# taz.de -- Zwangsrekrutierungen für russische Armee: In Shorts und Badeschlappen entführt
> Wegen hoher Verluste braucht die russische Armee neues Kanonenfutter für
> die Front. Immer öfter werden auch kranke Menschen zwangsrekrutiert.
(IMG) Bild: Männer, die Dienstverträge mit dem russischen Verteidigungsministerium unterzeichnet haben, nehmen an einer Ausbildung teil. Freiwillig?
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Mediazona öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. Den
ganzen Beitrag [2][finden Sie hier auf Russisch].
Vitali Smidowitsch litt unter epileptischen Anfällen und starb vergangene
Woche [3][im russischen Angriffskrieg in der Ukraine]. Angelockt wurde er
mit dem Angebot, durch Drohnen beschädigte Häuser zu reparieren. Als er das
erledigt hatte, wurde er zwangsrekrutiert und an die Front geschickt.
Immer öfter werden Menschen durch Täuschung oder Drohungen dazu gebracht,
einen Vertrag mit dem russischen Verteidigungsministerium zu unterzeichnen.
Die Zahl derjenigen, die sich der russischen Armee freiwillig anschließen
wollen, sinkt, gleichzeitig steigt der „Bedarf“ an der Front weiter.
Mediazona [4][hat bekannte Fälle zusammengetragen], in denen russische
Männer einzeln auf der Straße aufgegriffen werden.
Etwa der 49-jährige Sergej Skrjabin aus Kirow, das circa 800 Kilometer
nordöstlich von Moskau liegt. Er wurde unter dem Vorwand eines Bußgeldes
„wegen Biertrinkens auf der Straße“ von zu Hause abgeholt, auf eine
Polizeiwache und anschließend zu einer militärischen Sammelstelle gebracht.
Nach Angaben seiner Ehefrau wurde ihm an einem Wochenende „innerhalb von 15
Minuten ein Pass ausgestellt“. Anschließend sei er „unter Androhung von
Gewalt“ gezwungen worden, trotz seiner diagnostizierten Epilepsie einen
Vertrag mit dem russischen Verteidigungsministerium zu unterzeichnen.
Danach wurde er in die selbsternannte „Volksrepublik Donezk“ (DNR)
geschickt.
## „Ich will meinen Mann gesund nach Hause zurückholen“
Zuletzt kontaktierte Skrjabin seine Frau am 23. Juli 2026. Vier Tage später
erhielt sie einen Anruf vom Politoffizier der Einheit. Ihr Mann gelte
bereits als vermisst. Laut Skrjabins Frau wurde dieser Status jedoch erst
im August offiziell festgestellt.
Wegen der Situation ihres Mannes wandte sich die Frau aus Kirow an die
Staatsanwaltschaft. Dort habe man ihr geantwortet, Skrjabin habe den
Vertrag freiwillig unterzeichnet. „Auch bei den Zahlungen wurden wir
getäuscht. Mein Mann ist inzwischen seit fast einem halben Jahr im Krieg,
aber ich habe keinen einzigen Kopeken erhalten. Ich will dieses Blutgeld
nicht. Ich will meinen Mann lebend und gesund nach Hause zurückholen“,
sagte die Frau im Gespräch mit Mediazona.
Über ähnliche Fälle wird nicht nur in Kirow, sondern auch in anderen
Städten berichtet. Der 33-jährige Alexander Stepanow aus Pensa wurde von
Unbekannten entführt, als er am Abend ein Geschäft verließ – er trug nur
Shorts, ein T-Shirt und Badeschlappen.
„Unbekannte legten ihm Handschellen an und setzten ihn in einen Pkw. Sie
brachten ihn irgendwohin – mein Sohn sagte, wohl zu einem
Kreiswehrersatzamt –, schlugen ihn und zerrissen sein T-Shirt“, sagte seine
Mutter Tamara Stepanowa. „Und das so lange, bis er den Vertrag
unterschrieb.“
## „Er ist kein Soldat, er kann nicht kämpfen“
Nach Angaben seiner Mutter seien ihm im Kreiswehrersatzamt „innerhalb von
20 Minuten neue Dokumente ausgestellt“ worden. Am 23. August teilte
Stepanow mit, dass er sich in Donezk aufhalte. Seine Mutter wandte sich an
die Militärstaatsanwaltschaft, den Menschenrechtsbeauftragten und die
Bürgerstelle des Leiters des Ermittlungskomitees, Alexander Bastrykin, und
über die Website des Verteidigungsministeriums an die Behörde. Antworten
hat sie bislang keine erhalten.
Der 26-jährige Nikita Konscheserow aus Petrosawodsk wurde betrunken auf der
Straße aufgegriffen und in die Ausnüchterungsstation einer
suchtmedizinischen Klinik gebracht. Nach Angaben seiner Freunde passierte
das Ende Juli. Man habe ihm einen Vertrag untergeschoben, Konscheserow
könne sich nicht einmal daran erinnern, wie es dazu gekommen sei, berichtet
das norwegische Onlinemedium Barents Observer unter Berufung auf eine
Quelle aus dem Umfeld seiner Familie.
„Er hatte das überhaupt nicht vor und wollte es auch nicht. Er ist kein
Soldat, er kann nicht kämpfen“, sagte die Quelle der Zeitung. Bereits am
frühen Morgen des 29. Juli wurde Konscheserow in einen Zug gesetzt und zu
einer militärischen Sammelstelle im Gebiet Leningrad gebracht.
Kurz zuvor war Konscheserows Sohn zur Welt gekommen. Zudem sind beide
Elternteile behindert. „Er ist der einzige Ernährer der Familie und seine
plötzliche Einberufung zum Militärdienst bringt seine Angehörigen in eine
äußerst schwierige Lage“, heißt es in einem Beitrag über Konscheserows
Geschichte.
Es ist nicht der erste Fall dieser Art in der Region. Wie der Barents
Observer berichtete, machen Anwerber Menschen gezielt betrunken und
schieben ihnen anschließend einen Vertrag mit dem russischen
Verteidigungsministerium unter.
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23 Sep 2026
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