# taz.de -- Studierende auf Wohnungssuche: 2 Euro für 10 Minuten warm duschen
> Zu Semesterbeginn ist der Druck auf dem Hamburger Wohnungsmarkt hoch.
> Studierende berichten von überteuerten WG-Zimmern und weiten Anreisen zum
> Campus.
(IMG) Bild: Seit drei Monaten auf Wohnungssuche: Julius auf dem Campus der Uni Hamburg
Als die Studentin den Münzautomaten an der Wand ihres Badezimmers gesehen
hatte, war der Mietvertrag schon unterschrieben, erzählt Benedikt Pfeiffer,
Sozialreferent des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der [1][Uni
Hamburg]. Der 22-Jährige sitzt an einem Tisch im Infocafé des AStA, neben
ihm steht sein aufgeklappter Laptop.
Auf dem Bildschirm ist ein Foto geöffnet. Das Bild zeigt ein Badezimmer, an
der Wand ist der Münzautomat befestigt. „Bereit“ und „1 x 2 Euro“ stehen
auf dessen Bildschirm. Die Erstsemesterstudentin hatte sich in der Woche
vor Semesterbeginn an die studentische Beratungsstelle gewandt. Zwei Euro
soll sie nach dem Willen ihres Vermieters jedes Mal zahlen, wenn für 10
Minuten warmes Wasser aus ihrem Wasserhahn laufen soll.
Rund 15.000 Erstsemesterstudent:innen fangen jedes Jahr in Hamburg
ihr Studium zum Wintersemester an. Kaum ein anderes Thema sei zu
Semesterbeginn in ihrer Arbeit so präsent wie die Wohnungssuche, sagt
Pfeiffer. Seit drei Monaten ist der 22-Jährige gemeinsam mit Arja Sharma
Ansprechpartner des Referats für Soziales beim AStA. Allein in der Woche
vor dem Semesterbeginn kontaktierten rund 50 Studierende die
Beratungsstelle mit Anliegen rund um das Thema Wohnen. [2][Die Verzweiflung
vieler sei dabei zunehmend spürbar.]
Wie mental einnehmend die Wohnungssuche sein kann, hat auch der 19-jährige
Julius in seinen vergangenen Wochen zu spüren bekommen. Der Student aus
Paderborn hat zu diesem Wintersemester sein Studium an der Uni Hamburg
begonnen. Seit drei Monaten ist er auf Wohnungssuche. Kaum einen Moment
habe es in den letzten Wochen gegeben, in dem das Thema nicht im Hinterkopf
des Erstsemesterstudenten gewesen ist. Eine langfristige Bleibe hat er
bislang nicht gefunden.
## 90 Minuten von der Wohnung zum Hörsaal
Laut dem diesjährigen [3][Studentenwohnreport] kostet ein WG-Zimmer in
Hamburg im Schnitt 734 Euro. Während die Mietpreise in Berlin, Köln oder
Stuttgart im studentischen Segment zuletzt sanken, stiegen die Preise in
Hamburg weiter an – bei kleiner werdendem Angebot.
Der [4][Hamburger Wohnungsmarkt] sei zunehmend zweigeteilt, sagt Pfeiffer.
Es gebe einerseits die öffentlich einsehbaren Wohnungsanzeigen, die auf den
gängigen Suchportalen angeboten werden. Ein Großteil der Wohnungen werde
aber gar nicht darüber, sondern zwischenmenschlich vermittelt, über Vitamin
B. Gerade für neu Zugezogene sei es fast unmöglich, eine bezahlbare Wohnung
zu finden, die auch nur halbwegs campusnah ist.
Wer teuer wohnt, bezahlt das nicht nur mit Geld. Das Wohnen, so Pfeiffer,
stehe in einem engen Zusammenhang mit mentaler Gesundheit. „Wer jeden Tag
mehrere Stunden pendelt, Schimmel in der Wohnung hat oder Stress mit der
Vermietung, ist oft ebenfalls psychisch belastet,“ sagt Benedikt.
Dauerbelastet ist auch Colin. Fast 90 Minuten braucht er mit dem ÖPNV von
seinem WG-Zimmer in Bergedorf bis in den Hörsaal. Bereits vor einem Jahr
zog der 22-jährige Medizinstudent nach Hamburg. Die Wohnungssuche hatte
sich zuvor schwierig gestaltet, erzählt er. Er kannte kaum Menschen in der
Stadt, im Studierendenwohnheim hatte er keinen Platz bekommen. Schließlich
bot ihm ein Freund sein Zimmer zur Nachmiete an.
Eigentlich war dem Studenten die Wohngemeinschaft in Bergedorf am Rande
Hamburgs zu weit weg, von der Uni, von den neuen Kommiliton:innen, von
einem abendlichen Barbesuch. Doch er fand keine bezahlbare Alternative und
nahm das Angebot an. 550 Euro Miete zahlt er seither für das
15-Quadratmeter-Zimmer.
