# taz.de -- Zionismus: Am Anfang war die Sehnsucht
> Was ist eigentlich Zionismus? Woher kommt der Begriff und wie hat sich
> seine Bedeutung über die Zeit verändert? Fragen und Antworten.
(IMG) Bild: Unabhängigkeit Israels 1948: Ben Gurion ruft in Tel Aviv den neuen jüdischen Staat Israel aus
Woher kommt der Begriff Zionismus?
Der Begriff geht zurück auf einen der Hügel Jerusalems, den Berg Zion. Mit
der Zerstörung des ersten Jerusalemer Tempels im Jahr 587./586 v. Chr. und
der Zerstreuung der Juden in der Welt wurde Zion für Jüdinnen und Juden zum
Symbol der Sehnsucht nach der Heimat. Der Publizist Nathan Birnbaum prägte
dann in seiner Zeitschrift „Selbstemanzipation“ im Jahr 1890 den Begriff
„Zionismus“.
Wie ist aus dem Begriff eine Bewegung geworden?
Die Bewegung ist zunächst vor allem eine Reaktion auf den grassierenden
Antisemitismus und antijüdische Pogrome in Osteuropa und Russland im 19.
Jahrhundert. 1897 findet der erste zionistische Weltkongress in Basel
statt. Dort stellt Theodor Herzl, gewissermaßen der Vater des Zionismus,
seinen Plan vor: Die Gründung eines Staates für die weltweit verstreut
lebenden Juden in Palästina. Kurz zuvor hatte er sein wegweisendes Buch
„Der Judenstaat“ geschrieben. Doch die darin skizzierte Idee ist zu diesem
Zeitpunkt noch weit entfernt von ihrer Realisierung.
## Wie viele Jüdinnen und Juden wanderten daraufhin nach Palästina aus?
Einige. Die ersten Einwanderungsbewegungen, auf Hebräisch Aliyah genannt,
gab es Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Die sind vor allem von
osteuropäischen Juden geprägt.
[1][Der Zionismus ist zu der Zeit sehr divers.] Es gibt Zionist*innen, die
vor allem sozialistisch geprägt sind und einen neuen, jüdischen und
sozialistischen Staat aufbauen wollen. Kulturzionist*innen sind weniger
am sofortigen Aufbau eines jüdischen Staates interessiert, sondern eher an
der Stärkung und Wiederbelebung der jüdischen Kultur und der hebräischen
Sprache. Daneben gibt es einen religiösen und einen bürgerlichen Zionismus.
## Waren alle Jüdinnen und Juden Zionist*innen?
Nein. Große Teile der Jüdinnen und Juden weltweit sahen den Zionismus zu
der Zeit aus unterschiedlichen Gründen kritisch oder warnten gar davor. Der
Allgemeine Jüdische Arbeiterbund (kurz: Bund), ein Zusammenschluss von
jüdischen Sozialist*innen, der Ende des 19. Jahrhunderts in Wilna gegründet
wurde, sprach sich ganz klar gegen den Zionismus aus. Viele wollten
schlichtweg weiter in ihren jeweiligen Heimatländern leben und setzten nach
wie vor auf Assimilation und Integration. [2][Erst die Shoah, die
Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden], veränderte das Gefüge in
der jüdischen Bevölkerung, der Zionismus gewann maßgeblich an Aufwind.
Was hatten die Zionist*innen für Vorstellungen vom Zusammenleben mit der
arabischen Bevölkerung?
Innerhalb des Zionismus gibt es auch in den Anfängen der Bewegung sehr
unterschiedliche Positionen dazu. Philosophen wie Martin Buber setzen auf
Verständigung mit den Araber*innen und auf ein binationales Modell, in
dem jüdische und arabische Menschen gemeinsam in einem Land leben.
Andere, wie der Schriftsteller Zeev Jabotinsky, gingen davon aus, dass
zwischen der jüdischen und der arabischen Bevölkerung zumindest zunächst
eine „eiserne Mauer“ notwendig sei, und sich in diesem Prozess Gewalt nicht
vermeiden lasse. Die jeweiligen Ansprüche auf das Land seien unvereinbar,
auch die kulturellen Unterschiede seien zu groß.
Für den größten Teil der Bewegung, schreibt die Historikerin Anja
Siegemund, spielte die Frage nach dem Zusammenleben mit der arabischen
Bevölkerung allerdings eine untergeordnete Rolle. Dazu gehörten auch der
spätere Staatsgründer David Ben-Gurion und der langjährige Präsident der
Zionistischen Organisation, Chaim Weizmann. „Kooperation wurde als
wünschenswert, aber nicht als so essenziell notwendig betrachtet wie im
Verständigungslager“, schreibt Siegemund.
