# taz.de -- Historikerin über Antisemitismus: „Was ist am Antizionismus so koscher?“
       
       > Unter einer dünnen Schicht kommt für sie der alte Judenhass zum
       > Vorschein: Die Historikerin Dina Porat über Antisemitismus von rechts und
       > von links.
       
 (IMG) Bild: Wo über gefährdete jüdische Gemeinschaften und den Zionismus diskutiert wurde: 3. Jüdischer Weltkongress 1953 in Genf
       
       taz: Frau Porat, Sie sind in Argentinien aufgewachsen? 
       
       Dina Porat: Ja, ich war sechs Jahre alt, als ich das Land verlassen habe.
       
       taz: Ihre Eltern waren aus Osteuropa ausgewandert? 
       
       Porat: Der Grund war der dort vorherrschende Antisemitismus. Meine Mutter
       kam aus Litauen aus der Gemeinde Raczki. Sie hatte Sprachen an der
       Universität studiert. 1932 wurde sie von nazistisch gesinnten Studenten
       verprügelt. Bald darauf verließ sie Litauen und ging nach Argentinien. Mein
       Großvater väterlicherseits ist in einer der [1][antijüdischen Pogrome in
       Osteuropa im Ersten Weltkrieg] getötet worden. Bis zu 200.000 Juden sind
       damals ums Leben gekommen. Ein älterer Bruder meines Vaters ging als Erster
       nach Argentinien, mein Vater folgte ihm. Die Familie stammte aus einem
       kleinen Ort in der Nähe von Pinsk in Belarus.
       
       taz: Wann haben Sie zum ersten Mal selbst Antisemitismus erlebt. War das in
       Argentinien? 
       
       Porat: Ich sah eine Aufschrift an einer Wand. Da stand: „Tötet die Juden“.
       Ich war fünf Jahre alt, ich konnte die Aufschrift nicht lesen. Ich kam nach
       Hause und fragte, was das zu bedeuten habe. Mein Vater sagte es mir. Er
       sagte dazu, daran erinnere ich mich genau, dass diejenigen, die das
       geschrieben hatten, keine guten Menschen seien. Und dass das nicht mit mir
       zu tun habe. Antisemitismus ist ja nicht das Problem der Juden. Die
       Antisemiten haben ein Problem. Sie glauben, es mit Angriffen auf uns lösen
       zu können.
       
       taz: Es ist unser Problem. 
       
       Porat: Ja, eindeutig.
       
       taz: Warum gingen Ihre Eltern damals nach Israel? 
       
       Porat: Sie waren überzeugte Zionisten. Mein Vater war führend in der
       jüdischen Gemeinschaft in Argentinien tätig. Er begründete dort die
       zionistische Jugendbewegung, die später in Israel Kibbuzim aufbaute.
       
       taz: Wie kamen Sie in Israel auf die Idee, dort die Geschichte des
       Holocaust und den Antisemitismus zu studieren? In den 1960er und 1970er
       Jahren gab es so ein Studienfach in Israel noch gar nicht, oder? 
       
       Porat: Sie haben vollkommen recht. Die Beschäftigung mit dem Thema begann
       zu Hause in Argentinien. Ich wurde 1943 geboren, folglich kamen einige
       Jahre später die ersten jüdischen Überlebenden ins Land. Meine Eltern
       führten ein offenes Haus. Die Überlebenden saßen in unserem Wohnzimmer und
       erzählten. Mein Vater arbeitete auch für den Jüdischen Weltkongress. Dort
       kamen Broschüren zu dem Thema heraus. Später gab er mir diese zum Lesen.
       Ich verstand als Kind nur, dass etwas sehr Schlimmes geschehen war.
       
       taz: Und in Israel? 
       
       Porat: Als ich an der Universität in Tel Aviv mit dem Studium der Jüdischen
       Geschichte begann, war ich schon davon überzeugt, dass der Jude nicht nur
       ein Individuum ist, sondern Teil eines Kollektivs, und dass man als
       Einzelner auch für dieses Kollektiv verantwortlich ist. Mein Studium begann
       Mitte der 1960er Jahre. Ich stellte fest, dass es überhaupt keine Lehre
       über den Holocaust gab. Ich fragte den Dekan. Er sagte mir, ich solle mich
       diesem Thema bloß nicht annähern. Ich würde verrückt werden, wenn ich mich
       mit dem Holocaust befassen würde. Später wollte er so etwas nie gesagt
       haben. Also begann ich, mich selbst um das Thema zu kümmern.
       
       taz: Machen wir einen Sprung in die heutige Zeit. In Berlin gab es kürzlich
       Landtagswahlen. Eine der gewählten [2][Abgeordneten hat gesagt, dass es
       kein Existenzrecht für Staaten] gebe. 
       
