# taz.de -- Schulstreik in Frankreich: Klassenkampf in Frankreich
> Frankreichs Innenminister trifft Vertreter der protestierenden
> Schülerschaft. Aber eine Einigung ist nicht in Sicht.
(IMG) Bild: Melden sich zu Wort: Schüler*innen protestieren in Grenoble
Ein Ende der [1][französischen Schülerproteste] ist vorerst nicht in Sicht.
Auch erste Gespräche mit Erziehungsminister Édouard Geffray brachten am
Freitag keine Annäherung. Vertreter von Schülerorganisationen und
Gewerkschaften berichteten nach dem Treffen im Ministerium, Geffray habe
vor allem versucht, Stimmung und Kräfteverhältnisse innerhalb der
Protestbewegung auszuloten. Konkrete Vorschläge, die auf ihre Forderungen
eingehen, habe er dagegen nicht gemacht.
Seit Ende September protestieren Schülerinnen und Schüler in französischen
Städten gegen miserable Bedingungen an den Schulen und geplante
Budgetkürzungen.
Dabei hat sich die Auseinandersetzung zwischen Jugendlichen und Polizei
innerhalb weniger Tage massiv zugespitzt. Allein am Donnerstag, einem
vorläufigen Höhepunkt der Protestbewegung, wurden nach Angaben des
Innenministeriums 305 Polizisten und Gendarmen verletzt, die meisten durch
Wurfgeschosse. In Belfort wurde ein Polizist in Zivil zusammengeschlagen.
Zwei Jugendliche wurden daraufhin festgenommen. Die Justiz wirft ihnen
versuchten Totschlag vor.
Die Behörden reagierten auf die Proteste mit einem massiven Polizeiaufgebot
und Tausenden Festnahmen. Seit Ende September wurden laut Le Figaro rund
5.000 Jugendliche festgenommen, 90 Prozent von ihnen minderjährig – teils
wegen Teilnahme an Protestaktionen, teils als Schaulustige am Rande.
Beendet hat das die Protestbewegung bislang nicht.
Die Behörden machen für die Gewalt in erster Linie außenstehende „Casseurs“
(Randalierer und Provokateure) verantwortlich, beschuldigen aber auch die
Linkspartei La France insoumise, mit ihren Appellen und ihrer aktiven
Unterstützung Öl ins Feuer zu gießen und explizit die Eskalation der Gewalt
in Kauf zu nehmen. Der frühere Innenminister und Präsidentschaftskandidat
der Konservativen, Bruno Retailleau, forderte in diesem Zusammenhang ein
Verbot der Partei von Jean-Luc Mélenchon.
## „Unverhältnismäßige Gewalt“
Umgekehrt wird auch über eine „unverhältnismäßige Gewalt“ der Polizei bei
den Ordnungseinsätzen diskutiert. Mindestens 170 Jugendliche und 65
Personen aus den Reihen des Schulpersonals wurden ebenfalls verletzt,
einige davon schwer. In Tours hat ein Schüler, der von einer Polizeigranate
getroffen wurde, ein Auge verloren. In der Stadt Saint-Ouen-l’Aumone im
Nordwesten von Paris erlitt ein 16-Jähriger durch eine angeblich aus
nächster Nähe abgefeuerten Tränengasgranate einen doppelten Kieferbruch.
Videos auf den Netzwerken schockieren nicht nur Jugendliche, sondern auch
manche Eltern, die nun vor den Schulen ihre Kinder schützen wollen.
Der Soziologe Sebastien Roché, der sich für das Nationale Forschungszentrum
CNRS mit Polizei und Sicherheitsfragen befasst, kritisiert auf X: „Seit
Langem gab es nicht mehr so viel gravierende Polizeigewalt“ in Frankreich.
Dass die Gewalt in diesem Konflikt unerwartet rasch eskalierte, meint auch
auf dem öffentlich-rechtlichen Sender France-Info der Polizeibeamte Rudy
Manna, der auf eine 30-jährige Dienstzeit zurückblickt: „Ich kann mich
nicht an eine solche Gewalt, die sich in dieser Weise im Land ausbreitet,
erinnern. Auch Polizisten sind Familienväter, das macht es extrem
kompliziert für uns, wenn wir vor uns sehr junge Lümmel haben, die keine
Skrupel haben.“
Die Debatte über angemessene Mittel bei den Ordnungseinsätzen, bei der das
Innenministerium Vorwürfe von Polizeigewalt systematisch in Abrede stellt,
erinnert in Frankreich an die Bewegung der Gelbwesten 2018/2019.
Problematisch erscheinen gewisse von den Ordnungskräften massiv eingesetzte
Waffen (Gummigeschosse und diverse Granaten), die eigentlich nur als Ultima
Ratio verwendet werden sollen, jetzt aber fast zu jeder Auflösung von
protestierenden Ansammlungen oder gar zur präventiven Einschüchterung
dienen – in diesem Fall aber gegen sehr junge Demonstrierende, die oft
gerade mal 14 oder 15 Jahre alt sind.
Alles deutete am Wochenende darauf hin, dass die Bewegung mit Blockaden vor
den Mittelschulen und Demonstrationen in der beginnenden Woche weitergehen
und vermutlich noch an Kraft zulegen dürfte. Denn am Dienstag wollen die
Jugendlichen der Lycées (Oberstufe der französischen Mittelschule) am
landesweiten Streik an der Seite der Staatsbeamten und -angestellten
demonstrieren.
In vielen Punkten überschneiden sich ihre Interessen und Forderungen. Für
die Regierung bedeutet dies, dass sie womöglich vor einem wesentlich
breiteren Sozialkonflikt steht, bei dem es vordergründig um einen
Sparhaushalt für 2027, im Kern aber um die Verteidigung des französischen
Sozialmodells auch für zukünftige Generationen geht.
Bildungsminister Geffray kündigte Sonntagnachmittag im Rundfunk an, dass am
Montag in 400 bis 500 Schulen der Unterricht ausfalle, weil die nötigen
Sicherheitsbedingungen nicht gegeben sein.
4 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Rudolf Balmer
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