# taz.de -- Rote Hilfe über ihre Arbeit: „Polizisten fühlen sich ja sehr schnell beleidigt“
       
       > Nach der Aufregung um Elif Eralps frühere Mitgliedschaft verzeichnet die
       > Rote Hilfe einen Mitgliederrekord. Ein Vorstandsmitglied erklärt die
       > Arbeit des Vereins.
       
 (IMG) Bild: Die Rote Hilfe bewerte keine Tatvorwürfe, sagt Hartmut Brückner
       
       taz: Herr Brückner, bei der Roten Hilfe waren und sind bürgerliche
       Linkenpolitiker:innen wie Elif Eralp und Sören Pellmann Mitglied.
       Haben Sie inzwischen Angst, Ihre Credibility als „linksradikaler“ Verein zu
       verlieren? 
       
       Hartmut Brückner: Nein, wir haben Mitglieder aus ganz verschiedenen
       Bereichen und das ist auch gut so. Bei uns sind auch relativ viele
       Sozialdemokraten, Leute aus der Grünen Jugend oder Umweltverbänden mit
       dabei. Selbst Staatsanwälte und Richter machen bei uns mit – insofern mache
       ich mir um unsere Credibility keine Sorgen mehr. (lacht)
       
       taz: Wie viele Leute sind nach der Debatte um Elif Eralps ehemalige
       Mitgliedschaft noch dazugekommen? 
       
       Brückner: Es sind in kürzester Zeit mindestens 500 Menschen beigetreten,
       sodass wir jetzt in etwa 21.000 Mitglieder haben. Genau können wir das gar
       nicht sagen, weil wir auf diesen Ansturm nicht vorbereitet waren und immer
       noch dabei sind, die Beitrittsformulare abzuarbeiten.
       
       taz: Finanzieren Sie sich rein über Ihre Mitglieder? 
       
       Brückner: Fast nur: Es gibt ab und zu auch Spenden in kleinerem Umfang,
       aber das ist im Vergleich zu den Beiträgen unbedeutend.
       
       taz: Sie unterstützen linke Aktivisten, die in Ihren Augen politisch
       verfolgt werden, mit Geld und indem Sie auf diese Fälle aufmerksam machen.
       Wie entscheiden Sie, wen Sie unterstützen und wen nicht? 
       
       Brückner: Grundsätzlich halten wir gemäß [1][unserer Satzung] alle linken
       Aktivitäten für unterstützenswert. Der Bundesvorstand entscheidet, ob die
       Voraussetzungen dafür im Einzelfall gegeben sind. Wir sind aber ein sehr
       heterogener Verein mit verschiedenen Meinungen, deswegen gibt es immer
       wieder auch Streitpunkte. Gerade wenn es um grenzwertige Beleidigungen
       geht: Sexistische, rassistische oder antisemitische Bemerkungen sind
       mindestens ein Grund dafür, die Mittel zu kürzen oder ganz abzulehnen.
       
       taz: Was sind die häufigsten Vorwürfe gegen die Menschen, die sie
       unterstützen? 
       
       Brückner: Das ist sehr breit gefächert. Die Leute, die Anträge stellen,
       kommen aus der Klimagerechtigkeitsbewegung, aus der antifaschistischen
       Bewegung oder aus Gewerkschaften – also aus sehr unterschiedlichen Ecken.
       Meistens geht es um Auseinandersetzungen auf Demonstrationen. Die
       Aktivisten werden beschuldigt, Widerstand gegen Polizisten geleistet oder
       sie beleidigt zu haben. Polizisten fühlen sich ja sehr schnell beleidigt.
       
       taz: Warum lassen Sie Beschuldigte, die sich für Ihre Taten entschuldigen
       oder mit dem Staat kooperieren, fallen? 
       
       Brückner: Wir lassen in der Regel keine Beschuldigten fallen, aber kürzen
       zum Beispiel Mittel. Wir sehen Distanzierungen nicht gerne, weil es
       meistens dazu führt, dass Mitangeklagte im Regen stehen gelassen werden.
       Wir sind ein Solidaritätsverein und erwarten, dass sich Angeklagte so
       verhalten, dass niemand anderes reingeritten wird.
       
       taz: Sie solidarisieren sich auch mit Gewalttäter:innen wie Lina E.
       oder Daniela Klette, die mutmaßlich Teil der RAF war. Rechtfertigt das
       politische Motiv jede Tat? 
       
