# taz.de -- Wohnungssuche in Mecklenburg-Vorpommern: Zurück zu den Eltern
       
       > Auch in Städten wie Stralsund steigen die Mieten: Es gibt mehr Zuzug, der
       > Tourismus boomt. Die Politik ist darauf nicht vorbereitet.
       
 (IMG) Bild: Zwischen Baumaterial und Umzugskisten: Sandra Pritzkoleit und Willi Gert
       
       Die Wohnungssuche in Stralsund, ihrer Heimatstadt, sei keine einfache
       Sache, berichten Sandra Pritzkoleit und Willi Gert. „Das war eine ganz
       schöne Katastrophe.“ Die beiden Mittzwanziger sitzen in einer geräumigen
       Wohnküche, ihre einjährige Tochter krabbelt über den beheizbaren Fußboden.
       
       Gert und Pritzkoleit arbeiten in der 60.000-Einwohner-Stadt an der
       Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern. Als klar war, dass sie ein Kind
       erwarten, wollten sie aus ihrer baufälligen Zweiraumwohnung in eine größere
       Wohnung ziehen. Doch etwas Bezahlbares, das ihren Bedürfnissen entsprach,
       fanden die beiden in Stralsund nicht. „Da zahlst du teilweise 1.600 Euro
       für eine Dreiraumwohnung, das ist schon fett“, sagt Pritzkoleit.
       
       Willi Gert hat einen sicheren Job bei der Rentenversicherung, verdient
       2.500 Euro netto, „ganz gut für hier oben“. Sandra Pritzkoleit arbeitet als
       Servicekraft im Autohaus, in Elternzeit bekommt sie nur einen Teil ihres
       vorherigen Einkommens. „Bei diesen Mieten musst du auf etwas verzichten,
       wenn du dir eine Wohnung holst. Auto, Urlaub oder beides“, sagt Gert.
       
       Noch hinken die Mieten in Mecklenburg-Vorpommern dem Bundesdurchschnitt
       hinterher: Die durchschnittliche Angebotsmiete liegt hier laut Daten des
       Immobilienmaklers Engel & Völkers bei 10,07 Euro netto kalt – in Berlin
       sind es aktuell 17,74 Euro.
       
       ## Überall Mangel
       
       Doch Mecklenburg-Vorpommern ist auch das Bundesland mit dem niedrigsten
       Lohnniveau, und wohnen wird immer teurer: Laut dem Stralsunder
       Mietenspiegel stiegen die Bestandsmieten in den vergangen vier Jahren um 30
       Prozent. Stralsund ist damit keine Ausnahme. „In Mecklenburg-Vorpommern
       sind fast alle Städte in einer ähnlichen Situation“, sagt Kai-Uwe Glause,
       Geschäftsführer des Mieterbund-Landesverbands in Rostock. „Überall Mangel,
       und wo Mangel ist, steigen die Mieten.“
       
       Nach der Wende hatten viele [1][Städte im Osten vor allem mit Wegzug und
       Leerstand zu kämpfen]. So auch Stralsund. Noch 2008 erreichte die
       Leerstandsquote mit 13,8 Prozent ihren vorläufigen Höhepunkt. Für
       Wohnungssuchende bedeutete das damals: Günstiger Wohnraum war en masse
       vorhanden, wenn auch nicht immer in guter Qualität.
       
       Besonderes Sorgenkind war damals [2][die historische Altstadt]. Noch 2004
       stand fast ein Drittel des Wohnungsbestands hinter den alten Stadtmauern
       der Hansestadt leer und viele der Wohnungen waren stark
       sanierungsbedürftig.
       
       Schlendert man an einem Donnerstagnachmittag im August durch die Stadt, ist
       davon nichts mehr zu sehen. Statt Verfall überall frisch verputzte Fassaden
       und angebaute Balkone. Die Backsteinfassaden der historischen Bürgerhäuser
       sind aufwendig saniert. Auf den engen, kopfsteingepflasterten Straßen
       drängen sich Tourist:innen, Fotoapparat und Fischbrötchen in den Händen. Am
       Hafen dümpelt das [3][imposante dreimastige Segelschulschiff „Gorch Fock]“
       vor sich hin. Vor der grauen geschwungenen Betonfassade des Ozeanums, des
       2009 eröffneten Großaquariums, wartet wie üblich eine Menschenschlange.
       
       Heute gehört die Altstadt des Unesco-Weltkulturerbes zu den teuersten
       Wohnlagen der Stadt. Und auch die Bevölkerung wächst seit 2015 wieder
       leicht und kratzt aktuell wieder an der 60.000 Marke.
       
       ## Erfolgreicher als jede Werbekampagne
       
       Verantwortlich dafür sind vor allem die Zuzüge. Angesichts des damaligen
       Bevölkerungsrückgangs ließen Städte wie Stralsund nicht unversucht, um
       Menschen dazu zu bewegen, in die Region zu ziehen. Doch erfolgreicher als
       jede Werbekampagne sind die traumhafte Lage an der Ostsee und die
       vergleichsweise günstigen Grundstückspreise, die vor allem betagte
       Neuankömmlinge aus den alten Bundesländern nach Stralsund locken.
       
       Grundsätzlich sei der Zuzug zu begrüßen, stellt Glause vom Mieterbund klar,
       nur habe man es „verpennt“, frühzeitig eine treffende Prognose zu
       erstellen. „Die Kommunen sind immer wieder nicht auf die Nachfrage
       vorbereitet“, sagt Glause. Neubau gebe es kaum, stattdessen
       [4][priorisieren Kommunen vor allem den Bau von Einfamilienhäusern.]
       
