# taz.de -- Grüner Parteitag in Großbritannien: Wie antisemitisch sind die englischen Grünen?
> Auf ihrem Parteitag haben die englischen Grünen Zionismus zu Rassismus
> erklärt. Parteichef Zack Polanski ist abgetaucht und steht jetzt unter
> Druck.
(IMG) Bild: Parteitag der Grünen in Brighton mit Zack Polanski am Mikrofon, Mothin Ali (re) und Rachel Millward
90 Jahre ist es her, dass sich die jüdische Bevölkerung des Londoner East
End, unterstützt von Kommunist:innen und in London lebenden Iren,
[1][in der Londoner Cable Street] den faschistischen „Black Shirts“ Oswald
Mosleys in den Weg stellte. Am Sonntag wurde daran erinnert. Nachfahren
einiger der jüdischen Aktivist:innen von 1936 sangen dazu „Am Israel
Chai“ – das jüdische Volk lebt.
[2][Die Veranstalter] hätten auf den jüdischen Marsch feindlich reagiert,
sagte BBC-Produzentin Eve Kay. Angeblich hätten manche dazu aufgerufen,
gegen die Anwesenheit „der Zionisten“ zu mobilisieren. Als die jüdische
Journalistin Nicole Lampert einige Teilnehmer filmen wollte, die mit Kufija
Parolen gegen Zionisten skandierten, verspotteten diese ihren Davidstern,
rempelten sie an und erklärten ihr, dass Zionisten wie sie die Faschisten
von heute seien.
Seit Sonntag ist eine ähnliche Gleichsetzung offizielle Politik der
wichtigsten linken Oppositionskraft Großbritanniens. Auf ihrem Parteitag in
Brighton beschloss [3][die Grüne Partei von England und Wales] – die
schottischen Grünen sind eigenständig – mit 1022 zu 813 Stimmen, [4][dass
Zionismus Rassismus sei].
Sie bekräftigten darin ferner das Recht der Palästinenser:innen auf
bewaffneten Widerstand sowie Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen
(BDS)-Maßnahmen gegen Israel, dessen Existenzrecht praktisch aberkannt
wird: Auf dem ehemaligen Mandatsgebiet Palästina solle es nur einen Staat
für alle geben, mit Jerusalem als Hauptstadt und dem vollen Rückkehrrecht
für alle vertriebenen und geflohenen Palästinenser:innen.
## Beschluss gegen große Teile der Führung
Zu diesem Beschluss kam es entgegen den ausdrücklichen Wunsch der gesamten
grünen Unterhausfraktion, die fünf Abgeordnete zählt, sowie der ehemaligen
Parteichefin [5][Caroline Lucas]. Die Brighton-Abgeordnete [6][Siân Berry]
sagte beispielsweise am Tag vor der Abstimmung in einer Videobotschaft, man
dürfe Israelis und Palästinenser:innen nicht vorschreiben, wie ein
Frieden auszusehen habe.
Der Beschluss, so Berry, würde die Partei, die bereits gegen den
„Völkermord“ und gegen Waffenlieferungen an Israel klar Position bezogen
hat, unnötig spalten und könnte jüdische Mitglieder diskriminieren.
Jüdischen Grünen mit Mitgliedschaften von Synagogen oder jüdischen
Verbänden, die wie die Mehrheit der britisch-jüdischen Gesellschaft Israel
und Zionismus befürworten, kann dadurch jetzt Rassismus vorgeworfen werden.
Änderungsanträge, die diesen Bedenken entgegengekommen wären, wurden auf
dem Parteitag abgeschmettert. Etwa einer, der die Zweistaatenlösung
unterstrich, und ein anderer, wonach jüdische Parteimitglieder vor
Diskriminierung und Mobbing geschützt werden müssten.
Der grüne Parteichef [7][Zack Polanski], selber jüdisch, war bei der
Diskussion und der Abstimmung am Sonntagnachmittag gar nicht da. Er hielt
sich angeblich in London auf, wo er bei einer Nachwahl zum Parlament am
Donnerstag den bisherigen Wahlkreis des zurückgetretenen Keir Starmer
gewinnen möchte. Vor einer Woche hatte er auf einer Wahlkampfveranstaltung
Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft erklärt, dass er sich als
Antizionist verstehe und den in Israel praktizierten gegenwärtigen
Zionismus als rassistisch sehe.