       Brückner: Nein, sicherlich nicht, darum kann es aber auch nicht gehen. Wir
       haben uns als Rote Hilfe dazu entschieden – über die Grenzen der genannten
       politischen Kriterien hinaus –, keine Tatvorwürfe zu bewerten. Weil wir
       sonst sehr schnell in die Rolle eines Schiedsrichters kommen, was wir nicht
       sind und nicht sein können. Aktivist:innen müssen selbst entscheiden,
       was für sie richtig und was für sie falsch ist.
       
       taz: Es gibt Pflichtverteidiger, trotzdem solidarisieren Sie sich bewusst
       mit Menschen wie Lina E. – die wegen gefährlicher Körperverletzung gegen
       Rechtsextreme verurteilt wurde. 
       
       Brückner: Eine Gegenwehr gegen faschistische Horden, nicht nur im Osten,
       ist an sich eine sehr notwendige Sache und würden wir eher als Notwehr
       interpretieren. Über die Mittel kann man sich immer streiten. Eine
       Pflichtverteidigung kann in solchen Fällen überhaupt nicht ausreichen.
       
       taz: Der Verfassungsschutz beobachtet Sie und bezeichnet Sie als „die
       größte und eine der wichtigsten Gruppierungen im deutschen
       Linksextremismus“. Teilen Sie die Einschätzung? 
       
       Brückner: Was soll man dazu sagen. Wir nehmen den Verfassungsschutz nicht
       als ernstzunehmende Institution wahr, die in einem neutralen Sinne agiert.
       Die Behörde ist seit ihrer Gründung von nationalsozialistischer
       Geisteshaltung umweht. Die Erwähnung im Verfassungsschutzbericht können wir
       aber wahrscheinlich nicht anfechten.
       
       taz: Nehmen Sie die Einschätzung des Verfassungsschutzes bezüglich der AfD
       genauso wenig ernst? 
       
       Brückner: Ja, das nehme ich persönlich ähnlich wenig ernst. Wir sind aber
       eine heterogene Organisation, manche Mitglieder werden dazu eine andere
       Meinung haben.
       
       taz: Ihr Vorgänger [2][sagte vor zwei Jahren in der taz], er habe den
       Eindruck, dass die Rote Hilfe im linksliberalen Spektrum immer mehr an
       Akzeptanz gewinne. Stimmt dieser Eindruck nach den jüngsten Debatten noch? 
       
       Brückner: Das gesamte politische Klima hat sich nach rechts verschoben,
       wenn sogar eine sozialdemokratische Partei wie die Linke dermaßen
       angegriffen wird. Wir als Rote Hilfe sind natürlich auf der linken Seite
       des politischen Spektrums zu verorten. Die vielen neuen Mitglieder
       signalisieren, dass wir weit über eine kleine linksradikale Klientel hinaus
       akzeptiert werden.
       
       9 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://rote-hilfe.de/ueber-uns/satzung
 (DIR) [2] /Vorstand-ueber-100-Jahre-Rote-Hilfe/!6039236
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pascal Maier
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Rote Hilfe
 (DIR) Elif Eralp
 (DIR) Die Linke in Berlin
 (DIR) Aktivismus
 (DIR) Solidarität
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Neue Vorwürfe gegen Elif Eralp: Die Rote Hilfe ist wichtiger denn je
       
       Eine linke Juristin war Mitglied einer linken juristischen Organisation, wo
       ist der Skandal? Elif Eralp muss sich für nichts schämen – im Gegenteil.
       
 (DIR) Antifaschistin in Haft: Lina E. geht juristisch gegen Beugehaft vor
       
       Die Antifaschistin Lina E. wurde zuletzt in Beugehaft genommen, nun
       bestätigte der BGH die Maßnahme. Die Leipzigerin legt Verfassungsbeschwerde
       ein.
       
 (DIR) 100 Jahre Rote Hilfe: Der Anwalt der Unterdrückten
       
       Der Rote-Hilfe-Strafverteidiger Hans Litten machte sich einen Namen als
       Anwalt von Opfern von Nazi- und Polizeigewalt und nahm sogar Hitler in die
       Zange.