# taz.de -- Entgegnung auf Maxim Biller: Wer nicht lesen kann, muss schweigen
       
       > Die Krise der Literaturkritik hat Maxim Biller per Pamphlet ausgerufen.
       > Anstatt sie zu retten, führt er sie aber auf einen Holzweg.
       
 (IMG) Bild: Denn, so lautet das einzige unumstößliche Gesetz der Literaturkritik: Was ich nicht gelesen habe, kann ich nicht besprechen
       
       Vielleicht sollte man [1][das Pamphlet Maxim Billers „Was mich wütend
       macht“] einfach auf sich beruhen lassen, in dem er in der letzten Woche
       sein Leiden am Literaturbetrieb zur Schau stellte, als dessen alerter
       Akteur er sonst auftritt. Seltsam. Es hat keinen Zweck, sich auf seine
       allein aus Ressentiment und Neid gespeiste Kolleg*innenschelte
       einzulassen. Denn, so lautet das einzige unumstößliche Gesetz der
       Literaturkritik: Was ich nicht gelesen habe, kann ich nicht besprechen.
       „Ich habe versucht, dieses Buch zu lesen, einmal, zweimal, umsonst“, teilt
       hingegen Biller mit, um mit dieser Rezeptionsverweigerung sein Urteil über
       den „Roman der berüchtigten Frau Wahl“ zu begründen.
       
       Lautstark und möglichst vernichtend über Bücher zu urteilen, die man nicht
       gelesen hat, ist unredlich – und daher unproduktiv. Ebenso sinnlos scheint
       es, sich über den halluzinierten Ärger Gedanken zu machen, den Frank
       Schirrmacher 1987 bekommen habe. Denn in Wirklichkeit war ja das der FAZ
       seinerzeit [2][keineswegs das einzige Großfeuilleton], das die
       Verriss-Erwartungen enttäuschte: Auch Die Zeit, Süddeutsche und der
       Berliner Tagesspiegel hatten Johannes Mario Simmels gegenwartsdiagnostische
       Qualitäten beim Erscheinen von „Doch mit den Clowns kamen die Tränen“
       gelobt – und selbstredend seinen Stil und sein schematisches Plotting
       bemängelt.
       
       Das nachzuprüfen mag pedantisch sein, schon wahr. Aber Maxim Biller strickt
       daraus die Urszene eines Niedergangs, der ihm zufolge nun, also „heute“, im
       Bankrott der Literaturkritik gemündet wäre. Dieser Befund leuchtet wenig
       ein. Entschiedene Ablehnung aber verdient Billers Gegenbild: Er sähe sie
       gern wieder mehr als autoritäre Torwächterin, die „nur die echten Künstler,
       Magier und großen Erzähler“ durchlässt und im Anschluss gottesdienstartig
       lobt und preist. Apodiktische Urteile und Geniekult kann Tiktok besser und
       schneller. Das Feuilleton hat seine Stärken eher in der Reflexion.
       
       ## Der verbindliche Maßstab
       
       Die ist notwendig, weil eben ein verbindlicher Maßstab für literarische
       Qualität zum Glück von niemandem ernsthaft behauptet werden kann. Auch
       Biller klärt die Frage nach ihr durch die extensive Nutzung des pimmeligen
       Adjektivs „groß“, also durch blankes Behaupten. Und um die Echtheit von
       Künstlern zu zertifizieren, empfiehlt er den Blick ins Nachschlagewerk. So
       hat er aus Gero von Wilperts ältlichem „Sachwörterbuch Literatur“ (1955)
       als vermeintliche Definition wahrerguterschöner Literatur das Schlagwort
       von der „dichterischen Seinserhellung“ geklaubt.
       
       Was konkret damit gemeint ist, kann niemand sagen, noch weniger natürlich,
       wie die zu detektieren wäre: per Eingebung? Sollte die Rezensentin als
       Pythia in Trance schauen, was sich im tiefen Textgrund erhellend entbirgt?
       Die raunende Floskel, die von Wilpert als Lexikograf nicht ersonnen,
       sondern ohne Quellenangabe einfach genutzt hat, klingt dabei so unangenehm
       wie unverkennbar nach Martin Heideggers „Einführung in die Metaphysik“ von
       1935, allerdings von völkischen Flecken gesäubert: Dieser Holzweg, so viel
       ist klar, läuft auf einen Kanon hinaus, der ganz entschieden das ist, was
       Maxim Biller an anderer Stelle so treffend als gojnormativ kritisiert hat.
       
