# taz.de -- Actionkomödie „Sacrifice“: Ein Schwoof auf dem Vulkan
> In „Sacrifice“ lässt Romain Gavras eine Klimasekte auf die
> Weltrettungselite los. Trotz Starbesetzung verspielt er die Chance auf
> eine bissige Satire.
(IMG) Bild: Sie will dem Vulkan opfern: Joan (Anya Taylor-Joy) in „Sacrifice“
Mit dem Anbruch der Neuzeit hat sich der Mensch die Natur zunehmend
untertan gemacht. Wissenschaft und Technik versprachen, was zuvor höheren
Mächten vorbehalten schien: die Welt zu erklären, sie zu beherrschen, sie
gar nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Der technologische Fortschritt
wurde so zum neuen Heilsversprechen, während der alte Gott aus dem Bild
verschwand.
Doch inzwischen hat auch dieser Fortschrittsglaube – nicht zuletzt
angesichts von Klimakrise und vielbeschworener KI-Apokalpyse – seine
Überzeugungskraft eingebüßt. Würde es da wundern, wenn sich nun die Natur
zurückholt, was ihr genommen wurde? Oder wenn sie zumindest Menschen auf
den Plan ruft, die sich in ihrem Namen zu einer höheren Mission berufen
fühlen? Man könnte Romain Gavras’ neuem Film „Sacrifice“ eine solche
Gedankenbewegung unterstellen. Und will es doch nicht.
Die Handlung beginnt immerhin auf einer kleinen griechischen Insel, also
ausgerechnet dort, wo – muss man es westliche Hybris nennen? – gern die
Wiege der Zivilisation verortet wird. Hier hat sich eine gar nicht mal so
kleine Klimasekte niedergelassen, die abgeschieden von der Welt offenbar
einen größeren Plan verfolgt. Welchen genau, lässt sich, zumindest
längerfristig, nicht recht sagen.
Für den Moment gilt es, ein Massensterben zu verhindern, das der drohende
Ausbruch des Inselvulkans auslösen könnte. Woher man davon weiß? Joan
([1][Anya Taylor-Joy]), die Anführerin der Sekte, kann mit dem Feuerberg
kommunizieren. Legt sie ihr Ohr an den Boden, spricht er zu ihr. Ob es nun
Magma ist, das ihr zuflüstert, der Erdgeist persönlich oder lediglich das
Rauschen ihrer eigenen Blutbahn – wer weiß das schon. Vieles in diesem Film
bleibt ungeklärt.
## Die milliardenschwere Weltrettungselite
Joan und ihre Anhänger sind jedenfalls überzeugt, dass sich die Katastrophe
nur durch Menschenopfer abwenden lässt. Genauer gesagt durch drei: Ein
König, die reine Liebe und ein Held müssen ins Feuer gehen, damit es nicht
über die Welt hereinbricht. Und wo ließen sich solche Figuren besser
auftreiben als auf einer vermeintlichen Klimaschutzveranstaltung, bei der
sich die Reichen und Schönen gegenseitig ihrer Weltrettungsambitionen
versichern? Eine solche richtet gerade Ben Bracken (Vincent Cassel) auf der
Insel aus, symbolträchtig – vor allem aber stilecht – in einem alten
Stollen.
Umgeben von gewaltigen Marmorwänden und bei bestem Essen sitzt dort die
High Society und lauscht einem Bracken, der schon physiognomisch an
Tech-Mogul Jeff Bezos erinnert. Er stellt ein neues Energiekonzept vor.
Dass man hier bloß von der Ausbeutung des Landes zu jener der Meere
übergeht, argwöhnen einige, die dafür aber prompt als Neider abgetan
werden.
Darunter auch Mike Tyler (Chris Evans), ein Schauspieler, der gerade einen
bizarren Skandal hinter sich hat. Seither versucht er, seine nervösen
Aussetzer mit Tabletten zu kontrollieren und die Gunst der Öffentlichkeit
zurückzugewinnen. Ben Bracken kann „diesen Loser“ nicht ausstehen, seine
Frau (Salma Hayek) dagegen findet durchaus Gefallen an ihm. Und während
derlei Kleinkriege ausgefochten werden, [2][performt Charli xcx] als
„Mother Nature“ eine poppige Klimahymne, damit auch das musikalische
Rahmenprogramm stimmt.
## Götterdämmerung im VIP-Bereich
Mit anderen Worten: „Sacrifice“ fährt sehr viel gleichzeitig auf, bewirkt
damit seltsamerweise aber kaum etwas. Man könnte darin eine Vorführung
eines Nihilismus erkennen, der sich auftut, wo der Glaube an den
Fortschritt nur noch als dekadente Selbstinszenierung einiger Weniger
fortbesteht. Aber angesichts all dessen, was hier bemüht wird, warum sollte
man ausgerechnet ein konsequentes kritisches Konzept dahinter vermuten?
Immerhin ist diese erste halbe Stunde noch die unterhaltsamere, weil in
ihrem wilden Durcheinander das Versprechen steckt, dass sich daraus eine
bissige Gegenwartssatire entwickeln könnte.
Aber nein. Als Joan und ihre großzügig mit AK-47 ausgestattete Klimasekte –
woher eigentlich die ganzen Waffen? – die Bühne betreten, geht es bergab.
Schnell sind die drei Opfer gefunden. Bracken soll als König ins Feuer,
Mike wird, obwohl er sich nun nicht als Held aufdrängt, per „Applausometer“
zu einem solchen auserkoren, um die eigene Haut zu retten. Und als reine
Liebe muss „Daughter Nature“ (Ambika Mod) herhalten, die Sängerin an Charli
xcx’ Seite.
## Viel Pathos, wenig Pyro
Damit wäre eigentlich zumindest alles für einen rauschhaften Unfug
angerichtet, der die eigene Banalität wenigstens lustvoll zelebriert.
Stattdessen schickt Gavras seine Figuren auf eine erstaunlich triste
Inselwanderung. Nun vor allem aus Mikes Perspektive erzählt, verliert sich
der Film in obskuren Anflügen von Introspektion.
Man diskutiert über Glauben, gibt sich Neurosen und Vaterkomplexen hin. Die
Figuren reden, als stünde ständig etwas ungeheuer Bedeutendes auf dem
Spiel. Nur will sich dieses Gefühl partout nicht übertragen.
Und weil die behauptete Tiefe nicht trägt, fällt umso mehr ins Gewicht,
dass „Sacrifice“ auch an der Oberfläche erstaunlich wenig zu bieten hat.
Dabei hätte gerade Gavras, der als Musikvideoregisseur für M.I.A. schon
Bilder von brachialer Wucht geschaffen hat, hier aus dem Vollen schöpfen
können – mit etwas mehr Freude an der eigenen Maßlosigkeit wäre es
vielleicht doch noch etwas geworden mit diesem [3][großen Nihilismusfest].
15 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Arabella Wintermayr
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