der Levitation ist schön. Jedes Liebesnest gleichwo ist
       schön. Wer dich von der Wahrung der Menschenwürde überzeugt ist schön“,
       heißt es im Auszug aus einem kunstvollen Sudelbuch mit dem Titel „DU.
       Aufzeichnungen“.
       
       Nicht weniger eindrucksvoll als die edierten Texte der jeweiligen Hefte
       sind die rasanten „Werkstattgespräche“ mit Größen einer emphatischen
       Sprachkunst wie [2][Elke Erb,] [3][Alexander Kluge,] beide inzwischen
       verstorben, und Elisabeth Wandeler-Deck, der Repräsentantin einer
       spezifisch schweizerischen Essayistik; zu der auch Li Mollet und Wolfram
       Malte Fues zu zählen sind. Mit Letztgenanntem führte Florian Neuner in Heft
       17 eine angeregte Diskussion über die [4][Midcult-Thesen des
       Literaturwissenschaftlers Moritz Baßler].
       
       ## Perfekte Eröffnung einer Schauergeschichte
       
       Im soeben erschienenen Heft 19 ist Li Mollet vertreten, die ihre
       frech-nihilistische Sprechinstanz Mathilda auf klischierte Naturschönheit
       und Artefakte hetzt: „wovon handeln die Liebesgeschichten von Robert
       Walser“? „Die Erinnerungen, die du dieser Stadt aufdrückst,“ heißt es im
       Text „30 Urban Rules“ der tschechischen [5][Autorin-Künstlerin] [6][Rhea
       Krcmárová] „sind kleiner, als du gerne hättest“. Beinahe jeder Aphorismus
       ihres denkmagischen „Grimoire“ gäbe die perfekte Eröffnung einer
       Schauergeschichte ab.
       
       Dagegen wirkt der unmittelbar folgende „ratgeber literatur“ von Mariusz
       Lata wie garstiger comic relief für Siebengescheite: „vergiß nicht deiner
       inneren toten die nägel zu schneiden“. Auch und gerade solcher Prosa, die
       obsessiv auf die Bedingungen scheiternder Schriftkommunikation reflektiert
       wie „Lob der Stadt“ von Herbert J. Wimmer – ihm gilt außerdem ein lustiger
       Disput im Heft -, oder den Miniaturen Jörg Burkhards („Roman ohne Worte“;
       „German Way Off Life“) wäre eine adäquate Hinführung zu wünschen gewesen.
       
       Das Editorial erweist sich in diesem Jahr, anders als Vorworte früherer
       Ausgaben, als Rohrkrepierer: Schreibenden wird „Gratismut (gegen Rechts)“
       unterstellt; sie „würden doch vermutlich das Fördergeld auch von einer
       rechten Regierung annehmen“. Statt kontextfrei von einer „Vorkriegszeit“ zu
       schwadronieren, wäre es an der Zeit, die eine oder andere liebgewonnene
       Gepflogenheit zu überdenken: Zu den „AutorInnen“ lediglich Geburtsjahr und
       -ort sowie die letzte Publikation zu vermelden, mag basisdemokratischen
       Idealen entsprechen, wirkt aber gerade angesichts des mauen
       Bekanntheitsgrads der Autor:innen – in der aktuellen Ausgabe fast alle –
       wie eine unterlassene Literaturvermittlung.
       
       „Idiome“ bleibt der Anziehungspunkt für die dark tourists des
       Literaturbetriebs und verströmt das gewisse Etwas. Entfernt verwandte
       Magazine sind dafür leider nicht mehr plemplem und morbide genug. Das
       zwanzigjährige Bestehen wäre die Gelegenheit, den Solitär aus Wien endlich
       gehörig in Deutschland vorzustellen.
       
       27 Sep 2026
       
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