# taz.de -- Festnahme ukrainischer Reporter in Wien: Hämatome und Verdächtigungen
       
       > Eine Woche nach dem gewaltsamen Polizeieinsatz gegen zwei ukrainische
       > Journalisten in Wien gibt es viele offene Fragen. Die Behörden mauern
       > weiterhin.
       
 (IMG) Bild: Keine Entschuldigung, keine Erklärung: Gewaltsamer und unbegründeter Polizeieinsatz in Wien gegen zwei ukrainische Journalisten
       
       Maskierte Beamte, eingeschlagene Autoscheiben, Pistolen auf sie gerichtet:
       [1][So endete am 8. Oktober] mitten in Wien eine Recherche von Mychajlo
       Tkatsch und Jaroslaw Bondarenko.
       
       Tkatsch, mehrfach preisgekrönter Leiter der Investigativabteilung der
       [2][Ukrajinska Prawda], und sein Kameramann waren dem früheren ukrainischen
       Generalstaatsanwalt [3][Ruslan Krawtschenko] auf der Spur gewesen. Dieser
       hatte nach einer Razzia der Antikorruptionsbehörde im September seinen
       Posten geräumt und sich abgesetzt, mutmaßlich nach Wien.
       
       Ins Visier der österreichischen Behörden gerieten aber die Journalisten
       selbst. Tkatsch schildert es so: Am helllichten Tag hielten Beamte der
       Spezialeinheit Cobra ihr Auto an einer roten Ampel auf, schlugen die
       Seitenscheiben ein und zerrten die beiden auf die Straße.
       
       „Mein erster Gedanke war, dass wir entführt werden“, sagt Tkatsch.
       Bondarenko wurde mit dem Gesicht in die Glassplitter gedrückt, ein
       [4][Splitter steckte direkt unter seinem Auge]. Er musste, noch in
       Handschellen, in einem Wiener Krankenhaus operiert werden. Die beiden
       wurden vernommen und kamen erst nach mehr als 12 Stunden frei.
       
       ## Keine Entschuldigung, keine Erklärung
       
       Die Nähte sind inzwischen gezogen, doch nach Prellungen und Hämatomen an
       Kopf und Gesicht leiden beide bis heute an Kopfschmerzen. Seit ihrer
       Rückkehr in die Ukraine herrscht Funkstille: Keine Behörde habe sich
       gemeldet, es gebe weder Entschuldigung noch Erklärung, schreibt Tkatsch am
       Freitag auf taz-Anfrage.
       
       Österreichs Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) nannte einen
       „Spionageverdacht“ als Grund für die Festnahme. Er habe „keinen Grund“, an
       der Verhältnismäßigkeit des Einsatzes zu zweifeln.
       
       Zudem brachte er den Fall mit zwei Ukrainern in Verbindung, die einige Tage
       zuvor aus demselben Grund festgenommen wurden und weiterhin in U-Haft
       sitzen. Tkatsch und Bondarenko kennen die beiden nach eigenen Angaben aber
       nicht.
       
       Die Staatsanwaltschaft Wien begründete ihre Anordnung zur Festnahme in
       einer dürren und etwas diffusen Pressemitteilung so: Zeugen hätten drei
       Männer beim Observieren eines Objekts gesehen. Man habe daher vermutet,
       einer der Journalisten gehöre zu den beiden inhaftierten Ukrainern, und ihn
       mit gerichtlicher Bewilligung festnehmen lassen. Den zweiten habe die
       Polizei aus eigenem Antrieb mitgenommen.
       
       ## Einfach mal googeln?
       
       Weil sich der Verdacht nicht erhärtet habe, seien beide freigelassen
       worden. Dass es sich bei Tkatsch und Bondarenko um Journalisten handelte,
       sei bei der Festnahme laut Staatsanwaltschaft Wien nicht bekannt gewesen.
       Tkatsch sieht einen Widerspruch: Als er beim Verhör vorschlug, sie zu
       googeln, habe der Ermittler geantwortet, man wisse um ihre Tätigkeit
       Bescheid.
       
       Worin besteht der Spionageverdacht? Wie wurde die Aussage der angeblichen
       Zeugen überprüft? Warum genügte keine Vorladung? Diese und andere Fragen
       drängen sich auf, doch Innenministerium und Staatsanwaltschaft Wien lassen
       mehrere Anfragen unter Verweis auf „laufende Ermittlungen“ unbeantwortet.
       
       Tkatsch verlangt Erklärungen, auch dazu, ob auf seine Handys und Laptops
       zugegriffen wurde, die die Polizei bis zum nächsten Vormittag behielt.
       Darauf befinde sich vertrauliches Material, ein Zugriff würde
       schwerwiegende Fragen zum Quellenschutz aufwerfen. Tkatsch und seine
       Redaktion vermuten, dass Personen aus Krawtschenkos Umfeld die Polizei mit
       falschen Angaben auf sie angesetzt haben.
       
       International sorgt der Fall für Empörung. Das Committee to Protect
       Journalists (CPJ) zeigte sich „schockiert“, das International Press
       Institute (IPI) „tief besorgt“. Beide fordern von Österreich eine
       Erklärung.
       
       Auch Reporter ohne Grenzen übt Kritik, der Wiener Presseclub Concordia
       nennt den Vorfall „äußerst beunruhigend“. Festnahmen von Journalisten habe
       es in Österreich in jüngerer Vergangenheit nicht gegeben.
       
       Tkatsch und Bondarenko bereiten eine Beschwerde beim Europäischen
       Gerichtshof für Menschenrechte vor und wollen Akteneinsicht sowie das
       Festnahmevideo erwirken. Sie werden jedenfalls weiterrecherchieren, sagt
       Tkatsch. Denn viele Österreicher wüssten gar nicht, wer in ihrem Land lebe
       und was diesen Leuten in der Ukraine vorgeworfen werde. Ihre Recherchen
       gingen daher nicht nur die Ukraine etwas an.
       
       16 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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