# taz.de -- Film „Digger“ mit Tom Cruise: Was gibt's da noch zu sehen?
> Tom Cruise spielt im Film „Digger einen Ölmagnaten, der eine Katastrophe
> auslöst. Regisseur Alejandro González Iñárritu macht daraus eine Satire
> der besonderen Art.
(IMG) Bild: Er will einfach nur bohren: Tom Cruise als titelgebender Ölmagnat in „Digger“
Was kann Satire eigentlich noch leisten? Diese Frage begleitet die
Unterhaltungswelt schon eine Weile, hat aber spätestens seit [1][dem
erneuten Einzug des orangenen Mannes ins Weiße Haus] eine neue
Dringlichkeit erfahren. Ein US-Präsident, der etwa munter KI-Videos postet,
die ein zerstörtes Gaza als Luxusdestination imaginieren oder ihn selbst
als „Top-Gun“-Piloten, der Unrat über „sein“ Volk regnen lässt, der lässt
kaum noch Raum zur Überzeichnung.
Auch das Entlarvungsmoment, ein weiteres Wesensmerkmal der Satire, erübrigt
sich da zunehmend, auch im schnöden Politischen selbst, abseits der grellen
Social-Media-Welt. Was lässt sich noch ans Licht zerren, wenn der
US-Präsident nach einer Militäroperation vor die Kameras tritt und ziemlich
unverhohlen zu verstehen gibt: Natürlich geht’s ums Öl!
Keine Überzeichnung, keine Entlarvung – und irgendwann auch keine echte
Empörung mehr, aus der eine Debatte entstehen könnte. Wo das Ungeheuerliche
nicht mehr versehentlich hervorbricht, sondern demonstrativ vor sich
hergetragen wird, läuft die Provokation selbst Gefahr, nur noch müde zu
wiederholen, was die Wirklichkeit tagtäglich ungeniert ausstellt.
An diesem Vorsprung der Wirklichkeit sind schon herausragende Filmemacher
gescheitert. So wie [2][Bong Joon-ho, der noch mit „Parasite“] so
unerbittlich Klassenverhältnisse sezierte, dass der Film einen regelrechten
„Eat the Rich“-Trend im Kino auslöste. Im Nachfolger [3][„Mickey17“
extrapolierte er ganz ähnliche Ausbeutungsmechanismen in eine Sci-Fi-Welt],
in der technische Möglichkeiten den Menschen endgültig austauschbar machen.
Eine höchstaktuelle Thematik eigentlich. Die aber wurde überschattet von
einer breit ausgewalzten Karikatur eines autoritären Weltraumherrschers,
dessen unübersehbare Anklänge an Donald Trump und Elon Musk kaum für
Verstörung, sondern vor allem für müdes Wiedererkennen sorgten.
## Noch so ein Monster
In einer solchen Zeit also erscheint nun Alejandro González Iñárritus neuer
Film „Digger“. Tom Cruise spielt darin den gleichnamigen Antihelden, der
damit vorgestellt wird, dass er in einem gigantischen goldenen Bett
erwacht, umgeben von Plüsch, Pomp und Dermoplastik. Besorgt sucht er nach
seiner grotesk alten Katze, die offenbar nur mit sehr, sehr teuren und
vermutlich unethischen Methoden am Leben gehalten wird. Als er das weiße
hagere Wesen schließlich findet, serviert er ihr aus einer feinen
Thunfischdose einen Happen auf dem überlangen Nagel seines kleinen Fingers.
Ein schräger Typ also. Cowboyboots und Hut, ein Texaner womöglich, ein
Republikaner sicherlich. Vor allem aber: Stinkreich geworden ist er, durch
ein unglaublich rücksichtsloses Geschäftsgebaren als Ölmagnat – begünstigt
durch noch unglaublichere Beziehungen zum US-Präsidenten (John Goodman).
Sogar in einem grönländischen Naturschutzgebiet darf sein Konzern nach Öl
bohren. Dass Digger damit sogar dann noch weitermacht, als Wissenschaftler
vor austretendem Methan warnen? Selbstverständlich.
Als sein Umweltbeauftragter Dr. Ganesh (Riz Ahmed) persönlich bei ihm
auftaucht, ist es bereits zu spät: Die Bohranlage ist gerade in die Luft
geflogen. Digger erkundigt sich nach dem Sachschaden. Die Toten
interessieren ihn kaum, ach so.
Fast eine Stunde vergeht, und die drängendste Frage, die Alejandro González
Iñárritu bis dahin aufgeworfen hat, lautet: Hat er von all den Diskussionen
über die Grenzen zeitgenössischer Satire nichts mitbekommen (nahezu
unmöglich) oder glaubt der mehrfach Oscar-prämierte Filmemacher
tatsächlich, sein eigener Entwurf sei so viel schärfer, so viel klüger als
all die anderen bisher dagewesenen
„MAGA-Trump-Redneck-Techbro-Monster“-Karikaturen? Das scheint schon
plausibler, bedenkt man die [4][Hybris seines letzten Films „Bardo“], der
kaum mehr war als die ausufernde Beschäftigung mit den Befindlichkeiten
eines Künstlers (seinen eigenen).
## Wir sehen uns nicht satt
Dann aber kommt der Bruch. Digger hat gerade mit dem Präsidenten beraten,
wie mit der gewaltigen Eisscholle umzugehen sei, die sich infolge der
Explosion gelöst hat und nun unerbittlich auf Europa zutreibt. Millionen
Menschen könnten sterben. Man einigt sich – jaja, empörend! – darauf, zu
schweigen und zu beten. Dann aber fährt die Kamera plötzlich weiter zurück,
als sie es eigentlich dürfte. Kulissen werden sichtbar, ebenso Scheinwerfer
und die Bühne, auf der sich alles abspielt. Tom Cruise spielt also gar
nicht Digger, sondern einen Schauspieler, der Digger spielt.