Während Colin nichts anderes übrig bleibt als jeden Tag weiter Anzeigen
anzuschreiben, kann das Sozialreferat in Fällen wie bei dem Münzautomaten
an die Tür direkt neben dem Infocafé des AStA verweisen. Lukas Bowen,
Jurist beim Mieterverein zu Hamburg, bietet in den Räumlichkeiten des AStA
jeden zweiten Freitag eine kostenlose Beratung an. Die zweistündige
Sprechstunde ist regelmäßig ausgebucht.
Gerade das Vermieten von möbliertem und temporärem Wohnraum sei dabei oft
Thema. Laut Mieterverein handelt es sich um eine gängige Praxis, durch die
Vermieter:innen die seit 2015 in Hamburg [5][geltende Mietpreisbremse]
zu umgehen versuchen. Möblierungszuschläge würden es nicht ersichtlich
machen, wie sich die Gesamtmiete zusammensetzt. Ein Abgleich mit der
ortsüblichen Vergleichsmiete ist folglich schwerer.
[6][In dem 825 Euro teuren WG-Zimmer,] in dem der Paderborner Julius nach
drei Monaten Suche schließlich für den Oktober untergekommen ist, liegt
nicht mehr als eine Matratze. Länger als den einen Monat Mietdauer wolle er
ohnehin nicht bleiben, sagt Julius. Der Preis liege weit über seinem
Budget. Wo er ab November wohnen wird, weiß er nicht. Für einen
Wohnheimplatz stehe er auf der Warteliste.
Auf taz-Anfrage teilte das Studierendenwerk mit, dass – Stand 6. Oktober –
1.472 Bewerber:innen für ein Zimmer ab November auf der Bewerbungsliste
stünden. Kurzfristig im Wohnheim ein Zimmer zu erhalten, ist also nicht
sonderlich realistisch. Das weiß der 19-jährige Julius auch. „Aber die
Hoffnung bleibt,“ sagt er.
## Wohngeldpauschale reicht nicht aus
Auch für Colin aus Bergedorf ist die Wohnungssuche nach über einem Jahr
noch nicht zu Ende. Auf mehr als 350 Anzeigen hat der Medizinstudent im
vergangenen Jahr reagiert, schätzt er. Die meisten Angebote fielen von
Beginn an aus seinem Suchradius raus: zu teuer. Die
380-Euro-Wohngeldpauschale, die der Student monatlich vom [7][Bafög-Amt]
erhält, reichen bereits für seine Miete in Bergedorf nicht aus.
Wie oft Colin im vergangenen Jahr zu einer Wohnungsbesichtigung eingeladen
wurde, kann er an einer Hand abzählen. Er ist Person of Colour. Und von
Rassismus betroffene Personen haben deutlich schlechtere Chancen auf dem
Wohnungsmarkt. Das zeigt eine repräsentative Befragung des [8][Nationalen
Diskriminierungs- und Rassismusmonitors aus dem Jahr 2025.]
In einem Experiment wurden fiktive Bewerber:innen mit einem deutsch
klingenden Nachnamen öfter zu Besichtigungen eingeladen als Menschen mit
einem Nachnamen aus der Region des mittleren Ostens und Nordafrika:
Einladungsraten von ca. 22 Prozent bei deutsch klingenden Namen standen 16
bis 17 Prozent bei arabisch, türkisch oder afrikanisch klingenden Namen
gegenüber. Mehr als jede dritte befragte Schwarze Person gab an, den Zugang
zu einer Immobilie aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit verwehrt bekommen zu
haben. Unter den nicht rassistisch markierten Personen berichten nur rund
fünf Prozent von einer solchen Erfahrung.
Zweimal habe man auch Colin bereits gesagt, dass mit seiner Bewerbung
eigentlich alles passen würde, erinnert er sich. Nur sein polnischer
Nachname, hörte er dann vom Vermieter: „Der klinge ja nicht so deutsch.“
18 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Etat-der-Hamburger-Hochschulen-schrumpft/!6217273
(DIR) [2] /Studenten-auf-WG-Suche-Zimmer-in-Hamburg-sind-so-teuer-wie-noch-nie/!6167240
(DIR) [3] https://mlp-se.de/redaktion/mlp-se-de/studentenwohnreport-microsite/2026/report/mlp-studentenwohnreport-2026.pdf
(DIR) [4] /Wohnungsnot-in-Hamburg-und-Wahlen-in-Niedersachsen-Menschen-sind-unsere-einzige-Hoffnung/!6211078
(DIR) [5] /Mietpreisentwicklung-in-Niedersachsen/!6018153
(DIR) [6] /Mietspiegel-Kaelte-Dauerlaerm-Untermiete-Rechte-kennen-und-dafuer-kaempfen/!6202511
(DIR) [7] /Bafoeg-Versprechen-der-Groko-WG-Garantie-ist-reine-PR/!6101982
(DIR) [8] https://www.dezim-institut.de/presse/wer-in-deutschland-wohnt-wohnt-nicht-gleich-schwarze-und-muslimische-menschen-besonders-betroffen/
## AUTOREN
(DIR) Anouk Boelsen
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aus.