# taz.de -- Maxim Biller über Gegenwartsliteratur: Was mich wütend macht
       
       > In den Feuilletons nehmen Respektbekundungen gegenüber dem Kunstgewerbe
       > immer mehr Platz ein. Doch wo bleiben die Hymnen auf die wirklich großen
       > Autoren?
       
 (IMG) Bild: Johannes Mario Simmel an seinem Schreibtisch, 1985 in Zug, in der Schweiz
       
       Kennen Sie Simmel? [1][Johannes Mario Simmel] aus Wien, dessen deutsche
       Mutter ihm 1938 das Leben rettete, weil sie den Nazis erzählte, er sei gar
       nicht der Sohn eines hakennasigen jüdischen Vaters, sondern ein arisches
       Sex-Kuckucksei? Der Davongekommene schrieb nach Hitlers Tod Drehbücher, war
       mäßig bekannter Boulevard-Journalist. Und hackte so lange auf seine
       Reiseschreibmaschine ein, bis 1960 ein Megaseller fertig war, ein Agenten-
       und Kolportageroman, süßlich, spannend, politisch engagiert, literarisch
       ohne Wert.
       
       Danach spuckte Simmels Schreibmaschine einen moralinsauren Groschenroman
       nach dem anderen aus, die ihm ein Millionenvermögen einbrachten und die
       Verachtung der Highbrow-Literaturkritik. Bis ihn im Oktober 1987 der
       FAZ-Rabauke [2][Frank Schirrmacher] in einem Buchmessenaufmacher
       überraschend in den großen Kanon aufnahm. Simmel, schrieb er, sei
       „schneller, böser und schärfer als das öffentliche Bewusstsein“, der
       begabte Erkunder „der nationalen Seele“. Den Ärger, den beide mit dem
       Beton-Feuilleton kriegten, kann man sich vorstellen.
       
       Warum ich in diesen [3][feierlichen Buchmesse-Tagen] auch über Simmel reden
       will? Weil ich der Anti-Schirrmacher bin! Weil heute Schriftstellern, die
       keine Schriftsteller sind, bestenfalls geld-, kitsch- und
       wirklichkeitsgierige Schreibautomaten, von der blasierten Literaturkritik
       das Tor zum Elfenbeinturm so weit geöffnet wird wie noch nie – also
       ausgerechnet von dem Rezensententypus, der einst so sauer auf das
       FAZ-Wunderkind war. Und weil inzwischen Schirrmachers Simmel-Disruption
       genauso vergessen ist wie Simmels Bücher, Name, Erfolg.
       
       Wie beides zusammenhängt? Müll bleibt Müll und verrottet früher oder später
       ohnehin. Und Kritiker, die von ihrer eigenen Gravitas gelangweilt sind und
       darum etwas vom Glanz berühmter Unterhaltungsautoren abbekommen wollen,
       vergeuden nur ihre Zeit.
       
       ## Kafka-Parabel für Blöde
       
       Auf meinem Schreibtisch liegt seit Wochen ein Roman der berüchtigten
       [4][Frau Wahl.] Ist sie unsere Sagan? Ein weiblicher Simmel? Ich habe
       versucht, dieses Buch zu lesen, einmal, zweimal, umsonst. Der
       tagtraumhaft-klebrige Konflikt Mädchen gegen Mann, Insta-Karrieristin gegen
       Arschloch-Boomer ist eine Art Kafka-Parabel für Blöde, die Max Brod
       bestimmt verbrannt hätte. Da verbirgt sich nichts zwischen den Zeilen, wie
       es bei echter Literatur sein soll, kein Geheimnis, keine Poesie.
       
       Dass Wahls „Romane“ regelmäßig eine Full-Scale-Rezeption unseres
       Feuilletons erfahren, ist lächerlich. Und der Höhepunkt einer
       Trivialrevolution, die sogar schon die Seminare erreicht hat. Oder warum
       wurde neulich einem solchen Groschenheftwerk von der Uni Siegen als
       germanistische Unterwerfungsgeste eine zweitägige Tagung geschenkt?
       Ebenfalls aus Angst vor Bedeutungsverlust in unserer modernen,
       anti-intellektuellen Meta-Welt, vermute ich.
       
       Ist Wahl allein das Problem? Natürlich nicht. Siehe [5][Heinz „Bling,
       bling“ Strunk], der gestern noch als Non-Comedian im humorlosen Hamburg für
       seine Humorlosigkeit gefeiert wurde. Seine provinzielle Prollprosa gewinnt
       einen seriösen Literaturpreis nach dem anderen und verkauft sich fast so
       gut wie Melville und Proust erst Jahrzehnte nach ihrem Tod. Und woher kommt
       der Respekt für den charmanten Herrn Kehlmann und seine als historische
       Romane getarnte Mantel-und-Degen-Prosa, oft mit einem Schuss Naziporno
       versehen? Wie ernst kann man Nelio Biedermanns Kakanien-Träumereien nehmen,
       so schwülstig und banal, wie es die Romane seines Vorbilds Joseph Roth nie
       waren?
       
       ## Bewohnerin des Hinterlands
       
       Und haben Sie schon mal versucht, [6][Juli Zeh zu lesen, die als
       freiwillige Bewohnerin des ostdeutschen Hinterlands] ebenfalls ihre Leser
       mit klischeehaften Anti-Klischees und der verlotterten Sprache einer
       erfolgsbesoffenen Bestsellerautorin füttert? Ganz zu schweigen vom
       Gastarbeiter-Kitsch einer Fatma Aydemir und aller anderen literarischen
       Heulsusen aus ihrer opportunistischen Migranten-Kohorte. „Dichterische
       Seinserhellung“ nennt Gero Wilpert in seinem legendären „Sachwörterbuch der
       Literatur“ die Aufgaben und Attribute echter Prosa. Bei all diesen Autoren
       findet man sie nicht.
       
       Was mich so wütend macht: Unterhaltungs- und Trivialliteratur gab es schon
       immer, nicht erst, seitdem Schirrmacher Simmel adeln wollte und zum Glück
       scheiterte. Heute nehmen aber, wie gesagt, die Respektbekundungen gegenüber
       dem literarischen Kunstgewerbe immer mehr Platz ein, in Feuilletons,
       Podcasts, Masterarbeiten. Also überall dort, wo eigentlich nur die echten
       Künstler, Magier und großen Erzähler geehrt und wiedergekäut werden
       sollten, Tag und Nacht, Ausgabe für Ausgabe, vor allem die, deren Rang man
       von heute aus noch nicht so leicht erkennen kann.
       
       Doch wo bleiben die Hymnen auf Robert Walser, die Debatten über den großen
       Peter Weiss und seine unpolitischen Polit-Epen? Wer erinnert sich und
       andere an den großen Modernisten und Kosmopoliten Wolfgang Koeppen, wer
       schreibt sich die Finger wund mit Hymnen auf Soma Morgenstern, Joseph Roths
       Freund und vergessenen galizischen Tschechow? Wenn aber erst einmal die
       Erinnerung an die großen Dichter erloschen ist, bestimmen auf Jahre und
       Jahrzehnte die elenden Skribenten das große Bild.
       
       Und darum schlage ich heute – in den feierlichen Tagen der großen Buchmesse
       zu Frankfurt am Main – vor, dass wir unsere Bestsellerlisten neu sortieren.
       Die Idee ist ganz einfach und extrem wirksam und erhellend: Es gibt dann
       ein Leiterchen für Schund. Und eins für Literatur. Damit nicht einmal mehr
       der dümmste Literaturkritiker durcheinanderkommt.
       
       7 Oct 2026
       
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