       Porat: Sagte sie das generell?
       
       taz: Ja. Allerdings ist sie stark in der Palästina-Solidaritätsbewegung
       engagiert. Eine andere Dame von derselben Partei Die Linke sagte, eine
       Befreiung Palästinas sei erst dann vollkommen, wenn Tel Aviv wieder in der
       Hand von Palästina liegt. Ist das Antisemitismus? 
       
       Porat: Absolut.
       
       taz: Antisemitismus von links ist kein neues Phänomen. Historische Figuren
       wie Stalin hatten antisemitische Überzeugungen. Heute sagen Vertreter
       dieser Richtung, sie seien gar keine Antisemiten, sondern lediglich
       Antizionisten. Haben sie recht? Oder ist Antizionismus auch antisemitisch? 
       
       Porat: Letzteres ist absolut richtig. Ich habe lange Zeit geglaubt, das sei
       nicht so. Wir alle dachten das. Wir glaubten, besonders exakt zu sein, wenn
       wir das eine Ereignis als antisemitisch, das andere als antizionistisch
       beschrieben. Aber dann verschwammen die Unterscheidungen. Das begann schon
       zu sowjetischen Zeiten, als die UdSSR antizionistisch agierte, dies aber
       mit antisemitischen Begrifflichkeiten tat. Die Bedeutung wuchs nach der
       [3][Konferenz von Durban im Jahr 2001]. Ich war damals bei dieser
       UN-Konferenz dabei. Innerhalb von nur zwei Tagen vergaßen viele Teilnehmer,
       was sie über Rassismus wussten. Es wurde zu einer anti-israelischen und
       gegen Juden gerichtete Veranstaltung.
       
       taz: Auf der Konferenz wurde Zionismus als eine Form des Rassismus
       definiert. 
       
       Porat: Es ging darum, Israel zu vernichten und die Juden zu töten. Es gab
       nur noch eine Begrifflichkeit, nicht mehr Antisemitismus und Antizionismus.
       Keine Unterscheidung mehr.
       
       taz: Stimmt der Eindruck, dass sich heutzutage viele rechtsgerichtete
       Gruppen betont israelfreundlich geben und [4][so tun, als würden sie alle
       Juden lieben …] 
       
       Porat: Das ist eine ganz dünne glänzende Oberfläche. Eine dünne Schicht,
       die so tut, als liebe sie Israel und verteidige das Land. Aber unter dieser
       dünnen Schicht kommt der alte Judenhass zum Vorschein.
       
       taz: Auf der anderen, linken Seite heißt es, man habe doch gar nichts gegen
       Juden, nur lehne man die rechte Regierung von Benjamin Netanjahu und den
       Krieg im Gazastreifen ab, kämpfe aber für die Freiheit der Palästinenser.
       Es scheint fast so, als würden alle die Juden lieben. 
       
       Porat: Das ist nur eine taktische Veränderung, aber es ist keine wirkliche
       veränderte Haltung. Das Image der Juden hat sich nicht verändert. Was sich
       verändert hat, sind die in der Politik verwendeten antisemitischen
       Werkzeuge. Und wenn ich fragen darf: [5][Was ist am Antizionismus so
       koscher?] Warum soll es besser sein, ein Antizionist als ein Antisemit zu
       sein? Antizionismus ist diskriminierend gegenüber einer einzigen Nation.
       
       taz: Weil sie keinen jüdischen Staat befürworten, wohl aber Staaten für
       alle anderen Völker? 
       
