# taz.de -- Niederschlagung des Prager Frühlings: Gefährlicher August
       
       > Als der Warschauer Pakt 1968 den Prager Frühling niederschlug, gab es
       > auch in Russland Protest. Unter Putin wurde die Erinnerung daran immer
       > unbequemer.
       
 (IMG) Bild: Hoffnungslos wurden die Nachrichten verfolgt
       
       Der August galt in Russland immer als gefährlicher Monat – als Beginn
       großer und kleiner Katastrophen: 1914 der Erste Weltkrieg, 1937 der Große
       Terror; 1939 kam der Hitler-Stalin-Pakt, und der August endete mit dem
       Beginn des Zweiten Weltkriegs. Im August 1991 kam es zum Putsch gegen
       Gorbatschow, 1999 begann der Zweite Tschetschenienkrieg, und 2000 sank das
       Atom-U-Boot Kursk, das den Anfang von Putins Zeit markierte. Deshalb
       verspürte man stets Erleichterung, wenn ein August zu Ende ging.
       
       Aber es gibt noch ein Datum, das für mich einen Schatten auf die folgenden
       20 Jahre unseres Lebens warf. Es ist der [1][Einmarsch der Truppen des
       Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei] im August 1968 und die
       Niederschlagung des Prager Frühlings.
       
       Warum wurde der Prager Frühling für die Dissidenten in der UdSSR so
       wichtig? Mitte der 1960er-Jahre war das Land in die Stagnation geraten –
       die Erwartung einer weiteren Entstalinisierung war verschwunden. Plötzlich
       gab es einen Schimmer von Hoffnung – in der Tschechoslowakei brodelte es.
       Es bildeten sich politische Klubs, Reformen wurden gefordert.
       
       Bei uns kursierten Texte aus der tschechischen Presse, wir hörten
       westliches Radio und wollten an ein Wunder glauben. Vielleicht gelingt es
       den Tschechen, das System friedlich zu verändern? Vielleicht werden sie die
       Sowjets im Geist des braven Soldaten Schwejk überlisten? Der Kreml sah
       darin eine Gefahr für den Erhalt des Systems, und es wurde beschlossen,
       Truppen einzusetzen.
       
       ## Keine Hoffnung mehr
       
       Der 21. August 1968 war in Moskau ein ruhiger, sommerlicher Tag. Ich
       schaltete den Fernseher ein. Plötzlich ertönte die Stimme des Sprechers:
       „In Erfüllung ihrer internationalistischen Pflicht“ seien die Streitkräfte
       des Warschauer Pakts auf das Territorium der Tschechoslowakei vorgedrungen.
       
       Es war klar, dass es keine Hoffnung mehr gab. Und es war so verständlich,
       warum die acht Menschen am 25. August auf dem Roten Platz gegen den
       Einmarsch protestierten. Wie sich einer der Teilnehmer erinnerte, „konnten
       wir die Schande dieser Aggression, die Schande für das ganze Land nicht
       ertragen“. Es gelang ihnen nur, wenige Minuten dort zu stehen; dann folgten
       Verhaftung, Verbannung und Emigration.
       
       Die meisten Sowjetbürger wussten nichts von diesem Protest. Sie glaubten
       der Propaganda, dass sonst die Nato-Truppen in die Tschechoslowakei
       einmarschiert wären, und das könne man nicht zulassen.
       
       Es dauerte 20 Jahre [2][bis zur Perestroika], als auch bei uns eine
       Demokratisierung begann.
       
       ## Kein Ende der Geschichte
       
       Als die Tschechoslowakei und andere Länder sich befreiten, schien es, als
       wäre das doch das Ende der Geschichte. Einige der acht, die 1968 auf dem
       Roten Platz waren, wurden [3][zu Mitbegründern von Memorial], und ihr
       Protest ging in die Widerstandsgeschichte ein. Doch niemand von denen, die
       damals den Prager Frühling unterstützt und von Freiheit geträumt hatten,
       wurde Teil der neuen Macht in Russland, wurde zu einem Václav Havel. Andrei
       Sacharow starb 1989 mitten im Kampf für Reformen.
       
       In der Putin-Ära wurde die Erinnerung an die Proteste immer unbequemer. Als
       zwei noch lebende Teilnehmer von 1968 zum 45. Jahrestag der Demonstration
       zu einer Gedenkaktion auf den Roten Platz gingen, wurden sie von der
       Polizei festgenommen. Zwar ließ man sie später wieder frei, doch es wurde
       klar, dass Proteste in Russland wieder gefährlich sind.
       
       Vor dem Hintergrund des Krieges gegen die Ukraine wird der sowjetische
       Einmarsch in die Tschechoslowakei einer historischen Revision unterzogen.
       Im neuen Geschichtsbuch für Schulen heißt es, dass der Prager Frühling
       unter dem Einfluss des Westens stattfand und dass erst die Bedrohung des
       sozialistischen Lagers die sowjetische Führung zum Einmarsch zwang. Kein
       Ende der Geschichte.
       
       2 Sep 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Irina Scherbakowa
       
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