Und wer hat sich dann durchgesetzt?
Die Gruppe um Ben-Gurion und Weizmann gab den Ton an. Schließlich
entwickelte sich der Kurs immer mehr dahin, Waffen nicht nur defensiv
einzusetzen, sondern in die Offensive überzugehen und aus einer jüdischen
Siedlung einen jüdischen Staat zu machen. Siegemund führt dies auf die
radikalisierte Situation in den 1930er Jahren zurück: auf die Eskalation
des Konflikts zwischen Juden und Arabern in Palästina, aber auch auf die
Ermordung der europäischen Juden in Europa.
Was bedeutet die Gründung des [3][israelischen Staates] 1948 für den
Zionismus?
Die Gründung des Staates ist für den Zionismus ein historischer Wendepunkt.
Aus einer Idee wird Realität. 1947 hatte die UN einen Teilungsplan für das
Mandatsgebiet Palästina verabschiedet. Die jüdische Führung nimmt den Plan
an, die arabische lehnt ab. Kurz danach bricht ein Krieg zwischen jüdischen
und arabischen Milizen aus. Ein Jahr später ruft Ben-Gurion den
israelischen Staat aus.
Seitdem gibt es (mindestens) zwei Narrative über die Gründung des Staates:
Für die einen ist die Staatsgründung Rettung vor Verfolgung, eine
existenziell notwendige Heimstätte nach der Shoah. Für die
Palästinenser*innen hingegen sind die Ereignisse um die
Staatsgründung eine Katastrophe. Sie nennen das, was ab dann geschah, die
„Nakba“, die Vertreibung und Flucht von großen Teilen der palästinensischen
Bevölkerung.
Wie wird der Begriff Zionismus heute genutzt?
Selbst in Israel ist der Begriff Zionismus heutzutage heftig umkämpft.
Einige wenige linke Gruppierungen in Israel bezeichnen sich als
antizionistisch. Und auch viele Ultraorthodoxe dort, denn in den Augen der
Strengreligiösen wird erst der von Gott geschickte Messias am Zeitenende
einen Staat errichten, der Israel genannt werden darf.
Die meisten anderen ringen um die Definition. Auf der einen Seite gibt es
die radikale Siedlungsbewegung, deren Vertreter*innen auch in der
extrem rechten Regierung sitzen. Sie versuchen im Namen eines religiös und
messianisch konnotierten Zionismus, den Palästinenser*innen jegliche
Lebensgrundlage zu nehmen, einige von ihnen wenden auch Gewalt zur
Durchsetzung ihrer Ziele an. Auf der anderen Seite versuchen liberale
Israelis, eine Vorstellung von Zionismus zu stärken, bei der der
israelische Staat sowohl „jüdisch“ als auch „demokratisch“ sein kann und
soll.
Kritiker*innen des Zionismus weltweit beziehen sich häufig auf
postkoloniale Theorien. Aus ihrer Sicht wird der Zionismus als eine Form
des Kolonialismus begriffen, die zur Vertreibung und Unterdrückung der
palästinensischen Bevölkerung geführt hat.
5 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Israels-Gruendung-mit-humanitaerem-Ziel/!6140229
(DIR) [2] /Holocaust/!t5007706
(DIR) [3] /Israel/!t5007708
## AUTOREN
(DIR) Judith Poppe
## TAGS
(DIR) zionismus
(DIR) Antizionismus
(DIR) Nahost-Debatten
(DIR) Nakba
(DIR) Israel
(DIR) Juden
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Grüner Parteitag in Großbritannien: Wie antisemitisch sind die englischen Grünen?
Auf ihrem Parteitag haben die englischen Grünen Zionismus zu Rassismus
erklärt. Parteichef Zack Polanski ist abgetaucht und steht jetzt unter
Druck.
(DIR) Wahlkampf in Israel: Mit Paragraf 7A gegen arabische Parteien
Als 1984 die rechtsextreme Kach-Partei in die Knesset einzog, führte Israel
ein Gesetz zum Ausschluss von Parteien ein. Nun nutzen es Rechte gegen ihre
Gegner.
(DIR) Gewalt im Westjordanland: Israelischer Politiker zerstört palästinensisches Denkmal
Der rechtsextreme Abgeordnete Zvi Sukkot sieht in dem Monument
Terror-Verherrlichung. Die Opposition wirft ihm vor, den Konflikt im
Westjordanland zu schüren.