       Porat: Genau. Jede kleine Insel im Pazifik kann zum Staat werden, auch wenn
       es dort nicht immer lange Traditionen gegeben hat. Juden gibt es seit 3.000
       Jahren. Wir sollen beweisen, dass wir eines Staates würdig sind.
       
       taz: Kürzlich jährte sich der Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 7.
       Oktober zum dritten Mal. Damals wurden mehr als 1.200 Menschen ermordet und
       Hunderte entführt. Man sollte annehmen, eine solche Tat hat eine
       Solidaritätswelle mit Israel zur Folge. Aber das Gegenteil ist der Fall.
       [6][Es gibt keine Solidaritätsbewegung mit Israel]. Warum geschah dies? 
       
       Porat: Die Gründe sind, so glaube ich, folgende. Das Verbrechen wird
       bestritten, so wie der Holocaust bis heute bestritten wird. Je größer das
       Verbrechen, desto stärker das Dementi und umso schneller kommt dieses
       Dementi. Dieses Leugnen kommt nicht nur von der Hamas, sondern auch von
       denjenigen, die die Hamas unterstützen und sie als Freiheitskämpfer
       betrachten. Diesen Unterstützern war es nicht möglich, sich nach dem
       Massaker von 7. Oktober einzugestehen, dass sie falsch lagen. Dass sie
       Mörder und Vergewaltiger unterstützt haben. Also entschieden sie sich
       dafür, das Verbrechen zu negieren.
       
       taz: Die israelische Regierung unter Premierminister Benjamin Netanjahu
       entschied sich dafür, einen großen Krieg gegen die Hamas im Gaza-Streifen
       zu führen. Dabei starben auch viele tausend Zivilisten. Manche Menschen,
       die sich solidarisch mit Israel fühlen, glauben, dass dieser Krieg das
       Anwachsen des Antisemitismus im Ausland bestärkt hat. Ist diese Sichtweise
       richtig? 
       
       Porat: Der Krieg richtete sich nicht gegen Zivilisten. Der Krieg richtete
       sich gegen die Hamas. Es ging gegen ihre Hauptquartiere und die
       unterirdischen Tunnel.
       
       taz: Aber es starben auch viele Zivilisten. 
       
       Porat: Ja, unglücklicherweise und unbeabsichtigt. Aber der Krieg ging nicht
       gegen Zivilisten, sondern gegen die Hamas. Zivilisten wurden getötet. Aber
       daran trägt die Hamas die Schuld.
       
       taz: In Europa gibt es sehr viele Menschen – und keineswegs nur
       Hamas-Unterstützer – die glauben, dass Israel einen Genozid an den
       Palästinensern verantwortet. Das Image von Israel ist so schlecht wie seit
       Jahrzehnten nicht mehr. 
       
       Porat: Gleiches gilt auch in den Vereinigten Staaten, in der
       Film-Industrie, unter Akademikern. Wir sind Mülleimer. Aber warum konnte
       sich dieses Image so rasch und leicht verändern? Ich glaube, weil darunter
       der alte Antisemitismus durchscheint, [7][der in uns Juden ein Weltproblem
       sieht.]
       
       taz: Zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland teilt
       antisemitische Ressentiments. Dieser Prozentsatz hat sich seit Jahrzehnten
       kaum verändert, trotz aller Versuche dazu. Was glauben Sie hilft, den
       Antisemitismus zu bekämpfen? 
       
       Porat: Das ist sehr schwer zu sagen, aber ich glaube, dass eine Sache
       helfen könnte. Wenn diese Gefühle aus dem Unwissen über Juden entstehen,
       wenn man nicht wirklich weiß, was das Judentum ist, wenn man nicht
       einschätzen kann, was da im Nahen Osten eigentlich los ist, dann könnte man
       dies tun: die Kinder zu lehren, wer wir sind. Wer sind diese Juden?
       
       taz: Theodor Herzl hat im „Judenstaat“ geschrieben, dass die Juden ein
       eigenes Land besitzen müssen, um dem weltweiten Antisemitismus zu entgehen.
       Nun ist der Judenhass mit der Hamas in Israel selbst eingebrochen. Sind die
       Juden in Israel noch sicher? Hatte Herzl unrecht? 
       
       Porat: Ganz gewiss hat der Staat versagt. Das hat nichts mit Herzl zu tun.
       Herzl hatte recht damit, dass die Juden einen eigenen Staat brauchen. Aber
       wir haben an diesem Tag versagt. Wir haben schon vorher versagt. Wir haben
       es nicht kommen sehen. Wir waren nicht wachsam.
       
       25 Oct 2026
       
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