Sein Stellvertreter [8][Mothin Ali] befürwortete auf dem Parteitag den
Antrag. Er hat Familienhintergrund in Bangladesch und hatte sich in der
Vergangenheit unter anderem dafür entschuldigen müssen, dass er den Angriff
der Hamas am 7.Oktober 2023 begrüßt hatte.
## Präzedenzfall: Antisemitismus bei Corbyns Labour-Partei
Nahezu alle jüdischen Organisationen und Synagogenverbände kritisieren den
Beschluss schwer. Die Grünen hätten nun offen eine antisemitische Erklärung
getätigt und unter allen Menschen auf der Erde würden sie nur Juden das
Selbstbestimmungsrecht verweigern, so der Tenor.
Initiatorin des Antrags war die palästinensisch-britische Künstlerin
[9][Lubna Speitan]. Sie gesteht offen, und wiederholte es auch im Gespräch
mit der taz, dass sie in die Partei eingetreten sei, weil ihr
Parteimitglieder gesagt hätten, dass es bei den Grünen eine Chance gebe,
Zionismus zum Rassismus zu erklären. Dieses Ziel hat sie nun erreicht.
Der Schaden für die Grünen ist noch nicht abzusehen. Adam Wagner, Anwalt
und Berater der britischen Gleichberechtigungskommission [10][EHRC
(Equality and Human Rights Commission)], geht davon aus, dass der Beschluss
höchstwahrscheinlich rechtswidrig ist. Er verweist auf die
EHRC-Untersuchung der Labour-Partei im Jahr 2020, als der bisherigen
Führung von Jeremy Corbyn [11][institutioneller Antisemitismus
nachgewiesen] wurde.
„Durch die Prüfung der Labour-Partei durch die EHRC ist klar, dass die
Grünen Mitglieder mit gesetzlich geschützen Merkmalen wie Abstammung
(„Rasse“), Religion und Weltanschauung nicht diskriminieren darf,“ sagt
Wagner.
Ob es zu einer Klage vor der EHRC gegen die Grünen kommen wird wie einst
gegen Labour und wie sich die Entscheidung des Parteitages parteiintern
auswirkt, wird sich zeigen. Manche prophezeien das Ende der Parteiführung
Polanskis. Er gilt als Hauptaggregator der antizionistischen Haltung der
Partei unter dem Motto „Israel betreibt Völkermord, wählt Grün“. Bei den
Kommunalwahlen im Mai wurden zahlreichen grünen Kandidaten antisemitische
und gewaltverherrlichende Haltungen nachgewiesen.
Polanski gab damals offen seine Absicht zu, mit den gleichen Mitteln wie
Reform UK arbeiten zu wollen, also populistisch, aber „links“. Manche
stellen nun seine Parteiführung infrage. Dabei hilft es ihm nicht, dass er
wohl falsche Angaben zu seiner Familiengeschichte gemacht zu haben scheint.
Zack Polanski, der eigentlich David Paulden heißt, hat oft erzählt, dass
seine direkten Vorfahren vor dem Holocaust geflüchtet seien. In Wahrheit
waren alle seine Großeltern bereits vor Hitlers Machtergreifung nach
England ausgewandert oder lebten dort bereits.
5 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://en.wikipedia.org/wiki/Battle_of_Cable_Street
(DIR) [2] https://www.unitetheunion.org/news-events/events/the-battle-of-cable-street-90th-anniversary
(DIR) [3] https://greenparty.org.uk/
(DIR) [4] https://greenparty.org.uk/2026/10/04/green-party-adopts-anti-zionist-policy/
(DIR) [5] https://en.wikipedia.org/wiki/Caroline_Lucas
(DIR) [6] https://en.wikipedia.org/wiki/Si%C3%A2n_Berry
(DIR) [7] https://en.wikipedia.org/wiki/Zack_Polanski
(DIR) [8] https://en.wikipedia.org/wiki/Mothin_Ali
(DIR) [9] https://jazic.org/speaker/lubna-speitan/
(DIR) [10] https://www.equalityhumanrights.com/
(DIR) [11] /Untersuchung-wegen-Antisemitismus/!5724684
## AUTOREN
(DIR) Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
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