Sobald er die Bühne verlässt, erinnert manches an [5][„Birdman“. Wieder
folgt Alejandro González Iñárritu einem Schauspieler hinter das Set],
wieder herrscht dort Hektik und permanenter Druck, wieder sitzt ein Mann
manisch vor dem hell erleuchteten Garderobenspiegel. Ganz losgeworden ist
der Filmemacher seine Faszination für den Showbetrieb und dessen
selbstbezügliche Neurosen also nicht. Diesmal aber zielt sie auf eine
größere Frage: Warum führen wir uns das längst Erkannte eigentlich immer
wieder vor? Was suchen wir noch in der satirischen Überzeichnung einer
Wirklichkeit, deren Abgründe offen vor uns liegen – und, vor allem, was
folgt aus all diesem Wissen?
„Digger“ nimmt nun diejenigen in den Blick, die eine solche Karikatur
aufführen, an ihr arbeiten und ihr zusehen – und damit auch uns, das
Kinopublikum. Denn bis hierhin bestand dessen Beschäftigung ebenfalls
darin, Digger beim immer gierigeren, gewissenloseren und groteskeren
Treiben zuzusehen. Der Film stellt den Erkenntniswert dieses Blicks selbst
infrage.
## Ihr wollt es doch auch
Ausgerechnet Digger selbst stört schließlich die so faszinierte wie bequeme
Beschäftigung mit dem grotesken Bösewicht. Das Theaterstück, in dem er
existiert, ist dabei weit feiner geraten als seine zunächst recht plumpe
Hauptfigur: In seiner artifiziellen Farbgebung erinnert es bisweilen an Wes
Anderson, zugleich steckt in der pastellenen Inszenierung eine große Lust
an verspielter Illusionskunst. Bereitwillig legt die Kamera immer wieder
deren Mechanik offen, zeigt etwa schwarz gekleidete Bühnenarbeiter, die
kleine Wölkchen und Flugzeuge an Stäben durch die Kulissen ziehen lassen.
Auch das Europäische Parlament, vor dem Digger schließlich spricht, ist in
ein beinahe lebloses Beige und Mint getaucht, entsättigt bis zur
politischen Blutarmut. Der Gletscher ist inzwischen eingeschlagen, die
Katastrophe eingetreten, entsprechend schlägt ihm blanker Hass entgegen.
Zuvor hat Dr. Ganesh seinen Boss noch als das raffgierigste Böse
beschrieben, das er sich vorstellen kann, als einen Mann, der selbst Kinder
in Brand setzen würde, könnte er anschließend ihre Seelen für ein paar
Pence verkaufen.
Und doch gelingt es Digger, die Wut einzufangen, schlicht indem er
ausspricht, was er selbst für die Wahrheit hält. Ja, sie mögen ihn dafür
hassen, dass er gebohrt hat und bohrte und weiterbohrte, obwohl er wusste,
was auf dem Spiel stand. Aber war es nicht genau das, was sie insgeheim von
ihm wollten? Den Komfort eines nicht nachhaltigen Lebens, das auf fossile
Energie gebaut ist, die warme Wohnung, die bequeme Bestellung von zu Hause,
eine Welt, in der selbst die empörte Google-Suche nach Digger und seinen
Lügen noch auf jenem System beruht, an dem er verdient?
Das Konsumentenargument, mit dem sich Verantwortung von Profiteuren,
Konzernen und Politik auf den Einzelnen verschieben lässt, ist so alt wie
bequem und ließe sich leicht widerlegen. Interessanter ist, was der Film
daraus macht: Digger kommt damit durch, zumindest vorerst – und das
Publikum sieht immer weiter zu. Untätig, und auch ein wenig selbstgenügsam,
muss man wohl hinzufügen.
## Genug gestarrt
Wie bitter das gemeint ist, zeigt sich später. Irgendwann wird klar, dass
das Stück im Film auf wahren Ereignissen beruht. Die
Eisschollen-Katastrophe hat tatsächlich stattgefunden, Menschen haben
Angehörige verloren, die Welt um sie herum liegt in Trümmern – und noch
immer sitzen sie vor einer Bühne, auf der ihnen genüsslich vorgeführt wird,
wer daran schuld ist. Hätte „Digger“ mehr solcher Spitzen, wäre aus diesem
ambitionierten Projekt womöglich eine wirklich dringliche Satire geworden.
So aber verbringt Iñárritu selbst so viel Zeit mit jener wohlfeilen
Karikatur, vor der sein Film letztlich warnt, dass die Warnung unter ihr
begraben wird.
Und doch ist nach zwei Stunden etwas gewonnen. Sobald „Digger“ den Blick
vom grotesken Ölbaron auf diejenigen richtet, die ihm gebannt zusehen,
blitzt jener Iñárritu wieder auf, der in „21 Gramm“, „Biutiful“ oder
„Babel“ menschlichen Schicksalen und ihren Verstrickungen nachspürte. Und
das wäre dann auch wirklich radikal: den allgegenwärtigen Figuren der
grellen Gegenwart nicht noch mehr Bedeutung zu schenken und den Blick
stattdessen wieder auf das eigentlich Bedeutsame zu richten.
29 Sep 2026
## LINKS
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## AUTOREN
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