# taz.de -- Maricarmen im Krankenhaus gestorben: Tod nach Zwangsräumung
> Kurz bevor sie ihren neuen Mietvertrag unterzeichnen konnte, ist die
> Rentnerin Maricarmen gestorben. Das Mietenthema dürfte nun den Wahlkampf
> prägen.
(IMG) Bild: Einleuchtende Trauerbekundungen für Maricarmen Abasacal in Madrid: Die Rentnerin wurde zum Protestsymbol der Mieterbewegung
Maricarmen ist tot. Am Mittwochabend gegen 19.30 Uhr verstarb die
87-jährige Rentnerin, deren Zwangsräumung vor zwei Wochen die
Massenproteste für bezahlbaren, würdigen Wohnraum in Spanien ausgelöst
hatte, in einem Krankenhaus in Madrid. Dort war die gehbehinderte Frau
eingeliefert worden, nachdem sie unter Einsatz der Polizei und gegen die
Proteste von Nachbarn und Mitglieder der Mieterinnengewerkschaft auf einer
Krankentrage aus der Wohnung geschafft wurde, in der sie seit 70 Jahren
gelebt hatte. Wegen starker Erschöpfung blieb sie im Krankenhaus unter
Beobachtung.
Erholt hat sich María del Carmen Abascal, so der vollständige Name, nicht
wieder. Sie verstarb nur wenige Stunden bevor sie erneut einen Mietvertrag
für ihre alte Wohnung bekommen sollte. Der Immobilienfonds, der sie
hinausgeklagt hatte, lenkte unter dem Druck der Proteste vor wenigen Tagen
ein.
„Die Spekulation und das Geschäftsmodell der Vermietung töten in unserem
Land täglich Menschen. Mit jedem per Einschreiben zugestellten
Räumungsbescheid, jeder Mieterhöhung und jeder Schikane durch Vermieter
werden unsere Gesundheit und unser Leben zerstört. Heute hat dieses
Geschäftsmodell unserer Mitstreiterin Maricarmen endgültig das Leben
gekostet“, gab Alicia del Río, Sprecherin der Mieterinnengewerkschaft, die
Maricarmen sieben Jahre lang juristisch betreut hatte, ihr Ableben bekannt.
## Schweigeminute im Protestcamp
Kaum war die Nachricht in der Welt, hielten die Menschen im Protestcamp an
der Madrider Puerta del Sol eine Schweigeminute ab. Anschließend zogen
Hunderte zum nahegelegenen Parlament. „Maricarmen lebt, der Kampf geht
weiter“, riefen sie, dort wo die rechte Opposition vor einer Woche zwei
Gesetzespakete zur Reform des Mietmarktes verhindert hatte.
[1][Die Regierung des Sozialisten Pedro Sánchez setzte daraufhin Neuwahlen
für den 29. November an.] „Wir kämpfen weiter, wie du das immer wolltest“,
erklärte die sichtlich betroffene del Río. Vor etwas mehr als einer Woche
hatte Maricarmen aus dem Krankenhaus noch eine Videobotschaft an die
Protestierenden gerichtet: „Habt Mut, verteidigt, was euch gehört.“
Die Mieterinnengewerkschaft ruft für Donnerstagabend zu einem Gedenkmarsch
vom Protestcamp zum Haus, in dem Maricarmen wohnte, auf. Außerdem wird für
den 11. November, nur drei Tage vor Beginn des Wahlkampfes, zum
Generalstreik für bezahlbaren Wohnraum aufgerufen, angemeldet von den
großen Gewerkschaften. Es ist der erste Generalstreik seit 14 Jahren.
Die Reaktionen auf den Tod von Maricarmen ließen nicht auf sich warten. Die
Presse, egal welcher politischer Couleur, würdigte die Rentnerin als
„Symbol für einen Kampf“. Regierungschef Sánchez drückte in den sozialen
Netzwerken sein Beileid aus und beteuerte, dass der Tod „uns alle
persönlich betrifft“. „Dein Kampf hat in ganz Spanien Menschen
wachgerüttelt und eine Lunte entzündet, die nicht mehr zu löschen ist“,
würdigte die linksalternative Gesundheitsministerin Mónica García. Der
Sprecher der Republikanischen Linken Kataloniens Gabriel Rufián fand nur
wenige Worte für die Opposition, die das Mietengesetz verhindert hatten:
„Was für Hurensöhne!“, schrieb er auf X.
## Die Rechtsextremen sprechen ihr Beileid aus
Der Vorsitzende der größten Oppositionspartei, der konservativen Partido
Popular, sprach der Familie sein Beileid aus und verlangte: „Keine
Kampagnen, keine Parteien, keine eigennützige Instrumentalisierung.“ Die
rechtsextreme VOX hat eine ganz besonders absurde und beleidigende Lesart
des Falles Maricarmen. Sie wirft der Regierung Sánchez vor, Maricarmen
„ermordet“ zu haben. „Skrupellos haben sie das Leid eines alten Menschen
ausgenutzt, um eine Kampagne zu inszenieren, die die Verantwortung der
Regierung für das Wohnungsdesaster verschleiern sollte“, schreibt die
neofranquistische Partei. Ein EU-Abgeordneter verlangte gar eine Obduktion,
denn Sánchez sei zu allem fähig.
Im Regionalparlament der Hauptstadtregion nutze die PP ihre Mehrheit, um
eine Schweigeminute im Plenarsaal zu untersagen. Die linke Opposition hielt
diese vor der Tür ab.
## Die Wohnungsfrage wird Wahlkampfthema Nummer 1
Mit dem Tod von Maricarmen ist die Wohnungsfrage wohl endgültig zum
[2][Hauptthema des Wahlkampfes] geworden. Die Linke hofft, mit dem
Mietenthema und allen Umfragen zum Trotz erneut an die Regierung zu kommen.
Sánchez hat auch deshalb die beiden abgelehnten Gesetze erneut im Amtsblatt
veröffentlicht: Zwangsräumungen sollen ausgesetzt, die Mieten gedeckelt und
den Immobilienfonds weitere Zukäufe untersagt werden.
Damit die Gesetzentwürfe gültig bleiben, müssen sie innerhalb von 30 Tagen
vom Parlament für gutgeheißen werden. Da dieses aufgelöst wurde, muss die
ständige Vertretung des Parlaments entscheiden. Dort haben die Befürworter
zumindest von Teilen der Reform eine knappe Mehrheit. Diese Abstimmung wird
nur wenige Tage vor dem Generalstreik stattfinden. Nach dem Streik beginnt
die heiße Phase des Wahlkampfes.
8 Oct 2026
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(DIR) Reiner Wandler
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