# taz.de -- Studie zu Antisemitismus: „Eine neue antisemitische Normalität“
> Interviews mit Jüdinnen*Juden nach dem 7. Oktober zeigen, wie der
> Antisemitismus in Teilen der Gesellschaft grassiert. Insbesondere Kinder
> erfahren Mobbing.
(IMG) Bild: Um Mobbing zu entgehen, müssen jüdische Kinder ihre Identität zunehmend verstecken
Drei Jahre lang haben die Forscherinnen Marina Chernivsky und Friedrike
Lorenz-Sinai immer wieder Interviews mit Juden*Jüdinnen in Deutschland
geführt. Das Ergebnis ist [1][eine Studie], die am Montag veröffentlicht
wurde – und die so tiefgründig und präzise wie keine andere bisher
ausleuchtet, was Juden*Jüdinnen in Deutschland seit dem 7. Oktober 2023
erleben.
Zentraler Befund ist der einer „neuen antisemitischen Normalität“, [2][in
der sich viele der Befragten sehen]. Die Bilder des Hamas-Terrors, das
Schicksal von Verwandten und Bekannten in Israel aber auch die gefühlskalte
Reaktion der nicht-jüdischen Öffentlichkeit habe einen psychologischen
Bruch bei vielen der Befragten verursacht. Sie berichten von weggebrochenem
Vertrauen, verlorenen Freundschaften, von subtiler Ausgrenzung und offen
antisemitischer Diskriminierung. Viele der Befragten reagierten darauf mit
sozialem Rückzug, teils aber auch mit einem Zusammenrücken innerhalb der
jüdischen Communitys, die Halt und Sicherheit böten.
Die Studie profitiert von der interdisziplinären Ausrichtung der
Autorinnen: Chernivsky ist Psychologin und leitet das Kompetenzzentrum
antisemitismuskritische Bildung und Forschung in Berlin. Lorenz-Sinai ist
Professorin für sozialwissenschaftliche Antisemitismusforschung am Institut
für Rechtsextremismusforschung der Uni Tübingen. Sie sagen: „Die Erfahrung
eines passiven wie auch übergriffigen Umfelds führt zur Neuordnung von
Zugehörigkeiten und Sicherheitsüberzeugungen.“ Es schränke ein „in der
gesellschaftlichen Teilhabe“.
Für das Forschungsprojekt sprachen die Forscherinnen auch gezielt mit
jüdischen Kindern und deren Eltern. Mit bedrückenden Ergebnissen: Jüdische
Kindern müssten ihre Identität zunehmend verstecken, um Mobbing und
Benachteiligung zu entgehen. Eltern sähen sich gezwungen, ständig
Sicherheitsrisiken abzuwägen. Ergebnis sei „eine Art jüdischer
Unsichtbarkeit“.
## „Existenzielle Konsequenzen“
Gefördert wurde die Studie von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.
Deren Leiterin, Ferda Ataman, sprach am Montag von „existenziellen
Konsequenzen“ durch den Antisemitismus. Diese reichten „von der
Benachteiligung bei der Wohnungs- und Arbeitssuche über Verweigerung der
Bedienung im Restaurant bis hin zu Mobbing in der Kita und im
Klassenzimmer.“ Der Schutz vor Diskriminierung müsse verbessert werden,
auch durch Änderung beim Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz, das bisher
zahlreiche Lücken hat.
5 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://koas-bildungundforschung.de/forschung-projekte/bundesweite-studie-zu-den-auswirkungen-des-terroristischen-anschlags-am-7-oktober-2023-auf-die-juedische-und-israelische-community-in-deutschland/
(DIR) [2] /Soziologin-und-Psychologin-zu-Judenhass/!6133189
## AUTOREN
(DIR) Frederik Eikmanns
## TAGS
(DIR) Antisemitismus
(DIR) Zentralrat der Juden
(DIR) Israel
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Podcast „Bundestalk“
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Jahrestag 7. Oktober: Fast 12.500 Strafverfahren zum Nahost-Konflikt in Berlin
Seit dem Terrorangriff auf Israel hat der Antisemitismus zugenommen. Wie
aufgeheizt die Stimmung ist, zeigen auch Zahlen der Justiz.
(DIR) Berliner Linke unter Druck: Antisemitismus, Gaza und die Machtfrage
Seit ihrem Wahlsieg streitet die Republik über Antisemitismus in der
Berliner Linken. Was ist dran an den Vorwürfen und hat Rot-Grün-Rot eine
Zukunft?
(DIR) Analyse zu Hintergründen: Deutlich mehr rechtsextremer als islamischer Antisemitismus
Die Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus haben die Motivation
hinter judenfeindlichen Vorfällen seit 2019 untersucht. Religiöser Hass ist
vergleichsweise selten.