# taz.de -- Retrospektive zu Rammellzee: Sein Widerstand war zeitlebens ungebrochen
       
       > Rammellzee prägte die neuere amerikanische Popkultur, in der breiten
       > Öffentlichkeit ist er dennoch kaum bekannt. Das Museion in Bozen widmet
       > ihm nun eine große Retrospektive.
       
 (IMG) Bild: Rammellzee klebte aus Fundstücken Kostüme zusammen…
       
       Das Teil hier zu produzieren hat 80.000 Dollar und vier Jahre Lebenszeit
       gekostet, wiegt doppelt so viel wie ich und es benötigt 15 Menschen, um es
       mir anzuziehen“, feixt ein jungenhaft aussehender Mann in die Kamera. Das
       kurze Video zeigt den US-amerikanischen Künstler Rammellzee Anfang 1991
       kurz vor einer Ausstellungseröffnung in den Niederlanden. Das „Teil“ ist
       ein Exoskelett, bestehend aus kiloweise Kunststoff, Heißkleber und Epoxid.
       Füllt man Trockeneis ein, kann es auf Knopfdruck Rauch ausstoßen, erklärt
       Ramm, wie ihn Freunde und Bewunderer nennen, und überhaupt sieht das ganze
       Ding aus wie der leibgewordene Jungentraum eines jeden Lego-Technik-Fans.
       Zumindest von einem, mit ordentlich Streetcred.
       
       Wenige Exponate weiter dreht es sich dann in voller Pracht auf einer
       winzigen Bühne im Infrarotlicht um sich selbst: „Gasholear“ wie die
       tragbare Skulptur heißt, eine kugelsichere Konstruktion, ausgestattet mit
       Flammen- und Raketenwerfern, vier Lautsprechern, einem Vocoder und
       Stroboskoplichtern. Noch sieben weitere Jahre hat der New Yorker Künstler
       nach beschriebener Videoaufnahme daran gebaut, es immer wieder erweitert,
       repariert, optimiert.
       
       Nun ist dieser Berg Neonplastikwaffen gewordenes Erdöl und Kunstharz seit
       einer Woche ausgerechnet in den Tiroler Alpen zu sehen. Dort zeigt das
       Bozener Museion die Ausstellung „Rammellzee Time:line“ – die erste große
       Retrospektive der gleichnamigen New Yorker Graffiti- und HipHop-Ikone in
       Italien, einem artist’s artist: einem der wichtigsten und zugleich in der
       breiten Öffentlichkeit unbekannteren Künstler der neueren amerikanischen
       Popkultur.
       
       Geboren 1960 wuchs Rammellzee als Kind einer afro-amerikanischen Mutter und
       eines italienischen Vaters in Far Rockaway, Queens auf, nahe dem Endbahnhof
       der A-Train Subway-Linie. In den 1970er Jahren erscheinen [1][erste
       Graffitos] Rammellzees, der seinen Geburtsnamen ablegte und sich 1979
       offiziell umbenannte, auf den U-Bahnzügen der Linie A, noch unter
       wechselnden Pseudonymen. Schnell macht der junge Künstler sich einen Namen
       in der noch kleinen Szene. Der heutige Kultfilm „Wild Style“ von Charlie
       Ahearn macht ihn 1982 einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Doch da hatte
       die Karriere des jungen Künstlers schon lange begonnen.
       
       ## Museumsinternes Forschungsprojekt
       
       In einer fast nervig genauen Zeitschiene zeichnet die Ausstellung im
       Museion diese nach. Mit der Schau vertieft sich das Haus in eine
       Einzelposition, nachdem es im letzten Jahr eine große institutionelle
       Graffitiausstellung zeigte: Beide waren und sind Teil und Ergebnis eines
       museumsinternen Forschungsprojekts, welches gewaltfreien Formen des
       Widerstands und mit Kunst als sozialer und urbaner Praxis untersucht.
       