       Das zeigt sich auch in Stralsund. 2024, im letzten statistisch erfassten
       Jahr, entstanden gerade einmal 17 Wohngebäude. 16 davon waren
       Einfamilienhäuser, nur eines ein Mehrfamilienhaus mit sieben Wohnungen.
       
       Und dann ist da noch der Tourismus. Die Stadt Stralsund setzt wie auch die
       Landesregierung voll auf diese Branche als wirtschaftliches Zugpferd. Mit
       33,3 Millionen Übernachtungen war 2025 laut dem Tourismusverband
       Mecklenburg-Vorpommern das zweitbeste Jahr überhaupt. Besonders stark
       steigt darum die Nachfrage nach Ferienwohnungen und -häusern.
       
       Die Entwicklung wirkt sich auch auf Stralsunds Wohnungsmarkt aus. Unweit
       der Altstadt, am Ufer der namensgebenden Meerenge Strelasund, liegt eine
       kleine Marina mit Segelbooten. Der Platz davor ist eine Brachfläche,
       Campingurlauber mit ausladenden Wohnmobilen und umgebauten Minivans nutzen
       ihn als günstigen Übernachtungsplatz. Auf der Fläche will ein
       stadtbekannter Investor 95 Ferienapartments bauen lassen, dazu 33
       Eigentumswohnungen.
       
       ## Eigentümer in Bayern
       
       Der angespannte Mietenmarkt bringt Begleiterscheinungen mit sich, von denen
       Stralsunder:innen bislang nur aus Metropolregionen gehört haben.
       „Freunde von mir sind gerade umgezogen und haben einen Staffelmietvertrag
       unterschrieben“, erzählt Sandra Pritzkoleit. Zu den 1.300 Euro für eine
       Dreiraumwohnung würden im nächsten Jahr schon wieder 20 Prozent dazukommen.
       „Die schauen sich schon wieder nach etwas Neuem um.“ Andere Freunde wohnten
       in Häusern, die als Kapitalanlage erworben wurden. „Die Eigentümer wohnen
       in Bayern, die kriegst du nie erreicht“, berichtet Willi Gert.
       
       Auch Fälle von Eigenbedarfskündigungen häuften sich, berichtet
       Mieterbund-Geschäftsführer Glause: „Ein erheblicher Anteil davon ist auch
       vorgetäuscht.“ Auch das Phänomen, dass Wohnraum lukrativer als
       Ferienwohnungen auf Plattformen wie Airbnb vermietet werde, habe in den
       vergangenen Jahren zugenommen.
       
       In Stralsund sind es wie woanders auch vor allem Menschen mit niedrigen
       Einkommen, die als Erste unter der Wohnungsnot leiden: Rentner,
       Studierende, Geflüchtete und Alleinerziehende. So klagt der auf Suchthilfe
       spezialisierte Verein Chamäleon darüber, dass es zunehmend schwieriger
       wird, für seine jugendlichen Klienten nach der Therapie Wohnungen zu
       finden. Für die Jugendlichen sei das frustrierend.
       
       Zunehmend werden die steigenden Mieten auch zu einem Politikum. So
       antwortet ein Rentner, der auf Kleinanzeigen eine Zweizimmerwohnung suchte,
       auf taz-Anfrage: „Die Wohnungssuche in Stralsund ist aussichtslos für
       Deutsche Bürger denn Ukrainer und Arabeber [sic] sowie Afrikaner haben ja
       VORRANG [sic]“, und schob noch nach: „Nur noch AFD! Diese Regierung muss
       weg.“
       
       Tatsächlich ist es fast ausschließlich die Linke, die die Mieten im
       Wahlkampf thematisiert. „Für uns ist das ein Schwerpunkt“, sagt Hennis
       Herbst, Landesvorsitzender der Partei, der im rund 30 Kilometer entfernten
       Greifswald lebt. Im September will Herbst mit dem Thema Mieten dort das
       Direktmandat holen.
       
       ## „Große Antwort“ Mietendeckel
       
       Der politische Handlungsspielraum werde von der Landesregierung bisher kaum
       genutzt. Die „große Antwort“ sei der Mietendeckel auf Bundesebene, sagt
       Herbst. Aber auch die kommunalen Wohnungsunternehmen könnten die Mieten in
       ihren Beständen deckeln. „Das ist ein riesiger Hebel“, sagt Herbst. In
       Stralsund etwa ist ein Drittel des Wohnungsbestands in kommunaler Hand.
       
       Die Wohnungssuche von Sandra Pritzkoleit und ihrem Partner Willi Gert hat
       immerhin ein glückliches Ende gefunden. Statt beinahe die Hälfte ihres
       verfügbaren Einkommens für die Miete zu bezahlen, entschied sich das Paar,
       wieder zurück in das Haus von Willi Gerts Eltern zu ziehen, gelegen in
       einem kleinen Dorf im Speckgürtel Stralsunds. „Meine Eltern sind nach oben
       gezogen, wir haben hier unten alles ausgebaut“, erzählt der 27-Jährige.
       
       750 Euro warm zahlt das junge Paar im Monat für 105 Quadratmeter, für
       Kreditraten und Nebenkosten. Da ist dann immer noch ein Urlaub drin.
       
       20 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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