# taz.de -- Repressives Gesetz in Russland: Die neuen Rechtlosen
> In der Sowjetunion hießen sie „Lischenzy“, Menschen ohne Bürgerrechte.
> Heute entzieht Russland unliebsamen Personen wie politischen Emigranten
> wieder die Rechte.
(IMG) Bild: Verhaftet oder entrechtet: Alltag im heutigen Russland
In der sowjetischen Literatur der 1920er und 1930er Jahre begegnet man
häufig dem Begriff „Lischenez“ (der Rechtlose). Das Wort hatte einen
satirischen Unterton und bezeichnete Menschen aus der „alten Welt“,
Überbleibsel einer nach Mottenkugeln riechenden Vergangenheit, die nicht in
das neue sowjetische Leben passten.
Daran gab es aber nichts Komisches. Es ging um Millionen Menschen, denen
nach der Verfassung von 1918 die Bürgerrechte entzogen wurden. Diese
Diskriminierung blieb bis 1936 bestehen und betraf über 10 Prozent der
Bevölkerung.
Die Kategorie der „Rechtlosen“ war weit gefasst. Sie reichte von ehemaligen
Beamten, Adligen und Geistlichen bis hin zu kleinen „Ausbeutern“, die
lediglich einen einzigen Lohnarbeiter beschäftigten. Selbst ein einfacher
Bauer konnte zum „Lischenez“ erklärt werden, wenn er während der Ernte eine
Hilfskraft anstellte. Der Entzug der Rechte beschränkte sich nicht auf das
Wahlrecht. Er wirkte sich auf fast alle Lebensbereiche aus.
„Lischenzy“ hatten keinen Anspruch auf Rente und konnten keiner
Gewerkschaft beitreten. Sie erhielten den niedrigsten Lohn;
Lebensmittelkarten wurden ihnen verweigert. Für sie galten höhere Steuern.
Sie konnten aus ihren Wohnungen ausgewiesen werden und verloren häufig das
Recht, in Moskau oder Leningrad zu leben. Ein Hochschulstudium blieb ihnen
verwehrt. Diese Diskriminierung traf auch ihre Kinder.
## Den Staat vor „Schurken schützen“
Zwar gewährte die neue Verfassung von 1937 allen Bürgern der UdSSR wieder
das Wahlrecht, dennoch blieb in den Personalfragebögen bis 1961 die Frage:
„Wurde Ihnen jemals das Wahlrecht entzogen? Wenn ja, wann und aus welchem
Grund?“ Und [1][als 1937 der Große Terror begann, dem 1,6 Millionen
Menschen zum Opfer fielen], befanden sich unter ihnen zahlreiche ehemalige
„Lischenzy“.
Hundert Jahre später greift die Staatsduma auf diese Praktiken zurück. Zu
den neuen „Rechtlosen“ erklärt sie jene Menschen, die ihr Vorsitzender
Wolodin als „Verräter“ und „Verbrecher“ bezeichnete – politische
Emigranten, die Russland verlassen haben, darunter solche, die das
Justizministerium in das [2][Register der sogenannten „ausländischen
Agenten“] aufgenommen hat.
Unter dem Beifall der Abgeordneten erklärte Wolodin, das Gesetz, das diesen
Menschen sämtliche Rechte entziehe, müsse „angesichts der militärischen
Spezialoperation“ verabschiedet werden. Es sei „eine wichtige Entscheidung,
die es uns ermöglicht, den Staat vor diesen Schurken zu schützen, die das
Land verlassen haben und von dort aus weiterhin Schaden anrichten“.
## Verstärkte Suche nach inneren und äußeren Feinden
Nach dem geltenden Gesetz über „ausländische Agenten“ dürfen die
Betroffenen weder kandidieren noch an Bildungs- oder Aufklärungsarbeit
teilnehmen; ihre finanziellen Aktivitäten unterliegen staatlicher
Kontrolle. Mit den verabschiedeten Änderungen kommt die weitreichendste
Einschränkung der Rechte politischer Emigranten hinzu: Der russische Staat
behält seine Jurisdiktion über die Betroffenen, entzieht ihnen jedoch
nahezu alle Rechte, die mit der Staatsbürgerschaft verbunden sind.
Je schwieriger die Lage des Putin-Regimes wird, desto intensiver wird nach
inneren und äußeren Feinden gesucht. Damit sich die Bevölkerung diese
Feinde besser vorstellen kann, hat das Justizministerium auf seiner Website
eine Ausstellung mit dem Titel „Schutz der Souveränität des russischen
Staates. Geschichte und Gegenwart“ eingerichtet. Der letzte Abschnitt
besteht aus Porträts der „ausländischen Agenten“. Zu sehen sind ihre Fotos
mit Zitaten aus ihren „feindlichen“ Äußerungen. Unter ihnen sind bekannte
russische Schriftsteller, Journalisten, Menschenrechtler, Juristen,
Wissenschaftler und Nobelpreisträger.
Das ist tatsächlich nicht Putins Russland.
Irina Scherbakowa ist Vorsitzende der Organisation Zukunft Memorial.
5 Aug 2026
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