# taz.de -- Wohngeldkürzungen: Bundestag debattiert „im Schutz der tiefen Nacht“
> Nach Mitternacht diskutierten Abgeordnete im Bundestag die geplante
> Wohngeldkürzung. Die Bauministerin verteidigte ihre Pläne, Grüne und
> Linke sind empört.
(IMG) Bild: Frau Hubertz allein im Haus. Wohngelddebatte in der Nacht zu Freitag, 9. Oktober 2026
20 Minuten sind insgesamt angesetzt, es ist 0.30 Uhr in der Nacht von
Donnerstag auf Freitag, die Sitzreihen im Plenarsaal sind sichtlich
ausgedünnt, die [1][Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD)] tritt ans
Rednerpult. Die erste Lesung zur geplanten Reformierung des Wohngeldes ist
einer der letzten Tagesordnungspunkte.
„Wir haben in Deutschland zu wenig bezahlbaren Wohnraum. Und die Wurzel des
Problems ist, dass zu wenig neuer Wohnraum gebaut wird“, sagt Hubertz zu
Beginn. Was wie das übliche Wohnungsbaugeplänkel klingt, ist im Prinzip
eine Verteidigungsrede. Denn das Bauministerium, das wie alle Ministerien
Sparvorgaben von Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) erfüllen muss, möchte
den Rotstift [2][ausgerechnet beim Wohngeld ansetzen.] Der Fokus des
Bauministeriums bleibe beim Bauen, unter dem „Konsolidierungsdruck“ müsse
sie priorisieren, argumentiert Hubertz. Die Wohngeldkürzung sei in der
jetzigen Situation „der einzig gangbare Weg“.
Offiziell trägt das Vorhaben den Namen „Vereinfachung und Fortentwicklung
des Wohngeldgesetzes“, es gibt auch tatsächlich ein paar
Verwaltungsvereinfachungen, es handelt sich aber vor allem um eine massive
Kürzung. Laut Gesetzentwurf sollen Bund und Länder im kommenden Jahr
jeweils 738 Millionen Euro einsparen, eine Milliarde Euro jeweils dann ab
2028.
Doch über diese Entscheidung sind [3][nicht alle
Sozialdemokrat*innen glücklich.] Denn auf das Wohngeld sind viele
Rentner*innen, Alleinerziehende und Familien angewiesen.
SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf hat das Vorhaben schon mehrfach
kritisiert. Es gab einen Brandbrief von den SPD-Chefs in Berlin und
Schleswig-Holstein. Auch der Bundesrat mahnte in einer Stellungnahme an,
dass mit den Plänen „die Entlastungswirkung für einkommensschwache
Haushalte“ geschwächt werde. Der Unmut ist groß. In der Bevölkerung und in
den eigenen Reihen.
## Kein Gewinnerthema
„Niemanden fallen diese Einsparungen leicht“, versucht Hubertz zu
besänftigen. „In den parlamentarischen Beratungen zum Haushalt wird das
auch noch intensiv besprochen, das unterstütze ich.“ Das kann durchaus als
Andeutung verstanden werden, dass vielleicht noch nicht alles in Stein
gemeißelt ist. Wohngeldkürzung ist kein Gewinnerthema für die SPD, so viel
ist sicher. Der staatliche Zuschuss richtet sich an Menschen, die wenig
verdienen und mit hohen Mieten zu kämpfen haben. [4][1,3 Millionen
Haushalte haben 2025 Wohngeld bezogen.]
Jan-Marco Luczak, baupolitischer Sprecher der Union, redet in seiner Rede
zwar viel über Haushalt, Schulden und Zinsen, stimmt aber vergleichsweise
sanfte Töne an. Es sei wichtig, „die Menschen, die Wohngeld beziehen, auch
künftig nicht allein zu lassen.“ Wie, erklärt er allerdings nicht.