       Nur wie kommen wir da wieder raus? Moderne Literatur – also so ab 1800 –
       hat die Abwesenheit eines außerliterarischen Wertmaßstabs, einer abstrakten
       Regel, nie als Mangel empfunden, sondern als Teil ihrer Verfasstheit
       verstanden. Sie lebt, wenn sie sich ihrer selbst bewusst ist,
       orientierungslos, vereinzelt, verstreut in der Unordnung der Welt: „Der
       Sinn für die wahren Werte fehlt mir seit jeher“, hat dieses produktive
       Chaos mal in schöner Entspanntheit die einzigartige, 1927 in Wien als
       Monika Boscowitz geborene, [3][Quebeker Autorin und
       Literaturwissenschaftlerin Monique Bosco] zusammengefasst. Mit mehr
       philologischem Ernst formuliert hat es [4][der Berliner
       Literaturwissenschaftler] Peter Szondi: „Die Texte geben sich als
       Individuen, nicht als Exemplare“; auch [5][sein Tod liegt nun schon 55
       Jahre zurück.]
       
       ## Die gefährdete Praxis des Lesens
       
       Daraus, dass Texte eben nicht zunächst als Beispiele einer Gattung
       einsortiert und bewertet werden können, folgt aber nun keineswegs die
       Preisgabe des Projekts einer literarischen Kritik. Im Gegenteil: Sie gehört
       zu ihr, als ein ihr eingeschriebener fast unerbittlicher Anspruch an die –
       gefährdete – Praxis des Lesens, den Biller so fatal unterläuft. Denn statt
       sie mit ewiger Wahrheit zu überwältigen, verlangt Literatur ihren
       Leser*innen „eine kontinuierliche Arbeit am Sinn“ ab, wie es [6][bei
       Jean Bollack heißt]. Erst aus der heraus kann sie Vorstellungen von ihrem
       eigenen Wert – auch vom Unwert – gewinnen.
       
       Der Clou: Auch dieses Literaturdenken, das geduldige Nachvollziehen – und
       lesende Neuschaffen – von Texten, wird auf einige Werke immer und immer
       wieder zurückkommen. Aber es ist weder darauf angewiesen, sie als Liste der
       100 wichtigsten Bücher aller Zeiten zu promoten, noch deren
       Schreiber*innen als Prophet*innen zu überhöhen. Stattdessen neigt es
       dazu, seinen Horizont zu erweitern. Lesen macht neugierig auf die
       Auslassungen, auf jene, die aus den Curricula ausgesondert wurden.
       
       Das ist letztlich der einzige ernst zu nehmende Impuls aus Billers Sermon:
       Dass sich das Feuilleton zugunsten des Erinnerns unabhängiger von den
       Neuerscheinungen machen könnte. „Die Welt verlangt danach, gekontert zu
       werden“, [7][hat die vor zehn Jahren gestorbene Ilse Aichinger einmal
       geschrieben].
       
       ## Das Gespräch mit den Toten, die uns umgeben
       
       Wenn der durchalgorithmisierte Buchmarkt die Welt ist, auf die sich
       Literaturkritik bezieht, dann bedeutet ihn zu kontern, besonders diejenigen
       Ereignisse aufzugreifen, die von der automatisierten Vorauswahl nicht
       erfasst werden, so wie die Neuausgabe der deutschen Übersetzung von „O
       Mundo em que vivi“ von der 1913 in Melle als Ilse Lieblich geborenen, als
       20-Jährige [8][auf der Flucht versehentlich im faschistischen Portugal
       gelandeten Autorin Ilse Losa], also „Die Welt in der ich lebte“. Für die
       ist der Wallstein Verlag noch längst nicht genug gerühmt worden.
       
       Aber das lässt sich ja nachholen. Denn ein grundsätzliches Defizit hat das
       deutsche Feuilleton da nicht. Auch wenn dieses Gespräch mit den Toten, die
       uns umgeben, sicher noch intensiver gesucht werden könnte: Die Zeiten, in
       denen Bücher aussortiert und sogar [9][als Schmutz und Schund gesetzlich
       verboten wurden,] liegen so lange nicht zurück. Wo aber intensiv verdrängt
       und ausgegrenzt worden ist, gibt es nachher wenigstens viel ans Licht zu
       bringen.
       
       12 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [4] https://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/we03/institut/Institutsgeschichte/index.html
 (DIR) [5] https://www.deutsche-biographie.de/gnd11862038X.html#ndbcontent
 (DIR) [6] /Der-Meister-des-Entzifferns/!272691&s=Jean+Bollack&SuchRahmen=Print/
 (DIR) [7] /Vergessene-Autorinnen-der-Gruppe-47/!5996363
 (DIR) [8] /Gefluechtet-in-die-Literatur/!5922034
 (DIR) [9] https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_zur_Bewahrung_der_Jugend_vor_Schund-_und_Schmutzschriften
       
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