       Rammellzees Widerstand war zeitlebens ungebrochen. Als junger Mann erklärte
       er das Alphabet selbst zur Waffe, bemalte mit seinen Vorortfreunden die
       Züge, die dann ihre Namen und Botschaften in der für sie noch
       unerreichbaren Innenstadt verbreiteten und sie, die ungewollten ärmlichen
       Teenager, dort zu Helden machten – längst nicht nur Keith Haring ließ sich
       von ihnen inspirieren. Einige wenige frühe Werke auf Rolljalousien sowie
       aus Skizzenbüchern zeugen in der Ausstellung von diesen Anfängen. Dazu
       stellen die Kuratoren Hugo Vitrani und Cédric Fauq, die Teile der
       Retrospektive auch schon im Pariser Palais de Tokyo und im Capc Musée d’art
       contemporain de Bordeaux zeigten, Werke von Freunden und Wegbegleitern. Und
       das sind einige.
       
       1979 zieht Rammellzee nach Manhattan. Hier macht er die Bekanntschaft von
       [2][Fab 5 Freddy, der ihm die Downtownszene] vorstellt. Der junge Künstler
       kommt schnell und viel rum: Er trifft Francesco Clemente, freundet sich mit
       Martin Wong und [3][Jean-Michel Basquiat] an (von beiden hängen Arbeiten im
       Museion), tritt als Cameo im Jim Jarmusch Film „Stranger than paradise“
       auf, prägt mit seiner Band Gettovetts Musiker wie die Beastie Boys und
       Cypress Hill, nimmt zusammen mit William S. Burroughs auf. Sein Einfluss
       ist so vielseitig, reicht von der Gestaltung der Hintergründe [4][in
       Madonnas „HipHop“-Auftritt] bis zu Kollaborationen mit der Streetwear-Marke
       Supreme. Er schreibt Theorie-Manifeste, bedient sich bei Ideen der
       italienischen Futuristen, denkt ganz im Zeitgeist über [5][Afrofuturismus]
       und die Möglichkeit einer gleichen Menschheit im All nach, prägt und
       erfindet Begriffe wie Ikonoklast Panzerism und Gothic Futurism.
       
       ## Fluoreszierende Neonfarben
       
       Schon bald nach seiner Ankunft in Manhattan widmete sich Rammellzee teils
       großflächigen, geschichteten Epoxidarbeiten und Kostümen. Er arbeitet mit
       fluoreszierenden Neonfarben, gefundenen Objekten und Kunststoffschmuck,
       gießt Schichten um Schichten übereinander – und verweigert sich dabei
       jeglichem Arbeitsschutz.
       
       Als der US-amerikanische Galerist Jeffrey Deitch Rammellzee für eine
       Zusammenarbeit gewinnen will, kommt diese nicht zustande: Ramm besteht
       darauf, seine Kunstharzarbeiten direkt im Ausstellungsraum zu produzieren,
       doch Deitch will seine Mitarbeiter nicht den hochgiftigen Dämpfen
       aussetzen.
       
       Rammellzee stirbt 2010 mit nur 49 Jahren an den Folgen seiner sich über
       Jahre durch die Arbeit selbst zugefügten Vergiftungen. Seine Asche wird bis
       heute in einer pyramidenförmigen, verspiegelten, von Ramm selbst
       entworfenen Urne aufbewahrt, zusammen mit der Lösung zur Formel seines
       mysteriösen Namens. Auch das ein Exponant der Ausstellung.
       
       Vielleicht war es das frühe Malen auf den Zügen und den U-Bahn-Schächten,
       was Rammellzees Schaffen auch für ihn selbst für immer mit dem Extrem der
       Todesnähe verband. „Graffiti entstand in der Dunkelheit, wenn man nichts
       spüren, nichts berühren kann. Man kann sich auf nichts konzentrieren und
       nichts manipulieren.“ Heißt es da an einer Stelle als Zitat des Künstlers
       auf dem Zeitstrahl.
       
       Künstlerische Arbeiten, die als Gegenkultur genau nicht für
       Ausstellungsräume konzipiert waren, ins Museum zu bringen, birgt schnell
       die Gefahr einer spießigen archivarischen Auseinandersetzung. Im Museion
       rutschen die Kuratoren trotz oder gerade teils kitschiger
       Ausstellungsarchitektur haarscharf daran vorbei. Das dies gelingt, liegt
       auch an der radikalen Qualität des gezeigten Werks – auch das kann man
       nicht manipulieren.
       
       24 Oct 2026
       
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