# taz.de -- Präsidentschaftswahl in Kosovo: Auf den letzten Drücker
> Kosovos Parlament wählt vor dem Ablauf der Frist mit Justina Shiroka Pula
> doch noch ein Staatsoberhaupt. Damit werden Neuwahlen abgewendet.
(IMG) Bild: Die neu gewählte Präsidentin der Republik Kosovo, Justina Shiroka Pula, im Parlament in Pristina
Das war kurz vor knapp: Das Parlament in Kosovo hat gegen Mitternacht in
der Nacht zu Mittwoch und damit kurz vor dem Ende einer verfassungsmäßig
vorgeschriebenen Frist ein neues Staatsoberhaupt gewählt. Für Justina
Shiroka Pula votierten gleich im ersten Wahlgang 81 der insgesamt 120
Abgeordneten, damit erhielt die 72-Jährige eine Stimme mehr als nötig. Wäre
die Entscheidung nicht zustande gekommen, hätte es Neuwahlen geben müssen,
was weitere politische Instabilität bedeutet hätte.
„Dieses Mandat gehört nicht einer einzelnen Person. Es gehört unseren
Bürgern, unseren Institutionen und dem Staat, für den so viele Generationen
Opfer gebracht haben“, sagte Shiroka Pula nach ihrer Vereidigung in einer
Ansprache vor dem Parlament. Die Amtszeit für den Posten dauert fünf Jahre.
Seit dem vergangenen Jahr war sie Präsidentin der Akademie der
Wissenschaften des Kosovo. Von 2008 bis 2011 hatte sie in der Regierung des
ehemaligen Anführers der paramilitärischen Befreiungsarmee des Kosovo (UÇK)
und späteren kosovarischen Präsidenten, Hashim Thaçi, den Ministerposten
für Energie und Bergbau inne.
Von 2011 bis 2014 saß sie für die liberale Oppositionspartei PDK im
Parlament. Shiroka Pula war erst wenige Stunden vor der Abstimmung von
Regierungschef Albin Kurti von der Partei Vetëvendosje als Kandidatin
vorgeschlagen worden.
## Internationaler Druck
Der Präsident*innenwahl war am Dienstag eine weitere Abstimmung im
Parlament vorausgegangen. Nach einer zweiten Lesung stimmten 88 Abgeordnete
für Änderungen des Gesetzes über das Kosovo-Sondertribunal in Den Haag. Das
Gericht hatte seine Arbeit zwischen 2016 und 2017 aufgenommen.
Seine Gründung, die auf internationalen Druck hin erfolgt war, geht auf
einen Bericht des Europarates unter Federführung des Schweizer
Sonderberichterstatter Dick Marty zurück. Darin waren führende Mitglieder
der UÇK – darunter auch Hashim Thaçi – schwerer Kriegsverbrechen,
politischer Morde, Folter, Verschleppungen sowie des illegalen Handels mit
Organen beschuldigt worden – letztere Vorwürfe konnten jedoch nie eindeutig
bewiesen werden.
Die nun verabschiedeten Gesetzesänderungen schränken die Zuständigkeiten
des Gerichtes empfindlich ein. Haftstrafen werden auf 15 Jahre begrenzt.
Diese müssen in Kosovo verbüßt werden, eine Begnadigung durch das
Staatsoberhaupt von Personen, die rechtskräftig verurteilt wurden, ist
möglich.
Zudem beschränkt das Gesetz den vom Gericht abgedeckten Zeitraum auf den 1.
Juli 1999 bis zum 31. Dezember 2000 und begrenzt die Zuständigkeit auf
Straftaten, die in direktem Zusammenhang mit mutmaßlichem Organhandel an
Haftorten stehen, die in dem Bericht des Europarats benannt wurden.
## Umgekehrte Reihenfolge
Der Vorsitzende der PDK, Bedri Hamza, hatte die vorherige Abstimmung über
die Gesetzesänderungen zu einer Bedingung für seine Mitwirkung an der Wahl
des Staatsoberhauptes gemacht. Premier Kurti hatte zunächst auf einer
umgekehrten Reihenfolge bestanden, war aber schließlich eingeknickt.
Die Abstimmung war von Applaus Protestierender vor dem Parlament in
Pristina begleitet. Das besondere Interesse an dem Sondergericht hat einen
guten Grund: [1][Am 16. September hatten die Richter Hashim Thaçi wegen
Kriegsverbrechen wie willkürliche Inhaftierung, Folter, grausame Behandlung
und Mordes zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt]. Drei weitere ehemalige
Kommandeure der UÇK erhielten Haftstrafen zwischen 13 und 25 Jahren.
[2][Die Urteile hatten in Kosovo Proteste ausgelöst, die sich teilweise in
gewalttätigen Zusammenstößen mit Polizeikräften entluden]. Am vergangenen
Montag hatten einige Teilnehmer der Kundgebung Polizisten mit Flaschen und
Pyrotechnik beworfen. Diese antworteten mit Tränengas und Wasserwerfern, um
die aufgebrachte Menge zu zerstreuen. Laut Polizeiangaben wurden sechs
Polizisten und elf Demonstranten verletzt und drei von ihnen festgenommen.
Ob die Gesetzesänderungen auch wirklich in Kraft treten, ist derzeit noch
unklar. Rechtsexperten weisen darauf hin, dass das Kosovo seine
internationalen Verpflichtungen einhalten müsse und die Änderungen einer
verfassungsrechtlichen Prüfung unterzogen werden könnten.
7 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Barbara Oertel
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