# taz.de -- Wehrdienst in der russischen Armee: Energydrinks gegen die Einberufung
       
       > In Russland müssen auch offensichtlich untaugliche Männer Wehrdienst
       > leisten. Dann werden sie im Angriffskrieg in der Ukraine verheizt.
       
 (IMG) Bild: Ein russischer Wehrpflichtiger wird angehört. Es gibt kaum eine Möglichkeit, dem Wehrdienst und damit dem Krieg zu entkommen
       
       Die taz panterstiftung präsentiert unter [1][taz.de/unserfenster]jeden
       Mittwoch eine wöchentliche Auswahl aktueller Berichte aus russischen
       kritischen Medien. Mit diesem Projekt stärkt die taz panterstiftung
       unabhängigen Journalismus und ermöglicht es kritischen Redaktionen, ihre
       Arbeit auch unter schwierigen Bedingungen fortzuführen. 
       
       DOXA öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. Den ganzen
       Beitrag [2][finden Sie hier auf Russisch]. 
       
       Auch Russen, die ihren Grundwehrdienst leisten, sind am Krieg gegen die
       Ukraine beteiligt. Mittlerweile gibt das russische Verteidigungsministerium
       zu, dass Wehrpflichtige sogar in ukrainische Gefangenschaft geraten sind.
       DOXA hat mit Männern gesprochen, die 2025 und 2026 ihren Wehrdienst
       abgeleistet haben, und mit Wehrpflichtigen, die derzeit dienen. Was sie
       berichten, ist erschreckend.
       
       So wie Wlad. Er ist Student an einer Hochschule in einer russischen Region.
       Nach der Winterprüfungsphase im Jahr 2025 wurde er exmatrikuliert und
       erhielt bereits im Frühjahr einen Einberufungsbescheid. Er suchte nach
       Möglichkeiten, dem Wehrdienst zu entgehen, und beschloss, Bluthochdruck
       vorzutäuschen. Das ist für den Militärdienst ein Ausschlusskriterium.
       
       Seit 2024 gilt die Wehrpflicht für Männer im Alter von 18 bis 30 Jahren,
       der Grundwehrdienst dauert zwölf Monate. In den Tagen vor der ärztlichen
       Untersuchung trank Wlad jeden Morgen vier Tassen schwarzen Kaffee und
       mehrere Dosen Energydrinks, dazu trainierte er intensiv. Bei der
       Blutdruckmessung stemmte er die Füße zudem fest gegen den Boden, damit das
       Messgerät höhere Werte anzeigte.
       
       Die Ärzte wurden misstrauisch und legten ihm zur Überprüfung seines
       Gesundheitszustands ein Gerät zur 24-Stunden-Blutdruckmessung an. Die ganze
       Nacht lang machte er Kniebeugen und Liegestütze und trank Energydrinks.
       
       ## Fast alle werden für wehrdiensttauglich erklärt
       
       „Als ich beim nächsten Termin das Untersuchungszimmer betrat, sah ich eine
       ganze Menge Jungs in Unterhosen“, sagt Wlad gegenüber DOXA. „Der eine hatte
       einen Rücken wie ein Fragezeichen, der nächste gefühlt minus 100 Dioptrien,
       ein Dritter war fettleibig, und alle wurden für wehrdiensttauglich erklärt!
       Da wurde mir klar, dass es bei meinem Gesundheitszustand keinen Sinn hatte,
       überhaupt noch zu versuchen, mich vor dem Wehrdienst zu drücken.“ Einige
       Wochen später war Wlad bereits in einem Verteilungszentrum.
       
       Viele der Wehrpflichtigen, mit denen DOXA gesprochen hat, berichten, dass
       Soldaten zu Arbeiten gezwungen werden, die sie als „würdelos“ betrachten.
       So wurde etwa einer der Gesprächspartner dazu abkommandiert, eine Grube für
       Fäkalien auszuheben. In der russischen Armee gibt es dafür eine eigene
       Sprache. Als „Elefanten“ werden pauschal alle Rekruten bezeichnet: Sie
       seien schwerfällig und würden gedankenlos jegliche Befehle ausführen.
       
       Kirill aus Krasnojarsk kam im Frühjahr 2025 zu seiner Einheit im Fernen
       Osten. Ihm zufolge standen für fast 200 Soldaten lediglich zwei türlose
       Duschen zur Verfügung, aus denen nur eiskaltes Wasser kam. Zum Duschen
       blieben jedem etwa 30 Sekunden, da sich dahinter bereits eine Schlange
       bildete. Nach einigen Wochen lag ein Drittel der Kompanie mit
       Lungenentzündung oder Bronchitis im Bett.
       
       Für Wlad war die Unterwäsche ein Problem: „Private Unterhosen sind
       verboten. Bei einer Durchsuchung werden sie einem abgenommen. Die vom
       Militär ausgegebene Unterwäsche wird von der gesamten Kompanie gemeinsam in
       die Wäsche gegeben.“ Nach dem Waschen werde sie nach dem Zufallsprinzip
       verteilt. Wlad: „Man kann also die Unterhose eines anderen bekommen, und
       die kann auch noch zerrissen sein. Deshalb habe ich zwei Paar für mich
       beiseitegelegt und sie das ganze Jahr über selbst gewaschen.“
       
       Mit Ihrer [3][Spende an die taz Panter Stiftung] helfen Sie, kritischen
       Journalismus zu stärken und auch unter schwierigen Bedingungen zu
       ermöglichen.
       
       7 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Unser-Fenster-nach-Russland/!t5916992
 (DIR) [2] https://doxa.team/articles/conscription
 (DIR) [3] https://secure.spendenbank.de/form/1705?langid=1--
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tigran Petrosyan
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Unser Fenster nach Russland
 (DIR) Russische Armee
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) GNS
 (DIR) Reden wir darüber
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Rückkehrer nach Russland: 18 Jahre Haft wegen Überweisung von 30 Euro
       
       Russen, die in ihre Heimat zurückkehren, werden aus fadenscheinigen Gründen
       zu langen Haftstrafen verurteilt. Menschenrechtler dokumentieren ihre
       Fälle.
       
 (DIR) Zwangsrekrutierungen für russische Armee: In Shorts und Badeschlappen entführt
       
       Wegen hoher Verluste braucht die russische Armee neues Kanonenfutter für
       die Front. Immer öfter werden auch kranke Menschen zwangsrekrutiert.
       
 (DIR) Russische Mobilmachung: „Russlands Verluste sind außerordentlich hoch“
       
       Zuletzt gab es nur wenig Bewegung auf dem Schlachtfeld in der Ukraine, sagt
       der US-Militärexperte Samuel Charap. Eine technische Entwicklung könnte das
       ändern.