# taz.de -- Sieben Jahre nach dem Anschlag: Das Gedenken in Halle verändert sich
       
       > Am Freitag, dem 9. Oktober, jährt sich der Anschlag auf die Synagoge zum
       > siebten Mal. Es gibt eine Plakataktion, Reden und eine Schweigeminute.
       
 (IMG) Bild: Die Synagoge in Halle an der Saale
       
       „Das Frühere bekommt im Späteren eine andere Bedeutung“, sagt Naomi
       Henkel-Guembel. Am 9. Oktober 2019 feierte sie gerade Jom Kippur, den
       höchsten jüdischen Feiertag, in der Synagoge mitten in Halle, als ein
       [1][bewaffneter Mann versuchte, das Gebäude zu stürmen und die 52 Menschen
       darin zu erschießen]. Er scheiterte. Stattdessen schoss er willkürlich auf
       Passant:innen, tötete erst Jana L., dann Kevin S. und verletzte weitere
       Personen. Um an die Opfer und die Tat zu erinnern, hängen sieben Jahre
       später in der Stadt Plakate mit Zitaten von Überlebenden, darunter auch das
       von Henkel-Guembel. Und es geht noch weiter: „Was der 9. Oktober bedeutet,
       entscheidet sich jetzt.“
       
       Schon am Donnerstagabend, einen Tag vor dem Jahrestag, versammelten sich
       Menschen zu einer Kundgebung in Halle vor dem Kultur- und Erinnerungsraum
       Tekiez. Weil am Freitagabend bereits der Schabbat beginnt, der jüdische
       Ruhetag, haben das Tekiez und [2][die Soligruppe 9. Oktober das Gedenken
       vorverlegt], erklärt Rachel Spicker der taz. Die Sozialwissenschaftlerin
       unterstützt als Mitglied der Soligruppe die Überlebenden des Anschlags.
       
       In den Räumen des heutigen Tekiez war vor sieben Jahren noch der KiezDöner.
       Nachdem der Täter an der Synagoge gescheitert war, tötete er im Imbiss dort
       Kevin S. Vor Gericht legte der damals 27-Jährige später ein
       antisemitisches, rassistisches und misogynes Weltbild offen.
       
       Das Gedenken an die Tat sei mit den Jahren schwerer geworden, berichtet
       Spicker. Stetig kam Belastendes hinzu. Russlands Angriffskrieg auf die
       Ukraine. Das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023. Immer wieder gab es
       Anschläge auf Synagogen an Jom Kippur: 2025 auf eine in Manchester, dieses
       Jahr auf eine in Toronto. In Deutschland sind zudem die Zahlen
       rassistischer und antisemitischer Gewalt gestiegen.
       
       Und bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bekam vor einem Monat die
       rechtsextreme AfD mehr als 44 Prozent der Stimmen. „Die Ideologien, die
       diese Partei vertritt, sind dieselben, die den Attentäter motiviert haben,
       diese Tat auszuüben“, sagt Spicker. Das war schon vor sieben Jahren Thema,
       aber damals war der Einfluss der AfD noch nicht so groß. Nun könnte sie in
       Sachsen-Anhalt regieren. „Wir machen uns Sorgen, aber wir machen weiter.“
       Die Überlebenden und direkt Betroffenen ließen sich nicht unterkriegen,
       engagierten sich bundesweit in Solidaritätsnetzwerken.
       
       Vor dem Tekiez sollen am Donnerstagabend nach Redaktionsschluss noch die
       Zitate der Plakatkampagne verlesen werden. Außerdem sind Reden von
       Überlebenden wie İsmet Tekin geplant, der heutige Projektkoordinator des
       Erinnerungsorts. Zur gleichen Zeit gibt es auch eine Kundgebung auf dem
       Oranienplatz in Berlin, organisiert von der Initiative [3][Antisemitismus
       und Rassismus gemeinsam bekämpfen]. Zu Jom Kippur vor sieben Jahren waren
       auch Besucher:innen aus der Hauptstadt in Halle in der Synagoge.
       
       Am 9. Oktober selbst gibt es dieses Jahr zudem ein stilles Gedenken mit der
       Jüdischen Gemeinde. Max Privorozki, der Gemeindevorsitzende, beginnt um 12
       Uhr mit einer kurzen Ansprache. Auch er war vor sieben Jahren in der
       Synagoge.
       
       In seiner Rede wolle Privorozki über die Opfer sprechen, erzählt er vorab,
       nicht über den Täter. Um den gehe es nicht, sagte der Gemeindevorsitzende
       und schiebt dann hinterher, „zumindest nicht an diesem Tag“. Privorozki
       habe Jana L. und Kevin S. nicht gekannt, aber „diese Menschen sind mir
       trotzdem präsent“.
       
       Um 12.03 Uhr, dem Zeitpunkt der ersten tödlichen Schüsse, soll es eine
       Schweigeminute geben. Auch die Straßenbahnen und Busse in Halle sollen
       dafür an geeigneter Stelle stillstehen, eine Durchsage soll den Passagieren
       erklären, worum es bei dem Gedenken geht. Dann sollen alle Kirchenglocken
       der Stadt läuten. Am Nachmittag steht eine öffentliche Gedenkveranstaltung
       auf dem Marktplatz in Halle an.
       
       Und dann gibt es noch eine Sache, „die möchten wir erreichen, aber das ist
       sehr schwer“, sagt Privorozk. „Dass es am Gedenktag keine politische
       Auseinandersetzung in Verbindung mit diesem Anschlag gibt.“ Der Fokus solle
       auf den Opfern liegen, wiederholt er. „Politische Debatten an diesem Tag
       sind ein Missbrauch der Opfer.“ Auch die politischen Veränderungen in
       Sachsen-Anhalt, warum die CDU schwach und die AfD nun stark ist, das solle
       keine Rolle spielen, findet er.
       
       ## Die Unterstützung steht auf dem Spiel
       
       Andere Überlebende und Betroffene thematisieren rund um den Gedenktag
       politische Fragen. Immer noch seien welche offen. Etwa, in welche Netzwerke
       der Täter eingebunden war. Oder weshalb bis heute Tatfolgen für Betroffene
       nicht durch die zuständigen Behörden anerkannt würden. Eindrücklich
       beschrieb das die Historikerin und Journalistin Christina Feist, die vor
       sieben Jahren den Anschlag überlebte, vergangenes Jahr in der taz. Die Flut
       von Formularen, wie ein Amtsarzt sie stundenlang begutachtete und sie um
       Entschädigung kämpfte.
       
       Rachel Spicker erzählte vor dem Gedenken in diesem Jahr, dass durch den
       Wahlsieg der AfD nun auch direkte Unterstützung für Betroffene auf dem
       Spiel steht. Die Mobile Opferberatung, zum Beispiel, werde teilweise vom
       Sozialministerium finanziert. „Einige Überlebende sind bis heute noch in
       Beratungsverhältnissen, bekommen Hilfe bei der Bürokratie.“ Wenn die AfD
       dort Geld kürzt, „hat das direkte Auswirkungen“.
       
       8 Oct 2026
       
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