# taz.de -- Korruption in der Ukraine: Spionagevorwürfe, Korruption und Schweigen in Wien
       
       > Zwei ukrainische Investigativjournalisten werden in Österreich
       > festgenommen. Sie hatten zu Ex-Generalstaatsanwalt Krawtschenko
       > recherchiert.
       
 (IMG) Bild: Der Journalist Mykhailo Tkach und sein Kameramann Jaroslaw Bondarenko waren hinter ihm her: Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko
       
       Es ist ein Fall, der viele Fragen aufwirft: Am Donnerstagnachmittag sind
       der ukrainische Investigativjournalist Mykhailo Tkach und sein Kameramann
       Jaroslaw Bondarenko in Wien festgenommen worden. Das berichtet die
       Onlinezeitung Ukrajinska Prawda, eines der renommiertesten
       Nachrichtenportale des Landes, für die die beiden arbeiten.
       
       Tkach befand sich Freitagnachmittag Berichten zufolge wieder auf freiem
       Fuß, Bondarenko aber noch nicht. Er sei zudem im Zuge der Festnahme
       verletzt und in ein Krankenhaus gebracht worden, schreibt
       Prawda-Chefredakteurin Sevgil Musayeva. Für sie ergeben sich „ernste
       Fragen“ zu den Gründen und den Umständen der Verhaftung, auch zu deren
       Dauer von mehr als zwölf Stunden.
       
       Erst Freitagmittag nannte Österreichs Innenminister Gerhard Karner im
       Radiosender Ö1 erstmals den Vorwurf: Die beiden stünden unter
       Spionageverdacht, wie auch zwei weitere ukrainische Staatsbürger, die
       bereits am Montag festgenommen worden waren. Über Letztere wurde laut
       Recherchen des Magazins profil Untersuchungshaft bis 21. Oktober verhängt.
       
       Im Falle Tkachs dürfte sich der Spionageverdacht nicht erhärtet haben.
       Nähere Informationen lieferte das österreichische Innenministerium auf
       mehrmalige Nachfrage nicht, begründet wird dies mit dem Verweis auf
       Datenschutz und laufende Ermittlungen. Auch die Staatsanwaltschaft Wien
       sowie das ukrainische Außenministerium und die ukrainische Botschaft in
       Wien hielten sich bedeckt.
       
       ## Spionagevorwurf wirft Fragen auf
       
       In Wien recherchierten Tkach und Bondarenko zum früheren ukrainischen
       Generalstaatsanwalt [1][Ruslan Krawtschenko]. Er hatte Anfang September
       seinen Rücktritt erklärt, nachdem das Nationale Antikorruptionsbüro (Nabu)
       seine Behörde durchsucht hatte. [2][Kurz darauf verließ er die Ukraine für
       eine Dienstreise und kehrte nicht zurück.] Ende September enthüllte Tkach,
       dass Krawtschenko in Wien gemeldet ist, wobei es sich offenbar nicht um den
       tatsächlichen Wohnort gehandelt hat.
       
       Generell ist Österreich seit Jahren ein Zufluchtsort für ukrainische
       Manager, Ex-Politiker und Spitzenbeamte, [3][gegen die in ihrer Heimat]
       oder im Ausland ermittelt wird. Prominentestes Beispiel ist der
       milliardenschwere ukrainische Oligarch Dmytro Firtasch. Er wurde 2014 auf
       Antrag der USA in Wien festgenommen, trotz zahlreicher Korruptionsvorwürfe
       aber nie ausgeliefert.
       
       Am meisten Fragen wirft der nun geäußerte Spionagevorwurf auf. Aufgrund
       laxer Gesetze ist Spionage in Österreich nur dann strafbar, wenn sie sich
       gegen Österreich selbst richtet, nicht aber gegen andere Staaten oder
       Organisationen. Genau das wollte die Bundesregierung aus ÖVP, SPÖ und Neos
       angesichts der geopolitischen Lage und Wiens unrühmlichen [4][Rufs als
       Spionage-Drehscheibe] längst ändern. Beschlossen ist die angekündigte
       Reform aber bislang nicht.
       
       „Die Festnahme eines investigativen Journalisten und die Verletzung seines
       Kameramanns bei einem Polizeieinsatz sind ein schwerwiegender Vorgang, der
       lückenlose Aufklärung verlangt“, macht Martin Wassermair, Generalsekretär
       von Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich, deutlich. Auch Jeanne Cavelier,
       Leiterin des RSF-Büros für Osteuropa, äußert tiefe Besorgnis angesichts der
       Berichte über einen gewaltsamen Polizeieinsatz gegen zwei ukrainische
       Journalisten in Österreich.
       
       Ob und inwiefern die Ukrainer gegen die Republik Österreich spioniert haben
       sollen und in wessen Auftrag, müssen die österreichischen Behörden erst
       noch erklären. Übermäßiger Transparenz machen sie sich bisher nicht
       verdächtig.
       
       9 Oct 2026
       
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