Die Oppositionsparteien geben sich damit nicht zufrieden. Die grüne
[5][Bundestagsabgeordnete Mayra Vriesema] schaut auf die Uhr, als sie ans
Redepult geht. „20 Minuten nachts um halb eins, so viel sind Ihnen die
Sorgen von ungefähr 1 Million Haushalte wert“, wirft sie der schwarz-roten
Koalition vor. Zu dieser späten Zeit sollten die Leute nichts mitbekommen
vom Kürzungswahn beim Wohngeld, aber die Leute wüssten Bescheid. „Sie
kürzen ohne Rücksicht auf Verluste, außer bei den Ölkonzernen.“ Vriesema
fordert Schwarz-Rot auf, die Pläne beim Wohngeld wieder zurückzunehmen, das
mache Rentner*innen und Familien [6][Angst vor Wohnungslosigkeit.]
Auch Sahra Mirow, Sprecherin für soziales Wohnen in der Linksfraktion,
beschwert sich über die späte Uhrzeit, die Presse sei schon weg. (Die erste
Lesung ließ sich aber auch von zu Hause aus im Livestream des Bundestags
verfolgen und hier kann [7][man sie nachschauen.)] „Sie legen die Debatte
zur Wohngeldkürzung in den Schutz der tiefen Nacht, weil Sie sich schämen
und Sie sollten sich auch schämen“, sagt Mirow und warnt vor gravierenden
Folgen: Weniger Wohngeld könne zu Mietrückständen, zu Kündigungen und
Wohnungsverlust führen. „Das ist Ihre Antwort auf die Mietenkrise: Sie
kürzen bei denen, die sich die Miete heute schon nicht leisten können.“
Eine solche Politik würde auch eine Faschisierung der Gesellschaft
vorantreiben – worauf im Saal etwas protestiert wird. Aber für eine
ausführliche Diskussion bleibt eben keine Zeit.
## Um was geht es konkret?
Mit der geplanten Reform wird die Wohngeldformel geändert und die Anpassung
an Inflation und Mietpreisentwicklung ausgesetzt. Die Kürzungen betreffen
grundsätzlich alle künftigen Wohngeldhaushalte. Doch wer wie viel weniger
bekommt, lässt sich nicht pauschal beantworten, weil das Wohngeld
individuell berechnet wird – es richtet sich unter anderem nach Einkommen,
Miethöhe und Wohnort. Etwa ein Drittel der bisherigen Haushalte wird laut
Bundesbauministerium künftig kein Wohngeld mehr beziehen können. Das trifft
zum einen diejenigen am oberen Rand, die aufgrund ihres Einkommens bislang
gerade so noch antragsberechtigt sind. Zum anderen werden Haushalte am
unteren Rand in die Grundsicherung rutschen – was dann auch zu Mehrausgaben
im Bundesarbeitsministerium führen wird.
Eigentlich wurde das Wohngeld in der Ampelregierung unter der damaligen
Bauministerin Klara Geywitz (SPD) umfassend reformiert, sodass der
Empfängerkreis erheblich ausgeweitet wurde. Diese Reform, die von der SPD
als historischer Erfolg gefeiert wurde, soll im Prinzip jetzt ein Stück
weit zurückgedreht werden. Damals wurde auch eine sogenannte
Heizkostenkomponente eingeführt, um Menschen bei steigenden Energiekosten
zu entlasten – diese soll jetzt halbiert werden.
9 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Bauministerin-Verena-Hubertz/!6095515
(DIR) [2] /Die-Haushaltsplaene-von-Verena-Hubertz/!6173758
(DIR) [3] /Kuerzungen-beim-Wohngeld/!6194470
(DIR) [4] https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Soziales/Wohngeld/_inhalt.html
(DIR) [5] /Nachfolgerin-von-Robert-Habeck/!6109512
(DIR) [6] /Kuerzungen-beim-Wohngeld/!6190007
(DIR) [7] https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2026/kw41-de-wohngeldgesetz-1217564
## AUTOREN
(DIR) Jasmin Kalarickal
## TAGS
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(DIR) Verena Hubertz
(DIR) Wohnungsnot
(DIR) Reden wir darüber
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